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mehrere Kinder

Ökonomisierung der Kindheit? Meinetwegen! …. Aber dann bitte richtig.

Bruno Capra

12.06.2020 | Fachkommentar Kommentare (1)

Franziska Giffey, Ministerin für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, präsentiert in den letzten Tagen die Aufwendung von zwei Milliarden (oder sind insgesamt 3? - Irrelevant!) aus dem neu beschlossenen Konjunkturpaket als familienpolitischen Erfolg.

Ich spreche bewusst nicht von „Investition“ denn der Plan, der vorgelegt wird, erinnert mich eher an eine kurzfristige und kurzsichtige Unterstützung der Wirtschaft, als an eine wahrhafte Investition in die Zukunft.

Zwei Milliarden. Es klingt für Menschen wie mich nach viel Geld. Im Verhältnis betrachtet, entspricht diese Summe gerade 1,5 % des 130 Milliarden-Pakets. Und das für einen Bereich des öffentlichen Lebens, der etliche Millionen Bürger betrifft: Kinder, Familien, Fachkräfte.

Nun zu den Details, aber da gibt es eben keine. Im übertragenen Sinne werden lediglich wieder die altbekannten „Schubladen“ aufgezogen. Von dem, was sich konkret verbessern soll, fehlt eine konkrete Beschreibung. Alles wie bisher. „Mehr desselben“ also.

Meine persönliche bescheidene ökonomische Analyse?

Ganz einfach: Es werden 2 Milliarden ausgegeben, die in der ersten Phase dem wirtschaftlichen Kreis der Planer, Bauunternehmen, Raumausstatter usw. zugute kommt. Entstehen soll eine Betreuungsinfrastruktur, welche der Wirtschaft die Verfügbarkeit von tausenden Arbeitskräften zusichert. Die Betriebskosten dieser Struktur werden in den darauffolgenden Jahren von Eltern, pädagogischen Fachkräften und den Unternehmen, die davon profitieren, getragen. Sofern es sich bei den Unternehmen nicht um welche handelt, die dank Steuervermeidungsmodellen ihre Gewinne woanders „versteuern“.

Am Ende bleibt also ein steuerfinanzierter Dienstleistungsapparat für die Wirtschaft. Die zwei Milliarden wird die aktuelle Kindergeneration in 20 Jahren irgendwie tilgen müssen.

„Kitas sind ja Bildungsinstitutionen!“ werden viele jetzt schreien. Und da sage ich: Dafür fehlen mir die Hinweise. Nicht überall wo „Bildung“ darauf steht, ist auch wirklich Bildung drin.

Dass Kinder sich bilden und weiterentwickeln, liegt in erster Linie an der Familie und an unserer wunderbaren menschlichen Natur. Da trägt die Schublade des quantitativen Kita Ausbaus wenig bis gar nichts dazu bei (1). 

Wozu Institutionen wirklich beitragen könnten, ist die maximale Entfaltung des individuellen Potenzials und zur Chancengleichheit bei Kindern in einer benachteiligten Ausgangssituation.

Ich betone „könnte“, denn dafür sind ganz anderen Voraussetzungen nötig als die, die bis jetzt geschaffen wurden. Ich spreche von Betreuungssettings, die den Bedürfnissen des Kindes gerecht werden. Dazu gehören selbstverständlich: qualifizierte pädagogische Fachkräfte, eine entsprechende Fachkraft-Kind-Relation und adäquate räumliche Gegebenheiten.

Solche Ansätze sind in dem „Konjunkturpaket“ nicht zu erkennen.

Würde man aber die genannten Qualitätsaspekte jetzt schon in der Planung berücksichtigen, dann ergäbe sich eine andere ökonomische Bilanz: 

  1. Zwei Milliarden sofort für Planung, Bau usw.                                   ( = )
  2. Verfügbarkeit von Arbeitskräften (wahrscheinlich weniger)             (-)
  3. Ausgleich von Chancenbenachteiligung                                          (+)
  4. Optimale individuelle Entfaltung der Kinder                                    (+)
  5. Minderung zukünftiger Sozialausgaben                                          (+)
  6. Minderung zukünftiger Gesundheitsausgaben                                (+)
  7. Minderung zukünftiger Sicherheitsausgaben                                  (+)
  8. Gesamtgesellschaftliche höhere „Produktivität“                              (+)

Alle Aspekte lassen sich sicherlich ziemlich genau quantifizieren. Die Berechnung dürfte einiges kosten, aber im Anbetracht der „Investition“ dürften ein paar Millionen für das Gutachten gut angelegtes Geld sein. Die „Fiskalische Effekte“ müssten allerdings diesmal etwa breiter gefasst werden und in einem Zeithorizont betrachtet werden, der weit über eine Legislaturperiode hinaus reicht.

Was eine gute Investition ausmacht, ist ein tragfähiges Konzept, das ausreichend finanziert ist. Alles anderes ist aus meiner Sicht eine reine Ausgabe und was wir jetzt verpulvern, ist das Geld unserer Kinder.

Dieser Verantwortung sollten wir uns bewusst sein.

(1)   s. als Beispiel: Becker-Stoll, Fabienne (2014): „Schriftliche Stellungnahme zur öffentlichen Anhörung zur Verbesserung des Ausbaus und der Qualität der Kindertagesstätten im Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend des Deutschen Bundestages“. 
Beim Bundestag und im Netz verfügbar

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Kommentare (1)

Angelika Mauel 16 Juni 2020, 13:39

Der Aspekt, dass Krippen und Kitas als Bildungsinstitution als unerlässlich wichtig dargestellt werden, verdient unbedingt Beachtung. Gerade Erzieher, die selbst Kinder haben, sehen doch im Vergleich sehr gut, was Kinder alles im eigenen Zuhause lernen können. Wie bereits gesagt: Sie sind Selbstlerner und es ist vermessen so zu tun, als seien Eltern mehrheitlich nicht in der Lage den Jüngsten das zu vermitteln, was Erzieherinnen ihnen in überfüllten Einrichtungen und unter Personalmangel beibringen können.

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