zwei U3 Kinder

Philosophieren mit Kindern

Kristina Calvert

27.02.2015 Kommentare (0)

Prolog

In diesem Frühjahr hielt ich mit zwei Kolleginnen eine Kinderakademie mit 60 Teilnehmern - groß und klein ab 5 Jahren aufwärts - an der evangelischen Akademie in Loccum zum Thema „Freundschaft" ab. Die Leiterin des Hauses bezog sich in ihrer Begrüßungsrede auf unser Akademiethema „Freundschaft". Doch zu meiner großen Überraschung las sie einen unten zum Download angebotenen Textauszug aus „Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupéry vor.

Alle, ob groß ob klein (ab 5 Jahre), hatten gespannt zugehört, es herrschte knisternde Stille in dem übervollen Raum, doch in mir regten sich immer lauter werdende Fragen: „Wieso las sie uns diese merkwürdige Textstelle vor: „Bitte zähme mich!" Was hatte das „zähmen" mit dem „freunden" zu tun? Sollte man sich die Freunde zahm machen? Sie unterwerfen, an die Leine legen, sie wie ein Haustier behandeln? Nein, das konnte die Pastorin nicht gemeint haben.

Die Frage stand im Raum, doch erst einmal – und so geht es mir oft - hatte ich keine Zeit darüber weiter und vertieft nachzudenken! Aber, wie es eben mit wirklichen, merkwürdigen Fragen so ist, ließ mich die Frage nicht los.

Kleiner Prinz sucht Freunde. Der Fuchs bietet ihm nicht nur seine Freundschaft an, in dem er ihn bittet, ihn zu zähmen, sondern erzählt ihm, was für ihn Freundschaft überhaupt bedeutet! Doch unter „zähmen" versteht der kleine Fuchs offensichtlich nicht das „Unterwerfen", sondern das „Vertraut-machen", das „an einander gewöhnen", „die festen Bräuche", das „besonders sein", eine „einzigartige Rolle" im Leben eines anderen spielen, und das „angenommen" sein.

(...) "Es wäre besser gewesen, du wärst zur selben Stunde wiedergekommen", sagte der Fuchs. "Wenn du zum Beispiel um vier Uhr nachmittags kommst, kann ich um drei Uhr anfangen, glücklich zu sein. Je mehr die Zeit vergeht, umso glücklicher werde ich mich fühlen. Um vier Uhr werde ich mich schon aufregen und beunruhigen; ich werde erfahre, wie teuer das Glück ist. Wenn du aber irgendwann kommst, kann ich nie wissen, wann mein Herz da sein soll ... Es muss feste Bräuche geben." (...)

Wie freundet man erfolgreich? Praxiseinheit
In der Wüste brauche ich also Freunde! Doch was macht den Freund zum Freund? Wie erkenne ich Freunde? Und wie „freundet" man erfolgreich? In der nachfolgenden Praxis-Einheit zum Philosophieren mit Kindern über die Frage: Was macht den Freund zum Freund? soll gezeigt werden, was Philosophieren mit Kindern bedeutet und wie man bereits ab 5 Jahren mit Kindern in den philosophischen Dreischritt: selber denken- miteinander denken – weiter denken eintreten kann.

Was ist Philosophieren mit Kindern?

Philosophieren mit Kindern
Philosophieren mit Kindern ist ein didaktisch strukturierter Denkraum, in dem Kinder zuerst einmal lernen, dass sie selber denken können und dass dies gemeinsam mit anderen Kindern nicht nur Spaß macht, sondern dass ihr eigenes Denken um die Positionen der anderen erweitert werden kann.

Inhalte des Philosophierens mit Kindern
„Was ist Glück" fragt der Philosoph Sokrates seinen Schüler Lysis in dem gleichnamigen platonischen Dialog. Sokrates interessiert sich nicht nur dafür, in welchen Fällen jemand schon einmal Glück hatte oder er glücklich war, ihn interessiert das allgemeine Wesen des Glücks, das Glück an sich und für sich. Auch Kinder interessieren sich für diese Fragen, die nach dem Wesen einer Sache forschen. Was ist Glück? Ist Glück machbar? Bin ich glücklich, wenn ich machen kann, was ich will? Bin ich glücklich, wenn ich mir alle meine Wünsche erfüllen kann? Diese Fragen sind Fragen, die aus der kindlichen Erlebniswelt kommen. Man kann diese Fragen auch folgendermaßen strukturieren:

Können Blumen glücklich sein? = Ethik
Warum heißt Apfeltorte „Apfeltorte" = Erkenntnislehre
Kann man in der Zeit reisen? = Metaphysik
Woher weiss ein Hase, dass er ein Hase ist und kein Känguru? = Philosophische Anthropologie

Philosophie für Kinder/ Philosophieren mit Kindern
Philosophieren mit Kindern ist in Deutschland seit der Reformpädagogik der 20er Jahre Thema von Erziehung und Bildung. Schon Hermann Nohl und Martin Buber betonten die Wichtigkeit des gemeinsamen Nachdenkens mit Kindern über „ihre" Fragen.

