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Projektarbeit. Kita-Leben mit Kindern nachhaltig gestalten

Dorothee Jacobs

10.09.2012 Kommentare (0)

Den folgenden Artikel übernehmen wir mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus dem neuen Heft von Betrifft Kinder.

Projektarbeit verbindet. Projektarbeit verbindet Menschen und Themen. Wenn Projektarbeit gelingt, fügen sich vielerlei Gedanken, Erkenntnisse, Taten, Begegnungen und Dinge zu einem sinnvollen Ganzen. Die zahlreichen Fragen, Ideen, Anliegen und Ziele der Kinder ergänzen sich durch die der Erzieherinnen und umgekehrt. Im Idealfall entsteht eine spannende, abenteuerliche Lernreise durch eine sich ständig wandelnde, weitende Lernlandschaft. Sowohl Entdecker- als auch Gestaltungsfreuden motivieren die am Projekt Beteiligten. Damit eine solche Reise gelingt, braucht es sowohl klare Verabredungen, als auch Offenheit, Neugier, Spontaneität, Nachdenklichkeit und… Mut zur Lücke.

Ein Projekt methodisch klar von einem Programm abzugrenzen, war eines der Hauptanliegen beim Verfassen meines neuen Buches „Projektarbeit – Kitaleben mit Kindern gestalten“, aus dem ich hier zwei Kapitel vorstelle.

In vielen Kindertagesstätten sah ich Projektdokumentationen an den Wänden, die sich bei wohlwollend-kritischer Betrachtung doch eher als Dokumentationen kleiner „Programme“ herausstellten. Von den Kolleginnen minutiös durchgestaltet und durchorganisiert. Von Anfang an vorzeigetauglich und ergebnisorientiert. Beeindruckt hat mich in diesen Kitas auf Schritt und Tritt der selbstkritische, humorvolle Blick der Kolleginnen. Keine Selbstverständlichkeit. Ich habe nie erlebt, dass sie ihre gängige Praxis zäh verteidigten. Ihre spontanen Evaluationen waren differenziert. Die meisten Fragen stellten sich in unseren Gesprächen wie von selbst: „Wie kriegt man das denn hin, das die Projekte tatsächlich forschenden Charakter haben?“, „Wie können wir bei unserer Projektarbeit gleichzeitig lange Leine lassen und den roten Faden behalten?“, „Wie könnten wir es schaffen, uns nicht immer so unter Leistungsdruck zu setzen?“. Echte Forscherfragen!

Bei meinem Versuch, sie zu beantworten, kristallisierten sich in den letzten Jahren eindeutige „Schritte und Merkmale von Projektarbeit“ heraus, die zu einem Teil der Architektur des Praxisbuchs geworden sind – das ansonsten jedoch als „Haus“ aufgebaut ist. Mehr wird erstmal nicht verraten.

Um die erwähnten Schritte und Merkmale nicht trocken herunterzubeten, sondern den Lesenden Appetit und gute Laune zu machen, habe ich sie in eine Lerngeschichte verpackt und mit vielen Bildern und Zeichnungen versehen. Ein konkretes Projektbeispiel wird erzählt, in 14 Kapiteln. Jeweils gegenübergestellt finden sich die sogenannten fachlichen Spickzettel – Hinweise für die pädagogische Praxis. In der „Werkzeugkammer“ des Buches gibt es zudem zahlreiche methodische Ergänzungen: 55 partizipative und kreative Methoden warten darauf, entdeckt und weiter erprobt zu werden.

Hier also zwei Kapitelchen plus fachlicher Spickzettel zur Probe. Ich habe sie mitten aus der Lerngeschichte, beziehungsweise aus dem Projekt „Wie wird’s warm?“ herausgegriffen.

 „Wie wird’s warm?“

Einige Sätze zur Vorgeschichte: Kinder und Kolleginnen der Kleinen Kita (Ainur und Klara) hatten im Spätsommer beschlossen, das kleine Häuschen, „Bude“ genannt, in ihrem Garten umzufunktionieren. Statt es nur als Unterstand für die Fahrzeuge zu nutzen, wollten die Kinder es als Heuschober bespielen können. Die Frage war nicht nur, wie das Häuschen in der kalten Jahreszeit warm zu kriegen sei, sondern auch, wie es dort gemütlich werden könnte – und zwar mit wenig Geld und unter Berücksichtigung von Ökologie und Klimaschutz. Eine kniffelige, spannende Angelegenheit.

