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Rumänien: Kinder und Jugendliche leiden unter der Pandemie

29.09.2020 Kommentare (0)

Wir werden vieles neu aufbauen müssen, sagt Dr. Katharina Haberkorn, Koordinatorin für den Austausch mit der Bukowina beim Europabüro Schwaben. Im Grenzland zwischen Rumänien und der Ukraine unterstützt die Institution aus Bayern seit langem den Jugendaustausch. IJAB - Fachstelle für Internationale Jugendarbeit sprach im Interview mit ihr über die Folgen der Coronakrise in den beiden Ländern.

ijab.de: Frau Haberkorn, was sind die Aufgaben des Europabüros Schwaben?

Katharina Haberkorn: Wir haben in Bayern drei kommunale Ebenen: die Gemeinden, die Landkreise und die Bezirke. Insgesamt gibt es sieben Bezirke in Bayern, einer davon ist der Bezirk Schwaben. Der Freistaat Bayern hat den Bezirken vor allem kulturelle und soziale Aufgaben übertragen. Das gibt es in dieser Form in anderen Bundesländern nicht, am ehesten ist es mit den Landschaftsverbänden in Nordrhein-Westfalen vergleichbar. Das Europabüro koordiniert unsere Regionalpartnerschaften. Die älteste Regionalpartnerschaft haben wir mit der Region Mayenne in Frankreich, die geht auf die unmittelbare Nachkriegszeit zurück. Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs ist auch die Bukowina dazugekommen – mit Schwerpunkten in Tscherniwzi in der Ukraine und Suceava in Rumänien. Wir informieren zu europäischen Förderprogrammen, führen Fachkräfteaustausche für unterschiedliche Berufsgruppen durch und unterstützen den Jugendaustausch.

Warum ausgerechnet die Bukowina? Gibt es eine besondere historische Verbindung mit der Region?

Ja, die gibt es. 1940 sind als Folge des Hitler-Stalin-Pakts die Deutschen aus den von der Sowjetunion annektierten Gebieten – und dazu gehörte auch die Bukowina – ausgesiedelt worden. Viele von ihnen haben sich in Schwaben niedergelassen. Die ersten Landsmannschaften haben sich gebildet, ganze Dörfer sind neu gegründet worden. 1955 hat der Bezirk Schwaben die Schirmherrschaft für die Landsmannschaft der Buchenlanddeutschen übernommen. Der Kontakt zur alten Heimat ist nie völlig abgerissen. Seit den 80er-Jahren war es möglich humanitäre Hilfsgüter nach Suceava und in die umliegenden Gemeinden zu bringen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und den Revolutionen in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes, gab es dann auch ein politisches Interesse am Aufbau neuer Partnerschaften. Außerdem haben wir seit 1988 an der Universität Augsburg das Bukowina-Institut, das die Nachlässe von Buchenlanddeutschen archiviert und für die Forschung zugänglich macht.

Liegt der Schwerpunkt der Aktivität eher auf der ukrainischen oder der rumänischen Seite?

Eher auf der rumänischen Seite. Das hat auch damit zu tun, dass sich in Schwaben mehr rumänisch-sprachige Aussiedler und Auswanderer niedergelassen haben. Allein durch die Sprache hat das mehr Verbindungen ermöglicht. Wir haben zwar inzwischen auch viele Anfragen aus der Ukraine, aber leider auch oft wechselnde Ansprechpartner in Verwaltung und Politik. In jüngster Zeit konnten mehr Projekte durchgeführt werden und wir sehen einen positiven Trend.

Was passiert im Jugendaustausch mit der Bukowina?

Unser größtes Projekt, das wir jährlich durchführen, heißt Vier Regionen für Europa. Vordergründig ist das ein Fußballturnier, das wechselnd bei uns und in den Partnerregionen stattfindet. Die Teams werden extra für das Turnier gecasted, das heißt es sind nicht einfach schon bestehende Vereinsmannschaften. Trotz der Sprachbarrieren kommunizieren die Jugendlichen sehr schnell über Facebook oder Snapchat. Es gibt außerdem ein Rahmenprogramm und natürlich lange Gespräche am Abend. Außerdem sind jedes Mal relativ große, politische Delegationen dabei – auch das hilft, Brücken zu bauen.

