Risikokinder in Deutschland
Der Trend ist alarmierend: Die Anzahl chronischer, psychischer und
psychosomatischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter nimmt weiter
zu. Dabei gelten 20 Prozent aller Kinder in Deutschland als
Risikokinder, weil sie aus prekären sozialen Lebenslagen oder von Armut
gekennzeichneten Familien stammen und von herkömmlichen
Versorgungsangeboten nicht erreicht werden.
Da jedoch immer mehr Kinder und Jugendliche in Institutionen mit
Ganztags-Konzept – etwa in Krippen, Kindergärten, Schulen und Horten –
betreut werden, ergeben sich durchaus auch neue Herausforderungen, etwa
für den öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD). Dieser ist allerdings
aufgrund des Personalabbaus heute nicht mehr in der Lage, eine
umfassende gesundheitliche und präventive Betreuung in den
Kindertageseinrichtungen sicherzustellen. „Dabei könnte der ÖGD – etwa
durch fachliche Unterstützung der Erzieherinnen in Kindertagestätten
oder durch aufsuchende und finanziell abgesicherte mobile Dienste –
gerade die Risikokinder erreichen, die sonst nicht zu einem Kinder- und
Jugendarzt vordringen“, bekräftigt Professor Hans Michael Straßburg,
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Sozialpädiatrie und
Jugendmedizin (DGSPJ).
Dringenden Handlungsbedarf sieht Straßburg aber auch bei den
Rehabilitations-Einrichtungen für chronisch kranke und behinderte Kinder
und Jugendliche. Trotz ihres hohen Qualitätsstandards und nachweisbaren
Erfolgen werden immer weniger Anträge bewilligt. Dies sei insbesondere
für solche Kinder fatal, die über geringe eigene Ressourcen verfügen
oder sozial benachteiligt sind.
Auch die Zusammenarbeit der Kinder- und Jugendärzte mit den
Institutionen der Jugendhilfe, den Beratungsstellen, den
Heilmittelerbringern und verschiedenen pädagogischen Institutionen hin
zu einem funktionierenden Netzwerk sei defizitär. An vielen Stellen
fehlten die strukturellen und finanziellen Voraussetzungen.
Um dies in Zukunft sicherzustellen, erhebt die DGSPJ folgende Forderungen:
(1) Die Weiterbildung in der Kinder- und Jugendmedizin muss neu
strukturiert werden. Dabei ist der Bereich der Entwicklungs- und
Sozialpädiatrie in der praktischen Ausbildung – anders als bisher – so
einzubeziehen, wie es der Bedeutung im Alltag entspricht.
(2) Bei über 50 Prozent aller Kinder werden in sehr unterschiedlicher
Form entwicklungsfördernde Maßnahmen durchgeführt, die zu erheblichen
Kosten und teilweise zu großer Verunsicherung bei den Eltern führen. Um
unnötige aufwändige und teure Langzeittherapien zu vermeiden, sollen
neben früher Förderung unter Einbezug des familiären Umfeldes bewährte
fachliche Institutionen wie etwa die Sozialpädiatrischen Zentren
flächendeckend ausgebaut werden.
(3) Diese Sozialpädiatrischen Zentren als multiprofessionelle und
interdisziplinäre Kompetenzeinrichtungen für betroffene Kinder und
Jugendliche müssen aber auch ausreichend finanziert werden. Die bisher
im Abstand von nur wenigen Jahren notwendige Erneuerung der Zulassung
sollte entfallen.
(4) Um die Qualität entwicklungsfördernder Maßnahmen zu verbessern,
fordert die DGSPJ die Einführung einer Zusatzweiterbildung Entwicklungs-
und Sozialpädiatrie in Deutschland. Dabei müsse der Gesetzgeber auf
Bundesebene die finanziellen Rahmenbedingungen für die institutionelle
Sozialpädiatrie im ÖGD und in den SPZs sicher stellen, fordert die
DGSPJ. Daneben ist aber auch eine Neuausrichtung der Länder und Kommunen
notwendig. Immer mehr Städte und Gemeinden sind finanziell derart
klamm, dass Jugendeinrichtungen schließen müssen und
Jugendhilfeleistungen oder Sprachförderprogramme abgebaut werden. Dies
widerspricht den Notwendigkeiten einer zukunftsfähig und präventiv
ausgerichteten Politik für Kinder und Jugendliche. Gerade die Gruppe der
Risikokinder in den Kommunen, wird damit frontal getroffen. Auch hier
muss politisch dringend entgegengesteuert werden, fordert Straßburg.
„Wir sind in Deutschland noch weit von einem Kinderbewusstsein entfernt,
das nachhaltig auf die Zukunft und das Wohl der nachwachsenden
Generationen ausgerichtet ist. Die DGSPJ wird dies deshalb weiter massiv
einfordern.“
Quelle: ots-Originaltext: Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin vom 28.6.2012

