zwei U3 Kinder

Sexualaufklärung in China

Kai Strittmatter

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Wie Stecker und Steckdose. Unter diesem Titel hat die Süddeutsche Zeitung einen Artikel zur Sexualaufklärung in China veröffentlicht. Wir erfahren staunend die Erlebnisse des Redakteurs beim Besuch eines Frauenkurses. 

„Hat dir deine Mama auch gesagt, sie habe dich von der Müllhalde geholt? Nein, nein, deine Mutter erinnert sich da nicht ganz richtig. Du wurdest nämlich im Wald gefunden. Äh, nein, stimmt auch nicht … Schau, so sehen die Spermien deines Vaters aus. Und so die Eizelle deiner Mutter. Die müssen nun zueinander kommen. Aber wie? Hm … Also, das funktioniert so ähnlich, wie wenn sie im Krankenhaus eine Spritze setzen. Tut aber nicht so weh … Was? Deine Mama behauptet noch immer, sie habe dich auf der Müllhalde gefunden? Ich glaub’, ich muss mal ein ernstes Wort mit ihr reden.“ Aus: „Sexualkunde in einer Minute“. Aufklärungsvideos des Internetportals Guokr. Fast fünf Millionen Mal angeklickt.

Zuerst waren die Kinder dran. Fünft- und Sechstklässler einer der besten Schulen Pekings. Ihre Eltern gehören zu Chinas bestausgebildeten und bestverdienenden Bürgern. Die Mädchen versammelten sich in einem Raum, dort wartete schon eine Ärztin, die Jungen in einem anderen, zu ihnen sprach ein Arzt. Es wurde gekichert und getuschelt. Es wurde aber auch gefragt. Vor allem: Es wurde geantwortet. Wie wird man schwanger? Was ist das für eine weiße Flüssigkeit morgens in meiner Schlafanzughose? Als die Jungs zurück ins Klassenzimmer kamen, fingen die Mädchen an zu lachen und lauthals zu kreischen. Das aber war nicht das Problem. Das kam erst später, als die Kinder nach Hause gingen und dort ihre Eltern bestürmten.

Die meisten hatten keine Ahnung, dass ihre Kinder an diesem Tag aufgeklärt worden waren. Sie waren erschrocken, manche schockiert. „Meine Tochter war ein so reines Kind davor“, sagte einer. Vor allem aber waren sie komplett hilflos. „Unsere Eltern haben nie mit uns über solche Dinge geredet“, sagt eine Mutter vom Elternbeirat. Über eine Chatgruppe tauschten sich die aufgeregten Eltern wochenlang auf ihren Smartphones aus. Dann fällten sie eine Entscheidung: Sie bestellten selbst eine Nachhilfestunde. Sexualkunde für Eltern.

Drei Wochen später saßen sie da. Draußen in großen Schriftzeichen die Motti der Schule: „Sei moralisch“, „Sei höflich“, „Liebe das Lernen“. Drinnen 50 Mütter, kein einziger Vater. „Die arbeiten“, sagt eine. „Die drücken sich“, eine andere. Vorne, vor der Leinwand, die Ärztin, nennen wir sie Doktor Sally. Neben ihr die Vorsitzende des Elternbeirats, nennen wir sie Li Dan, denn ihren Namen und den Namen der Schule wollen sie nicht in der Zeitung lesen. „Es gab große Aufregung“, erklärt Li Dan. „Warum haben wir in diesem Jahr erstmals für unsere Kinder einen solchen Unterricht organisiert? Weil sich der Körper unserer Kinder radikal verändert in der Pubertät. Und nirgendwo in China wird das an den Schulen behandelt.“ Den Unterricht für die Kinder drei Wochen zuvor hatte eine Mutter – eine Amerikanerin – aus eigener Tasche bezahlt.

„Meine Mutter hat mir erzählt, sie habe mich auf einem Steinhaufen gefunden. Habe ich nicht geglaubt. Meinem eigenen Sohn? Dem habe ich gesagt, ich hätte ihn am Straßenrand aufgelesen.“
„Meine Mutter sagte, ich sei aus ihrer Achselhöhle geschlüpft.“
„Aus Löchern im Boden.“
Antworten von Passanten auf die Frage des Staatssenders CCTV, wie ihre Eltern ihnen ihre Herkunft erklärt hatten.

Eine Mutter, die als Journalistin arbeitet, springt Doktor Sally zur Seite und macht den Anfang. Sie referiert Zahlen: Abtreibungen. Aids. Sexualverbrechen. Shock and Awe. Die Eltern staunen. Ansteigende Infizierungen mit dem HI-Virus unter Teenagern. 13 Millionen Abtreibungen in China im Jahr, die Hälfte davon bei Frauen unter 25. Doppelt so viele wie im vergleichbar großen Indien, zehn Mal so viele wie in den USA. Noch Fragen?

