Mobbingprävention in der Kita anders gedacht: Wie frühkindliche Reflexe Täter, Opfer und Mitläufer beeinflussen
Ob auf dem Spielplatz, am Bauteppich oder im Morgenkreis: Konflikte gehören zum Entwicklungsalltag von Kindern. Ebenso gehören dazu klare Absprachen – nicht hauen, miteinander sprechen statt schubsen, respektvoll bleiben.
Kinder kennen diese Regeln. Sie wissen, was vereinbart wurde - und wollen sich meist auch daran halten. Und doch erleben pädagogische Fachkräfte immer wieder, dass genau in der entscheidenden Situation geschubst, gekratzt oder beschimpft wird. Befragt man Kinder im Nachhinein, reagieren sie oft hilflos: „Ich wollte das nicht." - „Es ging einfach nicht."
Dieses „Es ging einfach nicht" verdient in der Mobbingprävention besondere Aufmerksamkeit. Denn es verweist auf eine Dimension kindlichen Verhaltens, die über Einsicht und Moral hinausgeht.
Ich habe viele Jahre Mobbing-Präventionskurse geleitet und genau das beobachtet: Kinder, die wussten, was richtig ist – und es trotzdem nicht umsetzen konnten. Irgendwann habe ich aufgehört, nach besseren Erklärungen zu suchen, und angefangen, den Körper dieser Kinder ernst zu nehmen. Als Reflexintegrationstrainerin lese ich Verhalten heute anders.
Was sind frühkindliche Reflexe – und was haben sie mit Verhalten zu tun?
Wenn ein Baby auf die Welt kommt, kann es fast nichts. Es kann nicht den Kopf heben, sich nicht drehen, nicht greifen – geschweige denn sitzen oder laufen. Und es versteht auch nicht, was Mama meint, wenn sie sagt: „Heb mal den Kopf hoch."
Trotzdem schafft es jedes gesunde Kind innerhalb von etwa zwölf Monaten, sich vom hilflosen Rückenlage-Baby zum aufrecht stehenden Kleinkind zu entwickeln. Drehen, Robben, Krabbeln, Hochziehen, Stehen, Laufen – eine enorme Leistung. Aber wie funktioniert das, wenn niemand es dem Baby beibringen kann?
Die Natur hat dafür vorgesorgt: Jedes Baby bringt seine eigenen „Fitnesstrainer" mit auf die Welt – die frühkindlichen Reflexe. Das sind automatische Bewegungsmuster, die genau zur richtigen Zeit die richtigen Muskeln aktivieren und so den gesamten Aufrichtungsprozess steuern. Das Baby „trainiert", ohne es zu wissen.
Und dabei passiert weit mehr als Muskelaufbau. Jede Bewegung, die das Baby macht, liefert dem Gehirn Informationen: über den eigenen Körper – welche Kraft muss ich aufwenden, wie stehen meine Gelenke? – und über die Umwelt – wo ist oben, wo ist unten, wie weit ist der Boden weg? So entwickelt sich die Eigenwahrnehmung, und gleichzeitig werden Orientierung und Gleichgewicht geschult.
Jede dieser Bewegungen legt neue Nervenverbindungen im Gehirn an. Schritt für Schritt reift das Nervensystem: vom Hirnstamm (der die Reflexe steuert) über das limbische System (das Gefühle verarbeitet) bis zum präfrontalen Kortex – dem Bereich hinter der Stirn, der dafür sorgt, dass ein Kind einen Impuls spüren und trotzdem erst nachdenken kann, bevor es handelt.
Der Aufrichtungsprozess ist also weit mehr als Motorik. Er ist das Fundament für Impulskontrolle, Einfühlungsvermögen und die Fähigkeit, sich in einer Gruppe zurechtzufinden. Und die frühkindlichen Reflexe sorgen dafür, dass dieser vollzogen werden kann.
Warum läuft dieser Prozess bei vielen Kindern nicht vollständig ab?
Doch viele Babys kommen heute kaum dazu. Sie verbringen einen großen Teil ihrer wachen Zeit in Wippen, Autositzen oder Lauflernhilfen – Situationen, in denen sie sich nicht frei bewegen können. Manche Kinder liegen im Schlafsack oder Pucktuch, ohne sich drehen oder strampeln zu können.
Gleichzeitig werden schon die Kleinsten oft mit Reizen überflutet: Rasseln, die gleichzeitig blinken und Geräusche machen. Spielbögen, an denen bunte, vor Farbe schreiende Dinge herabbaumeln. Fühlteppiche, die viel zu viele Sinne gleichzeitig ansprechen. Und dazu Fernseher, die ununterbrochen im Hintergrund laufen – oder Smartphones und Tablets, die viel zu früh zum Einsatz kommen.
