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Sexuelle Übergriffe durch Vorschulkinder - Der Mainzer Kitaskandal

Ursula Enders im Interview mit Hilde von Balluseck

25.06.2015 Kommentare (1)

Die Nachricht, dass über Monate hinweg Vorschulkinder in einer Mainzer Kita untereinander Gewalt, auch sexueller Art, verübt und sich gegenseitig traumatisiert haben, hat wohl fast jede und jeden erschreckt. Insbesondere bei sexueller Gewalt assoziieren wir erwachsene Täter - dass auch Kinder so übergriffig sind, kann man sich zunächst mal nicht vorstellen.

Und doch ist es so, die bisherigen Meldungen lassen keinen Zweifel daran. Um zu verstehen, wie so etwas möglich ist, hat ErzieherIn.de mit Ursula Enders ein schriftliches Interview geführt. Sie ist Expertin für sexuelle Übergriffe in Kindertagesstätten und Mitbegründerin und Leiterin von  "Zartbitter", der Kontakt- und Informationsstelle für sexuellen Missbrauch an Mädchen und Jungen in Köln.

Copyright Zartbitter e.V. 
 

ErzieherIn.de: Frau Enders, ich war geschockt, als ich die Nachricht vom Mainzer Kitaskandal erfahren habe. Wie ist es Ihnen damit ergangen?

Ursula Enders: Die Meldungen haben mich nicht überrascht. Sexuelle Übergriffe durch Kinder kommen weitaus häufiger vor, als Eltern und Fachkräfte gemeinhin annehmen. Aufgrund der Häufigkeit bietet Zartbitter Köln seit Mitte der Neunzigerjahre Beratung zu diesem Problembereich an.

ErzieherIn.de:  Es gibt ja bekanntermaßen Doktorspiele unter Kindern. Was spielt sich da ab und welche Funktion haben diese Spiele?

Ursula Enders: Doktorspiele gehören zur ganz normalen Entwicklung von Mädchen und Jungen. Kinder untersuchen mit kindlicher Neugier und Unbefangenheit den eigenen Körper und den ihrer Freundinnen und Freunde. Sie genießen es, die eigenen Genitalien zu reiben und mit anderen zärtliche Berührungen auszutauschen. Auch stecken sie sich nicht selten Spielzeug und andere Gegenstände in den Po und in die Scheide – auch unter die Vorhaut, ebenso wie sie schon mal Perlen und Stifte in Ohren und Nase stecken. Ab dem vierten Lebensjahr finden auch „Arztspiele“ und „Mutter-Kind-Spiele“ statt. Es kommt durchaus vor, dass sie sich im Rahmen von Doktorspielen schon mal gegenseitig verletzen. Dann sind sie in der Regel schockiert und spielen vorsichtiger weiter, denn sie wollen anderen Kindern nicht wehtun. Das alles entspricht einem altersgerechten Sexualverhalten.

ErzieherIn.de: Ab welchem Punkt würden Sie sagen, dass sexuelle Gewalt "im Spiel" ist bei solchen Doktorspielen?

Ursula Enders: Ab dem Moment, an dem Kinder andere verletzen und das Spiel nicht stoppen, obwohl es anderen Mädchen und Jungen weh tut. Oder aber wenn sie andere Kinder mit körperlicher Überlegenheit und Drohungen zum Mitmachen zwingen. Ganz typisch ist für sexuelle Übergriffe auch, dass grenzverletzende Kinder auf pädagogische Interventionen nicht reagieren und trotz der Ermahnungen der Erzieherinnen immer wieder neue grenzverletzende Spiele initiieren.

Altersentsprechende Doktorspiele finden zwischen gleichaltrigen Kindern statt. Besteht ein Altersunterschied von mehr als zwei Jahren, so kann das jüngere Kind nicht willentlich zustimmen, es ist aufgrund der Entwicklung unterlegen. „Doktorspiele“ zwischen Kindern mit mehr als zwei Jahre Altersunterschied sind in jedem Fall zu unterbinden. Durch die Betreuung von sehr jungen Kindern in Kitas haben die Problematik und die Notwendigkeit der Qualifizierung der pädagogischen Fachkräfte an Bedeutung gewonnen.