Seit dieser Zeit haben sich vor allem zwei Traditionen des philosophischen Umgangs mit Kindern herauskristallisiert. Zum einen die amerikanische Tradition, die Philosophie für Kinder genannt wird. Kurz P4C (Abkürzung von Philosophy for children). Die Philosophie für Kinder entwirft einen eigenen Wissenschaftskanon der zu vermittelnden philosophischen Inhalte. Einstiegswerk des P4C Anleiters ist die philosophische Novelle „Harry Stottelmeier" (angelehnt an die amerikanische Aussprache des Namens Aristoteles). Die Kinder werden durch die Begegnung mit den Prinzipien der logisch-argumentativen Begriffsanalyse, mit der sich Aristoteles u. a. beschäftigte, in das philosophische Denken eingeführt.

Dem gegenüber steht das Philosophieren mit Kindern, welches neben der Einübung in das logisch-argumentative Denken den Schwerpunkt auf das kreative Denken der Kinder legt. Im kreativen Denken werden nicht nur eindeutige, sondern eben auch mehrdeutige Begriffe und Vorstellungen formuliert.

Haltung beim Philosophieren mit Kindern
Philosophieren mit Kindern bedeutet ihre gemeinsame Suche und den Ausdruck von Bedeutungen. Dabei sind die gefundenen Bedeutungen, sei es durch ein Bild, ein Gedicht oder einen Text immer wieder Anlass zu neuem, weiterem Forschen. Philosophieren ist ein offener, vorläufiger Prozess, bei dem keine endgültigen Antworten gefunden werden, sondern das Weiterdenken im Vordergrund steht.

Methoden des Philosophierens mit Kindern
Philosophieren mit Kindern ist ein kreativer Prozess, beim dem die Kinder gemeinsam logisch-argumentativ nach eindeutigen als auch mehrdeutigen Formulierungen fahnden. Die Kinder bilden eine Art Forschungsteam, in das sich alle gleich berechtigt einbringen. Dabei kommen

  • philosophische Gespräche
  • Gedichte
  • Bilder
  • Hypertexte
  • Szenische Interpretationen
  • Begriffsmoleküle

gleich berechtigt zum Einsatz.

Wie kann man mit der Geschichte über Freundschaft philosophieren?
Leitfragen für das philosophische Gespräch:
Lesen sie das ganze Kapitel aus dem Kleinen Prinzen vor. Lassen sie nur kurz lexikalisch unbekannte Begriffe (eventuell: Zähmen, Brauch, Übles, Missverständnis, verstohlen etc.)

Was will der Kleine Prinz? Was will der Fuchs?
Was versteht der Fuchs unter zähmen? Wovon ist im Text die Rede? (z.B. sich vertraut machen, sich freuen auf den anderen, das „Herz-klopfen" spüren, Einzigartig sein, etc.) Wen kam man zähmen? Wen nicht?

Sammeln sie die Begriffe auf dem Begriffsmolekül und lassen sie die Kinder entscheiden, wo die Begriffe auf dem Molekül gesteckt werden.

Was verstehst du unter Freundschaft? Was macht den Freund zum Freund? Kannst du das, was der Kleine Prinz vom Fuchs über das „freunden" erfährt nachvollziehen?

Sprechen - Das philosophische Gespräch
Wesentlich am philosophischen Gespräch ist, das die Erzieherin zur Moderatorin wird, die zuhören kann.

Zuhören
Der Moderator, die Moderatorin hört mit zwei Ohren und nicht mit drei Ohren – dem vermeintlich alles bereits wissenden und interpretierenden dritten Ohr.

Stützen
Der Moderator stützt das Gespräch, indem er Leitfragen bereithält, die das Selber Denken/ Miteinander Denken und Weiter Denken der Kinder am jeweiligen Thema anregen.

Respektieren
Dabei bewertet sie die Äußerungen nicht, sondern wertet sie, indem sie sie aufeinander bezieht, sie von einander abgrenzt und den Kindern zum weiteren Bedenken anbietet. Sie regt sie an, ihre Thesen und Vorstellungen zu begründen und für alle nachvollziehbar zu machen.

Kreative Umsetzung!

Setz dem Kleinen Prinzen einen Gedankenleser auf den Kopf und mal ein Bild seiner Gedanken als er an seine Rose denkt. Auf dem Bild von Alexandra kann man sehen, wie sie es sich vorstellt.
Schreibt ein Akrostychon zu dem Begriff.
F antastisch
R und
E wig
U ...
N ...
D
S
C
H
A
F
T

Können eigentlich Füchse und Menschen befreundet sein?