Das Nervensystem eines Babys braucht aber keine Dauerunterhaltung. Es braucht Ruhe, Wiederholung und die Möglichkeit, sich aus eigener Kraft zu bewegen. Fehlt das – durch zu wenig Bodenbewegung, durch Reizüberflutung, aber auch durch Faktoren wie Kaiserschnitt-Geburten, Frühgeburtlichkeit oder frühen Stress – können bestimmte Reflexe nicht vollständig gehemmt werden.
Die Folge: Die „Fitnesstrainer" bleiben aktiv, obwohl sie ihre Arbeit längst erledigt haben sollten. Das Nervensystem hängt in einer früheren Entwicklungsstufe fest. Die Verbindung zwischen Gefühl und Steuerung ist nicht ausgereift – und das Kind reagiert auf bestimmte Reize automatisch, ohne eine echte Wahl zu haben.
Drei frühkindliche Reflexe, die im Gruppenalltag besonders auffallen
Der Moro-Reflex (Schreckreflex)
Bei Neugeborenen sorgt er dafür, dass das Baby bei plötzlichen Reizen die Arme ausbreitet und schreit – eine Art Alarmanlage. Bleibt er aktiv, lebt das Kind in Dauerspannung. Stresshormone werden dauerhaft ausgeschüttet. Die Reizschwelle sinkt so weit ab, dass das Nervensystem schon bei Kleinigkeiten „Lebensgefahr" meldet.
So kann das im Gruppenraum aussehen:
- Das Kind rastet bei Kleinigkeiten aus – ein lautes Geräusch, ein Stups reichen
- Es muss Situationen kontrollieren und bestimmen, wer was macht
- Oder es zieht sich komplett zurück, wird still, will nicht mitspielen
- Ein leichter Rempler im Flurgedränge – und das Kind schlägt sofort zu. Nicht aus Bosheit, sondern weil das Stammhirn den Rempler als Angriff wertet, bevor der Kopf prüfen kann, ob es ein Versehen war
- Andere Kinder merken schnell, dass sie mit wenig Aufwand eine große Reaktion bekommen. Das Kind wird zum Ziel von Provokationen – und gilt gleichzeitig als „der Aggressive"
Der Furcht-Lähmungs-Reflex
Dieser Reflex (siehe Teaserbild) entwickelt sich noch vor dem Moro-Reflex – als Schutzreaktion des Fötus auf Stress. Bleibt er aktiv, hat das Kind eine extrem niedrige Stresstoleranz und ist gegenüber Sinnesreizen überempfindlich.
So kann das auf dem Spielplatz aussehen:
- Das Kind erstarrt in Konfliktsituationen – es steht da und tut nichts
- Es lässt alles über sich ergehen, ohne sich zu wehren
- Manche Kinder sprechen nur mit vertrauten Bezugspersonen
- Ein anderes Kind droht oder beschimpft es – und alles friert ein: der Körper, die Stimme, der Blickkontakt. Es kann weder antworten noch weglaufen. Diese totale Wehrlosigkeit wird von anderen oft als Einladung für weitere Schikanen gelesen
- Das Kind verweigert Ausflüge, Feste oder neue Situationen – nicht aus Trotz, sondern weil die unvorhersehbare Umgebung das System überfordert. In der Gruppe gilt es dann schnell als „Angsthase" oder „Außenseiter"
Der STNR (Symmetrisch Tonischer Nackenreflex)
Dieser Reflex hilft Babys beim Übergang vom Liegen zum Krabbeln. Bleibt er aktiv, hat das Kind große Schwierigkeiten, sich zu behaupten – es kann schlecht „Nein" sagen und sich gegen den Einfluss anderer kaum abgrenzen.
So kann das im Alltag aussehen:
- Das Kind mag nicht auf Klettergerüste klettern, hat Schwierigkeiten, bei Ballspielen mitzuhalten. Beim Toben oder im Sportunterricht wird es gehänselt, was das Selbstwertgefühl weiter untergräbt
- Ein dominantes Kind stiftet es zu etwas an – und es macht mit, obwohl es genau weiß, dass es falsch ist. Ihm fehlt buchstäblich die innere Aufrichtung, um standzuhalten. Dieses körperliche „Sich-nicht-halten-Können" überträgt sich auf die Psyche: Es wird zum Mitläufer, der dem Gruppendruck nachgibt
Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein Junge in der Kita drohte anderen Kindern und Erzieher:innen mehrmals täglich mit den Fäusten. Er biss, schubste – einmal eskalierte eine Situation so sehr, dass eine pädagogische Fachkraft beinahe die Treppe hinuntergestürzt wäre, weil er sich völlig unvorhergesehen zu ihr umdrehte und sie stieß.