Es ist bereits viel passiert, auf der Lernreise der Kleinen Kita, als Schrammi auftaucht. Nicht gesucht und doch gefunden. Die Projektmerkmale „Öffnung“ und „Ehrenamtliche Mitarbeit“ ereignen sich eben besonders gern dort, wo sie nicht geplant wurden:

Ehrenamt und Ehrensache

Ainurs Idee, über die Ehrenamtsagentur des Bezirks einen handwerklich versierten Rentner als Unterstützung in Sachen „Stallsanierung“ zu finden, schien erst großartig. Klara und Ainur hatten sich mit einem Herrn verabredet, Herrn Schenk. Er war bereit gewesen, dabei zu helfen, eine Art Bällebad, in diesem Fall ein „Heubad“, aus Holz in die Bude zu bauen. Die vom Roggelhof gelieferten Heuballen lagen noch unangetastet. Die Kartons waren inzwischen gebündelt und zu großen Teilen ins Altpapier entsorgt. Die Kinder konnten es kaum erwarten, ein ähnliches Heuparadies in ihrem „Stall“ bespielen zu können, wie sie es auf dem Hof erlebt hatten.

Doch die Sache mit dem Rentner hatte sich, leider, als Flopp erwiesen. Er war pünktlich gekommen; ein netter, motivierter alter Herr. Nur: Im Kontakt mit den Kindern war er schnell überfordert und ungeduldig, was ihn selbst überraschte. So schnell er gekommen war, war er auch wieder weg.

Die Erzieherinnen hatten an anderer Stelle schon gute Erfahrungen mit ehrenamtlichen Mitarbeitern gemacht. Sie bedauerten, dass es diesmal nicht geklappt hatte. Solche Kooperationen brauchen eben auch etwas Zeit: Gesuch formulieren, Telefonate, Vorgespräch – und dann erst stellt sich heraus, ob es mit der Zusammenarbeit funktioniert.

 

Berliner Ehrenworte

Ainur hat schlimme Laune. Sie ist hart im Nehmen, aber im Moment etwas überarbeitet. Die Aktualisierung der Konzeption, die neuen Brandschutzauflagen, Entwicklungsgespräche … alles ein bisschen viel. Und nun kein handwerklicher Helfer fürs Projekt. Dennoch will sie sich nicht entmutigen lassen. Als sie mit Paul und Amira, den beiden Vierjährigen, die Fahrzeuge der Kinder aneinander schließt, grüßt „Schrammi“, der kiezbekannte Flaschensammler, freundlich über die Mülltonnen hinweg: „Nu kieken se mal nich so finster!“, provoziert er Ainur strahlend. „Ick hab Ihnen ja jar nüscht getan!“ Offensichtlich ist Schrammi in Plauschlaune. Ainur bemüht sich, gleichzeitig schlagfertig, freundlich und abweisend zu sein. Doch Schrammi lässt sich nicht abwimmeln. Am Ende hat er Ainur und den Kindern alle Informationen zu der Frage entlockt, warum die Fahrzeuge der Kinder neuerdings hinter und nicht mehr in der Bude untergebracht sind. Schrammi scheint das Projekt zu gefallen. „Na, da kann ich dann ja gleich mal einzieh’n!“, frohlockt er zwinkernd. Paul und Amira blicken ihn böse an. Ainur versucht zu erläutern, warum dies sicher nicht möglich sei. „War nur’n Witz!“, unterbricht Schrammi sie charmant. „Aber mal im Ernst: Ick hab zu Hause im Durchgang noch jede Menge Latten und Schrauben. Sammeln war für mich noch nie ein Problem, wissen se? Wenn ihr wollt, bring ick euch det Zeug rum! Ehrenwort!“