„Mein Mann liebt Tofu“, sagt eine. „Nun gibt es Leute, die sagen, zu viel Tofu mache feminin. Stimmt das?“
Die anfängliche Scheu ist bald überwunden. Vor allem geht es immer wieder um das eine: Wie sage ich es meinem Kind?
„Mein Sohn ist sechs und fragt mich, wie der Samen zum Ei kommt. Ist das nicht zu früh?“
„Wenn ich meinem Neunjährigen erkläre, dass der Penis in die Scheide geht, traumatisiert ihn das vielleicht?“
„Wenn ich meinem Sohn das alles so genau erkläre, wird er dann nicht alles nachmachen wollen?“
„Ich habe eine Tochter und einen Sohn. Dürfen die sich gegenseitig nackt sehen, wenn sie ins Badezimmer gehen?“

Ein Zu-früh, erklärt Doktor Sally, gebe es nicht. „Euer Kind weiß schon, was es wann verträgt. Wenn es mit Fragen kommt, dann beantwortet sie. Lügt nicht und weicht nicht aus. Sagt nicht immer nur ‚nein, nein, nein‘. Gebt eurem Kind nicht das Gefühl, das sei eine schmutzige Sache.“ Doktor Sally stammt aus Taiwan, wuchs selbst in einer konservativen chinesischen Familie auf, erzählt von ihrem eigenen Zögern mit der heute zwölfjährigen Tochter. Man merkt ihr an, dass es sie selbst einige Anstrengung gekostet hat, die ihr einst mitgegebene Verklemmtheit zu überwinden. „Ehrlich gesagt, ich fühl mich da manchmal auch nicht so ganz wohl“, sagt Doktor Sally und lacht nervös. Hörbares Aufatmen im Raum. Verlegenheit verbindet. „Die körperliche Liebe ist etwas Wunderschönes“, ergänzt die Ärztin dann. „Aber in unserer Kultur ist so viel Konservatives, das uns verbietet, das zu genießen.“

„Der Körper des Vaters und der Körper der Mutter berühren einander.“
Beschreibung des Geschlechtsaktes im Buch „Aufwachsen und Sexualität“ der Pekinger Jugendpädagogin Hu Ping.

Einst war die chinesische Kultur eine sexuell sehr freie. Richtig prüde dann war die letzte Kaiserdynastie der Mandschus, und die Kommunisten trieben die Prüderie auf die Spitze. Während der Kulturrevolution war alle Liebe verboten, die nicht dem Vorsitzenden Mao galt. Die KP befahl den Chinesen Einheitskleidung und Einheitsfrisuren, das Volk wurde vollends geschlechtslos. Die Zeiten sind vorbei. Einerseits hat China in den vergangenen Jahren eine sexuelle Revolution erlebt. 1989 gaben in einer Umfrage 15 Prozent der befragten Chinesen an, vorehelichen Sex gehabt zu haben, heute sind es 70 Prozent. Auf den Universitätsgeländen stehen Kondomautomaten. Auf den Straßen Pekings wird die Anzahl der Läden für „Erwachsenengesundheit“ – so heißen hier die Sexshops – lediglich von der der Restaurants und Friseursalons übertroffen. Und gleichzeitig herrscht eine „unfassbare Ignoranz“, wie Wang Xianglin, Direktorin der Hotline „Grüner Apfel“, sagt. Bei „Grüner Apfel“ können sich unsichere Jugendliche Rat holen. Jungen zum Beispiel wollen oft wissen, ob ihr Penis groß genug ist, und Mädchen fragen oft danach, wie sie mit den auf Sex drängenden Jungen umgehen sollen. „Eigentlich sollte die Sexualkunde schon im Kindergarten beginnen“, sagt Wang. „Die Kinder sollten über ihre Geschlechtsteile genauso Bescheid wissen wie über ihre Augen, Nasen und Ohren.“

Nun, das tun oft nicht einmal die Eltern. Als Doktor Sally vor ihrem Erwachsenen-Vortrag ihre Powerpointpräsentation dem Elternbeirat vorlegte, bat die Vorsitzende, doch bitte die anatomisch detaillierte Zeichnung der Vagina zu entfernen. „Das sieht so ECHT aus“, platzte es aus ihr heraus. „Viele der Chinesinnen haben ihr Leben lang keine Ahnung, wie ihr Unterleib eigentlich aussieht“, sagt Doktor Sally. Die Ärztin ließ die Zeichnung drin, am Ende störte sich keiner daran.

Die Nachrichtenagentur Xinhua zitierte unlängst eine Untersuchung, wonach derzeit nur an zehn der 180 000 Grundschulen Chinas Sexualkundeunterricht abgehalten wird, und nur an 500 bis 600 der 500 000 Gymnasien. 2008 hatte das Erziehungsministerium eine Direktive erlassen, die die Schulen dazu anhält, Sexualkunde zu unterrichten. Das Fach heißt offiziell „Gesundheit“ und ist Teil des Sportunterrichts. Tatsächlich aber wird die Direktive ignoriert. „Ohnehin wird ‚Gesundheit‘ nur bei schlechtem Wetter unterrichtet, wenn der Sport draußen ausfällt“, sagt Liu Wenli, die an der Beijing Normal University Studien zur Sexualkunde betreibt. „Und selbst dann macht es kaum einer. Es gibt kaum ausgebildete Lehrer. Die Tabuisierung durch die Tradition ist ein Problem. Und außerdem zählt das Fach nicht zu den Noten für die Universitätsaufnahmeprüfung. Deshalb ignorieren es alle.“

„Sie lagen nebeneinander im Bett und dachten, die Samen würden von einem zur anderen fliegen.“
Zhang Rong, stellvertretende Direktorin der Gynäkologieabteilung eines Shanghaier-Krankenhauses im Fernsehen über ein Ehepaar, das sie aufgesucht hatte, weil sie nicht schwanger wurden.