Das Team war ratlos. Der Junge – an sich ein liebenswerter kleiner Kerl, der bei normaler Ansprache zugänglich und verständig war – explodierte völlig unvorhersehbar und in immer heftigerem Ausmaß. Kinder mieden ihn aus Angst vor seinen Übergriffen. Auch die Erzieher:innen vermieden den direkten Kontakt, was im Alltag natürlich kaum möglich war.
Im Rahmen der Reflexintegration zeigte sich: Sein Moro-Reflex war hochaktiv, sein Körper in permanentem Alarmzustand. Nach einigen Monaten gezielter Übungen konnte er seine Wut erstmals benennen statt zuzuschlagen. Er sagte: „Ich bin wütend." Ein riesiger Schritt.
Täter, Opfer, Mitläufer – was das Nervensystem damit zu tun hat
Die klassischen Rollen im Mobbing-Geschehen haben oft eine körperliche Komponente, die übersehen wird.
Das Kind, das zuschlägt, ist nicht unbedingt „böse." Wenn der Moro-Reflex aktiv wird, schaltet sich der präfrontale Kortex regelrecht ab. Das Kind reagiert mit einem Kampf-Muster – bevor der Kopf mitdenken kann.
Das Kind, das alles über sich ergehen lässt, ist nicht „schwach." Ein aktiver Furcht-Lähmungsreflex sorgt dafür, dass der Körper einfriert. Ist auch der STNR noch aktiv, fehlt zusätzlich die innere Kraft, sich zu wehren.
Das Kind, das mitmacht, obwohl es weiß, dass es falsch ist, hat ein Nervensystem in dauerhafter Anpassung. Wenn das limbische System nicht ausreichend mit dem Frontallappen vernetzt ist, entsteht ein starkes Bedürfnis, es anderen recht zu machen. Dieses Kind folgt der Gruppe, weil der innere Stress zu groß ist, um eigenständig zu handeln.
Warum klassische Mobbingprävention allein oft nicht reicht
In den meisten Mobbing-Präventionsprogrammen lernen Kinder drei Strategien: „Stop" sagen, wenn jemand eine Grenze überschreitet. Sich umdrehen und weggehen. Und sich Hilfe holen, wenn es körperlich wird.
Das sind gute Strategien. Und in der Theorie funktionieren sie auch – die meisten Kinder verstehen sie sofort. Aber denkt man die vorher beschriebenen Zusammenhänge weiter, wird klar: Für Kinder mit restaktiven frühkindlichen Reflexen ist die Umsetzung dieser Strategien oft schlicht nicht möglich.
Nicht, weil sie es kognitiv nicht verstanden hätten, sondern weil ihr Nervensystem sie blockiert.
- Das Kind mit aktivem Moro-Reflex will sich umdrehen und weggehen – aber sein Stammhirn hat längst auf Kampf geschaltet. Es schubst, bevor es nachdenken kann.
- Das Kind mit aktivem Furcht-Lähmungsreflex will „Stop" sagen - aber seine Stimme versagt, sein Körper erstarrt.
- Und das Kind mit aktivem STNR will sich Hilfe holen - aber ihm fehlt die innere Aufrichtung, um diesen Schritt überhaupt zu gehen.
Solange ein Kind „Diener seiner Reflexe" ist, hat es keine echte Wahlfreiheit in seinem Handeln. Erst durch die Integration dieser Reflexe – zum Beispiel durch gezielte rhythmische Bewegungen – wird die Basis geschaffen, damit der präfrontale Kortex die Führung übernehmen kann. Damit das Kind agieren kann, statt nur zu reagieren.
Was pädagogische Fachkräfte tun können: Zwei Übungen für den Gruppenalltag
„Wenn Gefühle der Angst oder Furcht stärker sind als die Logik, werden auf lange Sicht die Gefühle gewinnen." Die folgenden Übungen helfen, die „biologische Hardware" zu beruhigen, damit die „pädagogische Software" wieder greifen kann.
Sie ersetzen keine umfassende Reflexintegration, aber sie sind ein erster Schritt, den jede Fachkraft sofort gehen kann.
Hook-up – Erste Hilfe, wenn es gerade knallt
Wenn Kinder unter Stress stehen, helfen Worte oft nicht weiter. Sie sind aufgewühlt, überfordert, vielleicht wütend oder traurig – und für Ansprache gerade nicht erreichbar. Hook-up ist in solchen Momenten wie ein innerer Anker: eine einfache Haltung, die den Körper beruhigt und den Alarmzustand löst – ganz ohne Worte.
Hook-up aktiviert den Parasympathikus – also den Teil des Nervensystems, der für Ruhe und Sicherheit zuständig ist. Gleichzeitig werden beide Gehirnhälften verbunden, was Konzentration und klares Denken unterstützt.
So geht's:
- Stelle dich aufrecht hin, Arme und Beine locker.
- Überkreuze die Beine.