Kreative Einheit
Legen sie einen Stein, eine Blume, ein Kuscheltier, ein Buch, einen Fußball und ein Foto eines Menschen in die Mitte des Sitzkreises und diskutieren sie die Frage, mit welchem Gegenstand man befreundet sein kann mit welchem nicht! Die Schüler werden stets aufgefordert, zu begründen, warum sie mit dem einen und nicht mit dem anderen Gegenstand befreundet sein können. Dazu verweisen Sie auch auf die Begriffe, die sie am Begriffsmolekül gesammelt hatten. Zum Beispiel: Kann ich mich mit einem Kuscheltier vertraut machen? Kann es einzigartig für mich werden? Werde ich weinen, wenn mein Kuscheltier eines Tages kaputt geht? Wie ist es umgekehrt? Wird mein Kuscheltier eines Tages um mich weinen, wenn ich nicht mehr so viel mit ihm spiele?

Wie pflegt man Freundschaften? Auf dein Wohl!
Der deutsche Philosoph I. Kant traf sich einmal mit Monat mit Freunden zu einem Freundschaftsmahl, es war ein fester Brauch, dass man gemeinsam aß und trank, sowie am Tisch miteinander redete. Diese Tradition dem anderen es „wohlergehen" zu lassen, kennen wir auch aus der Nomadenethik: man bekommt einen Tee, man stößt mit den Gläsern an, sagt „zum Wohl", man unterhält sich, man vergnügt sich und hat Spaß miteinander.

Gehst du mit deinen Freunden essen? Wo macht ihr dies? Worauf achtet ihr dabei? Veranstalten sie mit den Kindern ein „Freundschaftsmahl"

Freundschaftsoasen
In der Wüste ist erst einmal nichts, wo ich unterschlüpfen kann, es ist nur Sand und nichts. Für das Leben brauche ich aber geschützte Räume, deren Regeln und Gebräuche mir bekannt sind, die mir Sicherheit geben. In der Wüste brauche ich also auch Oasen, in denen man sich treffen kann. Gärten, in denen man Freundschaften pflegen kann.
Der griechische Philosoph Epikur ließ einen Garten gestalten und zog dort mit seinen Freunden ein. Sein Garten muss eine Oase für viele gewesen sein,

Wie würdest du einen solchen „Freundschaftsgarten" gestalten?

Dies kann man zum einen malen lassen zum anderen können die Kinder ihren „Freundschafts-Garten" auf einer Holzplatte mit Fimo, Moosen, Blättern, Farben, Bast etc. selber gestalten. Diese Aufgabe war eine der kreativen Umsetzungen, die wir in Loccum den Kindern und Erwachsenen am Ende der Akademie stellten. Da waren Gärten entstanden, in denen man ausgiebig miteinander spielen konnte, da waren große Hängematten, in denen man gemeinsam schaukeln konnte, da gab es Teiche, in denen man gemeinsam plantschen, aber auch durch Hecken geschützte Flächen, wo man sich allein zurückziehen konnte. Es gab große Tische, an denen viele Platz hatten, die miteinander aßen und plauderten.

In dem griechischen Wort Philia-Freundin und sophia-Weisheit ist die Freundin bereits enthalten, das heißt:

Philosophieren und Freundschaft
Beim Philosophieren mit Kindern geht es sowieso immer um Freundschaft, denn, so der amerikanische Professor f. Erziehungswissenschaft, Ronald Reed , denn beim Philosophieren mit Kindern beschäftigt man sich nicht nur mit dem Thema Freundschaft, etwa unter der Themenrubrik „Was soll ich tun?", sondern man geht auch „freundschaftlich" mit einander um. Aus seiner Sicht gründet dies in der Methode des Philosophierens: das selber Denken/ miteinander Denken und weiter Denken in einer Forschungsgemeinschaft. Die Art und Weise, wie Kinder beim Philosophieren miteinander umgehen, kann als freundschaftlich-warmherzig bezeichnet werden, denn man hört sich aufmerksam und respektvoll zu, man knüpft an das, was die Vorgänger sagten an, man ist wohlwollend im Verstehen des anderen. Keiner nimmt eine übergeordnete Stellung ein, auch der Lehrer nicht. Man ringt um das Verstehen des anderen, fragt nach um eigene Gedanken zu klären ...um nur einige Punkte des Miteinanders beim Philosophieren zu nennen. Treffen sich am Nachmittag die Kinder zum Spielen, gehen oft die philosophischen Gespräche weiter. Freunde philosophieren gern miteinander und beim Philosophieren kann man zu Freunden werden.

PDF Icon pdf-Datei: Textauszug aus Der Kleine Prinz

 

Buchempfehlung:

Calvert, K. und Ch.: Philosophieren mit Fabeln über Freundschaft.- Heinsberg 2006
Calvert, K.: Kreatives Philosophieren mit Kindern. Angst und Mut. Klett/ Kallmeyer 2008.

 Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion des nifbe-Portals und der Autorin.

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