Am nächsten Morgen, kurz nach acht, steht Schrammi prompt mit einem alten Kinderwagen voller Bretter vor der Tür. Ainur ist, trotz Ankündigung, überrascht. Nach kurzem Zögern bittet sie ihn herein. Nermins Eltern kommen gerade aus der Garderobe und runzeln die Stirn, als sie den ungewöhnlichen Gast sehen. Ainur stellt ihnen Schrammi kurz vor und ruft dann die bereits anwesenden Kinder zusammen. Nach einer kurzen Anwärmphase schildern sie ihm, wie sie sich das Heubad erträumt hatten. Schrammi will den Stall von innen sehen. „Feine Hütte!“, pfeift er bald anerkennend durch die Zähne und streicht mit dem Finger über eine intakte Fensterdichtung. „Dafür hat mal einer richtig Schotter hinjelegt, wa?“ Kofi kichert: „Hinjelegt, wa?! Du sprichst komisch – wie Frau Wopp!“ Die anderen Kinder müssen ebenfalls lachen. Schrammi achtet nicht darauf. „Kann ick euch rinklopp’n, eure Heukoje!“, bietet er Ainur an. Da Schrammi im Viertel wohlgelitten ist, nehmen sie und die Kinder das Angebot an. Sie einigen sich auf einen baldigen „Heukojen-Bautag“ und bedanken sich. „Aber dann musst du nämlich einen Kitaausweis mit uns machen. Und mit Jörg!“, erinnert sich Toni, der dieses Verfahren bereits einmal erlebt hat. Ainur erklärt Schrammi und den jüngeren Kindern was das ist. „Na klar machen wir det. Is mir ja ne Ehre!“ Schrammi verbeugt sich förmlich. Er nimmt ein Stück Holz und tut so, als ob er den verabredeten Termin darauf schreibt. „Na, das hat so grade noch Platz in meinem fetten Terminkalender!“, scherzt er und schwenkt das dicke Holzstück in der Luft. Der Abschied ist kurz, Schrammi geht pfeifend, den quietschenden leeren Kinderwagen hinter sich herziehend, durch den Hof-Garten.

 Externe Kooperationspartner einbeziehen lohnt sich

Je vielfältiger eine Kita in ihr Umfeld eingebettet ist, desto anschaulicher können Kinder das Zusammenspiel von Menschen unterschiedlicher Persönlichkeit, Herkunft und verschiedenen Alters erleben. Sie erfahren, wie bestimmte Vorhaben nur dadurch gelingen, dass verschieden motivierte und versierte Menschen sich gemeinsam einer Sache annehmen oder gar verschreiben. Sie können erahnen oder beobachten, wie alle Beteiligten, entlang der Aufgaben und Erlebnisse, allmählich zu einer gemeinsamen Sprache, zu gemeinsamen Problemlösungsstrategien und zu gemeinsamen Entscheidungen kommen.

Öffnung und Abgrenzung

Die Kita an geeigneter Stelle für Nichtpädagogen, ehrenamtliche Mitarbeiter oder Honorarkräfte zu öffnen ist einerseits einfach. Andererseits verlangt es nach Klarheit auf mehreren Ebenen. Öffnung für externe Kooperationspartner bedeutet unter anderem:

  • Beobachten, ob den Kindern neue Menschen zurzeit gut tun würden
  • Externen Partnern mitteilen, worum es eigentlich geht
  • Herausfinden und spüren, ob das, was angeboten wird, passt
  • Dennoch für Überraschungen offen sein
  • In der Lage sein, die Kooperation zu beenden, wenn sie nicht stimmig sein sollte.

Wer sich für sein soziales Umfeld öffnet, erlebt Unerwartetes. Ein Imker wohnt um die Ecke? Die Frau vom Kleiderstübchen in der Kirche kennt sich mit Hochbeeten aus? Der Schwager des Postboten ist Fitnesstrainer?

Es liegt auf der Hand, dass es nicht sinnvoll sein kann, jedem, der sich für die Kita interessiert, Möglichkeiten zu ehrenamtlicher Mitarbeit oder als Honorarkraft anzubieten. Stehen von Anfang an die mit dem jeweiligen Projekt und den jeweiligen Inhalten verbundenen Anliegen im Vordergrund, ist es leichter, gezielt nach Menschen zu suchen, die eine bestimmte Lücke schließen könnten. Andererseits gibt es immer wieder auch Situationen, in denen es gut ist, sich auf überraschende Möglichkeiten und Angebote einzulassen, wenn sie mit den Werten des Teams kompatibel sind.

Kriterien zur Auswahl externer Mitarbeiter oder Projektpartner

  • Die Kontaktaufnahme mit den Kindern gelingt.
  • Auf Kooperations- und Dialogbereitschaft als Merkmal der Zusammenarbeit ist weitgehend Verlass.

Möglichkeiten der Kontaktaufnahme

  • Aushang in der nächstgelegenen Apotheke oder einem Laden
  • Kontakt über Eltern, Kolleginnen, Nachbarn und Freunde
  • Kontakt über Ehrenamtsagenturen und Vereine
  • Kontakt über Gelbe Seiten, Zeitung oder Internet – Kinder rufen an

 Verbindlichkeit herstellen

  • Durch Gespräch und per Handschlag
  • Durch eine gemeinsame vorausschauende Zeitplanung
  • Durch einen Kita-Ausweis
  • Bei komplexeren Vorhaben durch schriftliche Ziel- und Kooperationsvereinbarungen

 

 

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