ErzieherIn.de: Wie erklären Sie sich die sexuelle Gewalt unter Kindern?

Ursula Enders: Sexuelle Übergriffe können sehr unterschiedliche Ursachen haben. Zum einen besteht die Möglichkeit, dass einzelne Kinder in der Kita sexuelle Gewalterfahrungen reinszenieren – „nachspielen“ –, die sie zum Beispiel im Elternhaus, in der Nachbarschaft oder auf dem Spielplatz durch andere Kinder oder Erwachsene erlebt haben. Dies ist ein Hilferuf. In der Regel wenden sich betroffene oder andere Mädchen und Jungen an die pädagogischen Fachkräfte und bitten um Hilfe. Stimmt das pädagogische Konzept einer Einrichtung, werden die Hilferufe der betroffenen Kinder sowie der anderer Mädchen und Jungen verstanden, so sind die Übergriffe innerhalb der Gruppe fast immer durch pädagogische Interventionen zu stoppen.

In anderen Fällen resultieren  die sexuellen Übergriffe aus einer Vernachlässigung verbindlicher Regeln  für einen grenzachtenden Umgang. Dadurch wird ein grenzverletzender Umgang zur „Normalität“. So massive Formen der Gewalt durch Kinder wie im Falle der Mainzer Kindertagesstätte beschrieben, sind  niemals allein auf den Pornokonsum einzelner Kinder zurückzuführen. In derart extremen Fällen liegen zweifelsfrei eine Vernachlässigung grenzachtender Regeln und somit auch pädagogisches Versagen vor.

ErzieherIn.de: Haben Sie auch schon erlebt, dass Kinder in einer Kita sexuelle Gewalt ausgeübt bzw. erfahren haben?

Ursula Enders: In den letzten 25 Jahren habe ich wiederholt erlebt, dass massive sexuelle Übergriffe durch Kinder in Kindertagesstätten ein Hinweis auf Missbrauch durch erwachsene Fachkräfte oder jugendliche Praktikanten/Praktikantinnen waren. In mehreren Fällen hatten die Täter bzw. Täterinnen die Kinder auch aufgefordert, sich gegenseitig sexuelle Gewalt zuzufügen. So sicherten sie das Schweigen der Opfer bezüglich ihrer eigenen Gewalthandlungen: Die Kinder schwiegen, da sie ihre Freundinnen und Freunde nicht verraten wollten; sie hatten Angst, dass diese bestraft würden. Mehrfach sprachen Kinder über das sexuell grenzverletzende Verhalten ihrer kleinen Freundinnen und Freunde und der Gewalt durch den erwachsenen Täter erst, nachdem die Täterin bzw. der Täter aus anderen Gründen die Arbeitsstelle gewechselt und die Einrichtung verlassen hatte. Verhalten sich Mädchen und Jungen  im Vorschulalter sexuell grenzverletzend, so stelle ich entsprechend dieser Erfahrung immer die schlichte Frage: „Wer hat dem Kind das beigebracht?“

ErzieherIn.de: Wie reagierten in den Fällen sexuellen Missbrauchs durch pädagogische Fachkräfte die Kolleginnen und Kollegen auf das sexuell grenzverletzende Verhalten der Kinder? Haben sie das Verhalten als Hinweis auf den Missbrauch durch einen Kollegen oder eine Kollegin verstanden?

Ursula Enders: Täter und Täterinnen wählen meist gezielt Einrichtungen als Arbeitsplatz, deren pädagogisches Konzept Mängel hat. Dementsprechend wurde in den meisten mir bekannten Fällen das sexuell grenzverletzende Verhalten von Kindern bagatellisiert und nicht als Hinweis auf einen Missbrauch durch eine Betreuungsperson der Kita verstanden. Auch habe ich erlebt, dass Einrichtungsleitungen die Kritik einzelner Fachkräfte bezüglich des offensichtlichen fachlichen Fehlverhaltens von Kollegen als Mobbing bewerteten und der Missbrauch somit lange Zeit unentdeckt blieb.

