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Schlechte Chancen für die Frühpädagogik: Die sozialen und kulturellen Unterschiede wachsen

Hilde von Balluseck

19.08.2011 Kommentare (0)

Das Institut für Demoskopie ist linker Ideologien wahrlich nicht verdächtig. Umso beunruhigender sind die Ergebnisse, die die Geschäftsführerin des Instituts, Prof. Dr. Renate Köcher, in einem Artikel der FAZ präsentiert und interpretiert. 

Von einer Chancengleichheit im Kindesalter kann demnach nicht gesprochen werden.

  • Kinder aus unteren Schichten haben weniger Chancen, mit Büchern in Kontakt zu kommen. Nur 26 Prozent der Eltern aus diesen Schichten wollen Kindern Lesefreude vermitteln, hingegen sind es 70 Prozent der Eltern aus den höheren sozialen Schichten. Diese besuchen zu zwei Dritteln relativ regelmäßig Buchhandlungen, hingegen die Eltern der unteren Schichten nur zu 17 Prozent.
  • Eltern aus den unteren Sozialschichten tendieren "weit überdurchschnittlich dazu, Fernsehen und Computer gleichsam als Babysitter einzusetzen und ihre Kinder durch diese Medien zu beschäftigen".
  • Der Anteil der Intensivnutzer des Fernsehens liegt in den unteren Schichten bei 73 Prozent, in der Mittelschicht bei 54 Prozent und in der Oberschicht bei 34 Prozent.
  • Die unteren Schichten nutzen den Computer mehr für Kommunikation und Unterhaltung, während das Interesse der oberen Schichten mehr in Richtung Information und Vorbereitung von Kaufentscheidungen geht.

Diese Unterschiede sind in den letzten Jahren größer geworden. Ebenso ist das Interesse der unteren Schichten an gesellschaftlichen Entwicklungen weiter gesunken.

Am schwerwiegendsten ist das Ergebnis, dass die unteren und mittleren Schichten nach wie vor im Hinblick auf Bildung und Arbeitsplätze von der konjunkturellen Entwicklung abhängig sind, während "sich die oberen Sozialschichten sukzessive aus dieser Abhängigkeit lösen - durch Vermögen und wachsende Vermögenseinkünfte, Erbschaften und Schenkungen." Die Schere zwischen Arm und Reich hat sich verbreitert, Die Einkommen des oberen Zehntels in Deutschland wuchsen in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Vielfaches schneller als die Einkommen der Ärmeren. Deren Zahl hat zugenommen, das schreibt Kolja Rudzio in seinem Artikel "Gerecht war gestern" in der Zeit vom 18. August. Aus dem gleichen Artikel, der sich auf den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung und neueste Daten des Statistischen Bundesamtes stützt, kommt die Information, dass 10 Prozent der Bevölkerung 56 Prozent des angehäuften Eigentums besitzen, die unteren 50 % jedoch nur zwei Prozent, also fast nichts.

Frau Köcher schließt ihren Artikel in der FAZ mit dem Satz: "Ein besonders ernster Aspekt ist..., dass sich die Voraussetzungen, unter denen Kinder aufwachsen, die Impulse, Förderungen und Maximen für die Lebensführung, die sie erhalten, immer mehr unterscheiden." (FAZ vom 17. August 2011, Seite 5).

Wir beobachten also das Entstehen einer neuen Klassengesellschaft, in der Leistung nur für diejenigen existenziell wichtig ist, die nicht zu den Vermögenden gehören. Schon vor Jahren habe ich meinen Studierenden verboten, in ihren Diplomarbeiten zu behaupten, wir lebten in einer Leistungsgesellschaft. Nicht einmal an Hochschulen gilt allein das Leistungsprinzip, wie der Fall Guttenberg zeigt, wo ein hohes Spendenaufkommen eine exzellente Benotung bewirkt hat.

Zurück zu den Sorgenkindern, denen der unteren Schichten. In den Termini der Frühpädagogik können wir von einer zunehmenden Bildungsarmut in den unteren Schichten sprechen. Verursacht ist sie u.a. durch die Ohnmacht, die Menschen am Rande der Gesellschaft empfinden. Diese nicht nur gefühlte, sondern faktische Ohmacht schränkt die Entwicklung geistiger und politischer Interessen ein. Oder sie führt zu scheinbar sinnloser Gewalt.

Diese sozialen Unterschiede sollen ErzieherInnen ausgleichen. Ob das realistisch ist?

Wäre es nicht sinnvoll, die Schraube der zunehmenden Ungleichheit zurückzudrehen, damit wir den Kindern von der  Chancengleichheit erzählen können, ohne rot zu werden?

 

 

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