Wir unterstützen natürlich auch den Austausch von Jugendgruppen und Schulen. Immerhin fünf Schulen im Bezirk haben Interesse am regelmäßigen Austausch mit einer Partnerschule in der Bukowina.

Die Uni Augsburg führt zudem Sommerkurse zum Spracherwerb durch. Wir vergeben jedes Jahr bis zu zehn Stipendien an junge Leute aus der Bukowina. Das Interessante ist: Viele von ihnen sieht man immer wieder. Inzwischen haben sie Karriere gemacht und sind in Politik, Verwaltung oder Unternehmen aktiv. Sie sind für uns wichtige Unterstützer.

Wie hat sich die Corona-Pandemie auf Ihre Arbeit ausgewirkt?

Ich war zum letzten Mal im Februar mit einer Delegation von Politikern und Ärzten in der Bukowina. Seitdem ist alles zum Stillstand gekommen. Wir wussten natürlich vom frühen Ausbruch der Epidemie in der Region, vor allem in Tscherniwzi und Suceava. Auch einige Bürgermeister waren davon betroffen und sind erkrankt. Erfreulicherweise hat es hier viele Nachfragen aus der Politik gegeben, wie die Situation in der Partnerregion sei und wie man helfen könne. Ich habe dann wöchentlich eine Presseschau zusammengestellt und verschickt. Wir konnten hier keine Hilfsgüter sammeln, weil die Grenzen geschlossen waren. Aber es war unbürokratisch möglich Geld zu spenden, um die Krankenhäuser und andere Einrichtungen am Leben zu erhalten.

Können Sie den Kontakt zu den Partnern halten?

Ja, wir sind weiter eng vernetzt. Wir machen Pläne für die Zukunft, auch wenn deren Umsetzung noch ungewiss ist, weil wir nicht sagen können, wie sich die Situation entwickelt.

Wie ist die Situation in der Partnerregion jetzt?

Die Zahl der Corona-Infizierten steigt weiter an. Die Ukraine, aber besonders Rumänien, gehen gerade durch eine zweite Welle von Neuinfektionen. Wir werden vieles neu aufbauen müssen. In Suceava ist beispielsweise eine Hotelwirtin am Coronavirus gestorben und die Erben wollen das Hotel nicht weiterführen. Auch andere Hotels und Restaurants sind krankheitsbedingt geschlossen. Diese Betriebe haben wir für unsere Austausche genutzt. Zur Situation in der Ukraine kann ich noch keine Aussage machen. Bevor wir wieder Delegationen losschicken, möchte ich mir vorher selbst ein Bild von der Lage vor Ort machen.

Die Schwierigkeiten mit der Infrastruktur sind aber nur die eine Seite der Medaille. Es gibt auch eine inhaltliche Seite. Viele Familien sind in der Krise verarmt. Früher war das Einkommen klein, jetzt gibt es gar keins mehr. Das betrifft vor allem den ländlichen Raum. Die Kinder und Jugendlichen sind jetzt seit Monaten nicht in der Schule gewesen. Zwar hätten sie theoretisch den Online-Unterricht nutzen können, aber es fehlen Internetzugänge und die nötige Technik. Das ambulante System für gesundheitliche und psychologische Hilfen und Beratung ist stark angeschlagen. Das hat zu einem erneuten Anstieg von Drogen- und Alkoholmissbrauch sowie einer Welle häuslicher Gewalt geführt. Wir arbeiten mit einem katholischen Orden zusammen, bei dem sich die Schwestern vor Ort um die Kinder aus den ärmsten Familien kümmern. Es fehlt dort wirklich an allem. Andere soziale Einrichtungen, die Hausaufgabenbetreuung anbieten und in denen die Kinder eine warme Mahlzeit erhalten, berichten, dass jetzt ganze Familien vor ihrer Tür stünden und nach Essen fragten. Wie diese Kinder und Jugendlichen wieder in funktionierende Strukturen eingefügt werden können, die dann auch internationalen Austausch möglich machen, ist eine offene Frage.

Weitere Informationen zur aktuellen Situation in Rümänien finden sich auch in einem Hintergrundbericht auf dem Fachkräfteportal der Kinder- und Jugendhilfe.

Quelle: IJAB – Fachstelle für Internationale Jugendarbeit der Bundesrepublik Deutschland e.V., Christian Herrmann

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