Eine Mutter ist aufgestanden und erzählt den anderen von den nächtlichen, offenen Gesprächen mit ihrem Sohn, der die dritte Klasse der Schule hier besucht. „Neulich fragte er mich, wann mein erstes Mal war.“ Ein paar lachen. Sie selbst habe ihre Unbefangenheit in den Jahren gelernt, da sie in den USA auf die Schule ging. „Es ist ganz einfach“, sagt die Mutter: „Wenn ihr nicht mit euren Kindern sprecht, dann holen sie sich alles aus dem Internet.“ Da findet man auch in China leicht Pornografie. Aber auch Dinge wie die Ein-Minuten-Aufklärungsfilmchen der Webseite Guokr, die zum Hit wurden. Die Videos sind eine schräge Mischung aus mutiger Offenheit, lustigen Zeichnungen und ein paar eigenwilligen Metaphern, wie jener, dass Jungs und Mädchen sich untenrum so unterscheiden „wie Stecker und Steckdose“. Episode 6 erklärt den Jungen, sie müssten sich keine Sorgen machen, wenn sie nicht so ausdauernd seien wie die Männer in den Pornofilmen, denn erstens „wird da viel zusammengeschnitten“ und zweitens: „Wenn du länger durchhältst als eine Minute, dann bist du normal.“ Mädchen wird in Teil 9 erklärt, dass auch Masturbation „ganz normal“ sei. „Aber bitte professionelle Geräte benutzen“, denn „wenn du die falschen Teile an den falschen Ort steckst“ – gezeigt werden ein Kaktus und ein Baseballschläger – „kannst du auch schnell mal im Krankenhaus landen“.

Das Unwissen ist noch immer groß, auch unter gebildeten Chinesen. Die Klinik, an der Doktor Sally arbeitet, unterhält Krankenstationen an großen internationalen Schulen in Peking, dort schickt Chinas Elite ihre Kinder hin. „Und jedes Jahr aufs Neue kommen Mädchen, die gerade zum ersten Mal ihre Periode bekommen, aufgelöst zu unseren Krankenschwestern gelaufen und sagen: ‚Hilfe, wir bluten! Müssen wir jetzt sterben?‘“ Sie erzählt von einer 28-jährigen Patientin, Absolventin einer Pekinger Eliteuniversität, die jetzt für die Vereinten Nationen arbeitet. Drei Jahre schon war die Frau verheiratet, als sie im vorigen Jahr in die Klinik kam. Nein, habe sie auf Nachfrage gesagt, mit Kindern habe es bislang nicht geklappt. Warum denn nicht? „Weil mein Mann und ich noch nicht miteinander geschlafen haben.“ Wirklich? Die Mutter der Frau ist Beamtin bei Chinas Familienplanungsbehörde. „Sie hat mich von klein auf davor gewarnt“, habe die Patientin erzählt. „Von ihr habe ich gehört, wie weh das tut, wenn man miteinander schläft. Dass man dann erst einmal eine Woche krank ist und sich von der Arbeit freinehmen muss. Die Zeit habe ich doch gar nicht.“

Am Ende von drei Stunden lebhafter und offener Diskussion erzählt Li Dan von der Elternvereinigung, wie sehr Gefühle unterdrückt worden seien in ihrer Familie. „Meine Eltern haben mich kein einziges Mal in den Arm genommen. Nicht ein Mal geküsst.“ Andere Frauen nicken, sie kennen das offenbar. „Liebe, das war für meine Eltern wie für viele chinesische Eltern, dafür zu sorgen, dass wir zu essen hatten und warm angezogen waren. Körperliche Zärtlichkeit gehörte nicht dazu.“ Das Nicken wird heftiger. „Es ist ja toll, dass ihr alle hierhergekommen seid“, sagt Doktor Sally. „Das ist ja schon ein großer Fortschritt. Natürlich müsst ihr jetzt erst einmal üben, all die Dinge auszusprechen vor euren Kindern. Dinge, über die mit euch selbst nie einer gesprochen hat. Dinge, über die ihr vielleicht nicht einmal mit euren Ehemännern gesprochen habt.“ Rundherum verlegenes Lachen. 

© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content)

Kommentar der Redaktion von ErzieherIn.de: Nicht vergessen: Bis in die 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts war Sexualität auch bei uns in der Pädagogik tabuisiert, in der christlichen teilweise auch verteufelt. Es ist noch gar nicht so lange her, da hätten diese Dialoge auch bei uns, wenn auch in veränderter Form, stattfinden können.

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