mehrere Kinder

Nochmal die Frage: Schreib- oder Grundschrift?

Hilde von Balluseck

06.09.2011 Kommentare (1)

In unserer Meldung vom 2.9. haben wir darüber berichtet, dass die Ansichten zu diesem Thema sehr auseinander gehen. Erst danach kam ich dazu, die Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 1. September zu lesen. Die FAZ, liebe LeserInnen, sponsort wie der Tagesspiegel ErzieherIn.de mit einem Frei-Abo. In der genannten Ausgabe findet sich ein Artikel von Heike Schmoll, der meiner Neutralität gegenüber dieser Frage eine schwere Niederlage erteilt hat. Die Autorin berichtet:

  • Ein Kind, dessen Eltern von Berlin nach Brandenburg umzogen, konnte in der zweiten Klasse der Lehrerin nicht folgen, die mit Schreibschrift an die Tafel schrieb. Der Junge hatte in Berlin eben nur die Druckschrift gelernt. Die Eltern mussten darum kämpfen, dass ihr Kind nochmal die erste Klasse besuchen durfte. 
  • Kinder in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen lernen in der ersten Klasse die Druckschrift, in der zweiten die Schreibschrift. Auch beim Erlernen der Druckschrift wird schon auf die korrekte Rechtschreibung geachtet. In der vierten Klasse können die meisten Kinder deutsch im Wesentlichen fehlerfrei schreiben.
  • In anderen Bundesländern dürfen die Kinder so schreiben, wie sie die Worte hören. Damit ergeben sich große Rechtschreibeschwierigkeiten.
  • In zwei vierten Klassen in Bremen gab es nicht einen einzigen Schüler, der fehlerlos schrieb. Hingegen geben Thüringer Schüler der dritten Klasse nahezu fehlerlose Texte mit einem vergleichsweise größeren Wortschatz ab. 
  • Die schlechten Leistungen der Grundschüler, bedingt durch einen verhängnisvollen Verzicht auf Leistung, führen zu Rechtschreibeschwierigkeiten bis ins Gymnasium. Dort kann dann die Bescheinigung, der/die SchülerIn sei LegasthenikerIn dafür sorgen, dass die fehlenden Rechtschreibkenntnisse die Noten nicht negativ beeinflussen. Schmoll konstatiert einen enormen Missbrauch dieses Scheins. Während die "echen" LegasthenikerInnen ca. vier Prozent der Bevölkerung ausmachen, wird die Bescheinigung in Schleswig-Holstin von der Schule ausgestellt und der Anteil der LegasthenikerInnen beträgt 13 Prozent.

Die (SPD-regierten) Bundesländer, die auf diese Weise das Niveau der Schulleistungen senken, haben überdies "dafür gesorgt, dass beim Grundschulvergleichstest Iglu die Orthographie ausgeklammert wird. Rechtschreibung wird nur in einer nationalen Stichprobe getestet, aus der nicht hevorgeht, wie die einzelnen Länder abgeschnitten haben."

Überdies wurde der Grundwortschatz, den alle Kinder am Ende der vierten Klasse beherrschen sollen, in allen Ländern gesenkt.

Wie groß wird wohl die Gruppe der RisikoschülerInnen werden, die über das Grundschulniveau nicht hinauskommen? Heute sind es 18 Prozent. Und die Autorin schließt ihren Artikel mit den Worten: "Das ist nicht nur volkswirtschaftlich ein Desaster, sondern eine Bankrotterklärung der Primarstufe, ein Versäumnis, das keine weiterführende Schule aufholen kann."

Das sind in der Tat beängstigende Aussichten. Während in der Frühpädagogik auf Förderung und Bildung in allen Bereichen gesetzt wird, umgeht die Grundschule in manchen Bundesländern offenbar ihren eigentlichen Auftrag, nämlich Bindeglied zwischen Frühförderung und erfolgreicher Schulkarriere zu sein.

Quelle: Heike Schmoll: Viele Grundschüler können nicht schreiben. In: FAZ, 1.9.2011, S. 9

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Kommentare (1)

Susanne Dorendorff 11 September 2011, 19:26

Seit Gründung des Grundschulverbands (0969) tickt in der Grundschule eine Art Verdummungsbombe, die sich langsam dem Bersten nähert. Wann endlich ist eine Zeitung bereit, die Öffentlichkeit darüber zu informieren, dass Grundschullehrer/innen keine Schreib-Fakultas (Schreiblehrbefähigung/berechtignung) erwerben KÖNNEN?! Wann werden SchreibLEHR-Seminare an der Uni angeboten, die sich statt mit kreativem Schreiben (Texten), tatsächlich mit dem Erwerb der Kenntnisse über Kinderhandschrift befassen?! Der Grundschulverband schafft die Schreibschrift und den dazugehörenden Schreibunterricht ab, nicht weil die Kinder zu unmotiviert und grafomotorisch gestört sind, sondern weil weder Lehramts- noch Pädagogikstudium „Schreiben-lehren“ im Programm haben. Die Gründung des Vereins Lesbar schreiben e.V. (www.lesbar-schreiben.org) ist eine Reaktion auf das 40 jährige Grundschul-Desaster, er hat sich dieser Problematik angenommen und mit professioneller Schreiblehrausbildung für Vor- und Grundschullehrer begonnen. Die Nachfrage ist ebenso groß wie die seelischen Qualen der bisher in den Schulen mangelhaft unterrichteten Kinder. Mit freundlichen Grüßen Susanne Dorendorff

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