- Überkreuze nun auch die Arme – und zwar so, dass der Arm oben ist, wo auch das Bein vorne steht (Arm und Bein derselben Körperseite sind vorn).
- Verschränke die Hände ineinander, drehe sie nach innen und ziehe sie sanft Richtung Brust.
- Wenn du magst, schließe die Augen.
- Halte die Position für einige ruhige Atemzüge.
- Dann löse die Haltung und wiederhole mit der anderen Seite.

So kann das im Alltag aussehen: Zwei Kinder haben sich gestritten, beide sind aufgelöst. Bevor du das klärende Gespräch führst, machst du mit beiden eine Runde Hook-up. Dreißig Sekunden, still, im Stehen. Danach sind beide etwas runtergefahren – und das Gespräch kann weniger emotional aufgeladen stattfinden.
Genauso gut könnt ihr diese Übung zum Beginn des Morgenkreises oder der Mittagsruhe-Phase etablieren. Sie sorgt für eine bessere Aufnahmefähigkeit der Kinder, eine ruhigere Atmosphäre und weniger abgelenkt sein.
Seestern (stehend) – die tägliche Routine für die ganze Gruppe
Diese Übung verbindet Öffnen und Schließen des Körpers mit bewussten Überkreuzbewegungen. Sie spricht mehrere Reflexmuster gleichzeitig an und lässt sich wunderbar als festes Ritual in den Gruppenalltag einbauen.
So geht's:
- Das Kind steht aufrecht.
- Arme und Beine weit ausbreiten, den Kopf sanft in den Nacken legen und nach oben schauen – wie ein Seestern. 5 Sekunden halten.
- Dann den Körper in eine halbe Hocke bringen: rechter Arm über den linken, rechtes Bein über das linke, Kopf nach vorne unten beugen – ganz klein machen. 5 Sekunden halten.
- Wieder öffnen zum Seestern, Kopf nach oben. 5 Sekunden halten.
- Wieder in die Hocke – diesmal linker Arm über rechts, linkes Bein über rechts, Kopf nach vorne unten. 5 Sekunden halten.
- Den ganzen Ablauf 5- bis 7-mal wiederholen.
Warum das hilft: Der Wechsel zwischen weit geöffneter und eng verschlossener Körperhaltung ahmt das Moro-Reflexmuster nach – aber bewusst und kontrolliert. Die Überkreuzungen unterstützen zusätzlich die Vernetzung beider Gehirnhälften und stärken die Verbindung zum präfrontalen Kortex.
Wann einsetzen: Als festes Ritual zu Beginn des Morgenkreises, nach der Mittagspause oder als Bewegungspause zwischendurch.
Was das für die Mobbingprävention bedeutet
Mobbingprävention, die den Körper einbezieht, ersetzt keine pädagogische Arbeit. Aber sie schafft die neurologische Grundlage dafür, dass Kinder das, was sie verstanden haben, auch umsetzen können.
Literaturhinweise
- Goddard Blythe, S. (2021): Greifen und BeGreifen. VAK Verlag.
- Blomberg, H.: Bewegungen, die heilen. VAK Verlag.
- Konicarova, J. & Bob, P. (2013): Persistence of Primitive Reflexes and Associated Motor Problems in Children with ADHD. Activitas Nervosa Superior.
- Gieysztor, E. et al. (2018): Prevalence of Active Primitive Reflexes and Their Impact on Sensory and Motor Skills in Preschool Children. Advances in Clinical and Experimental Medicine.
- Hannemann, C. (2026): Was macht eine Reflexintegrationstrainerin? Frühkindliche Reflexe verständlich erklärt,https://awesomeacademy.de/reflexopedia/fruehkindliche-reflexe-erklaert
- Konicarova, J. et al. (2020): Effects of a 12-Week Exercise Intervention on Reflex Retention and Behavioral Outcomes in Children with ASD/ADHD. Frontiers in Neurology.
- Goddard Blythe, S. (2023): Reflexes, Movement, Learning & Behaviour. Hawthorn Press.
- Sieber, C. & Queißer, C. (2019): Wieder im Gleichgewicht. Kösel Verlag.
Über die Autorin

Claudia Hannemann ist Reflexintegrationstrainerin, Mutter von vier Jungs sowie Gründerin von zwei Kitas und einer Grundschule. Sie hat viele Jahre Mobbing-Präventionskurse geleitet und bildet heute in der von ihr gegründeten Awesome Academy pädagogische Fachkräfte in Reflexintegration aus. Im frei zugänglichen Reflexopedia finden Fachkräfte und Eltern fundiertes Wissen rund um frühkindliche Reflexe und ihre Auswirkungen auf Verhalten, Lernen und Entwicklung.
Bildnachweise: @awesomeacademy
Ihre Meinung ist gefragt!
Diskutieren Sie über diesen Beitrag.
Kommentare (2)