Im letzten Jahr habe ich den Untersuchungsbericht über einen Missbrauchsfall aus dem Jahre 2013 in einer  Kita der evangelisch-lutherischen Nordkirche veröffentlicht (Enders 2014).  Da der Fall nahezu „klassisch“ war, bin ich in dem Bericht auf die Fragestellungen der Praxis ausführlich eingegangen. Der Bericht steht im Netz und kann von Fachkräften für die persönliche Fortbildung genutzt werden. Er gibt Trägern zudem zahlreiche Anregungen für die Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte und das Krisenmanagement in konkreten Fällen.

ErzieherIn.de: Welche Reaktion halten Sie für angemessen?

Ursula Enders: Im Falle von sexuellen Übergriffen durch Kinder sollten sich pädagogische Fachkräfte in jedem Fall Fachberatung bei einer Beratungsstelle gegen sexualisierte Gewalt holen – insbesondere, wenn Vorgesetzte mögliche Hinweise bagatellisieren.

ErzieherIn.de:  Wie erklären Sie sich, dass die Gewalt unter Kindern über Monate hinweg in Anwesenheit von frühpädagogischen Fachkräften ausgeübt wurde?

Ursula Enders: Eine derartige pädagogische Verwahrlosung einer Kindergruppe wie in Mainz lässt auf massive konzeptionelle Mängel der Einrichtung schließen. In Mainz hat es ganz offensichtlich an einem qualifizierten institutionellen Schutzkonzept mit verbindlichen Regeln für einen grenzachtenden Umgang der Fachkräfte mit den Kindern und kindgerechten Regeln für Doktorspiele gemangelt. Vermutlich hat man es auch versäumt, den Eltern bereits bei der Anmeldung ihrer Kinder ein entsprechendes Infoblatt  zu überreichen.

Ich bezweifele zudem, dass regelmäßig Elternabende zur Prävention sexuellen Missbrauchs durchgeführt und den Mütter und Vätern Informationsmaterialien zum Thema „Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe“ zur Verfügung gestellt wurden. In Mainz mangelte es sicherlich ebenso an einem Beschwerdemanagement mit externen fachlich qualifizierten AnsprechpartnerInnen, die nicht in einem Arbeitsverhältnis bei einem kirchlichen Träger stehen.

Auch wurden die pädagogischen Fachkräfte zweifelsfrei nicht ausreichend zur Problematik „sexuelle Übergriffe durch Kinder“ fortgebildet. Die üblichen Fortbildungen der Bistümer der katholischen Kirche und auch anderer Träger zum Themenbereich „Sexueller Missbrauch“ sind für die Arbeit in Kitas keineswegs ausreichend. Zum Themenbereich „Sexuelle Übergriffe durch Kinder“ muss im Rahmen von ganztägigen Fachtagungen zunächst einmal flächendeckend Grundlagenwissen vermittelt werden. Da ist es keinesfalls ausreichend, wenn eine Mitarbeiterin einer Einrichtung an einer sexualpädagogischen Fortbildung teilnimmt und versucht, die Informationen ihren KollegInnen zu vermitteln.

ErzieherIn.de: Was geben Sie den FrühpädagogInnen in der Kita und solchen, die es werden wollen, mit auf den Weg, damit solche Ereignisse sich nicht wiederholen?

Ursula Enders: Ein erster Schritt ist es, sich intensiv zum Thema „Sexuelle Übergriffe durch Kinder“ fortzubilden. Wissen hilft, Mädchen und Jungen zu schützen! Entscheidend ist zudem die Entwicklung von institutionellen Schutzkonzepten. In der Praxis ist zu beobachten, dass viele Kindertagesstätten der gesetzlichen Verpflichtung zur Entwicklung von institutionellen Schutzkonzepten nachkommen, in dem sie nach dem Motto „Papier ist geduldig“ diese mehr oder weniger von anderen Einrichtungen abschreiben. Die Entwicklung eines fachlich qualifizierten Schutzkonzeptes setzt jedoch eine intensive Auseinandersetzung mit den Risikofaktoren des eigenen Arbeitsfeldes und der eigenen Einrichtung voraus. Eine solches kann nur mit externer fachlicher Unterstützung und unter Partizipation von Eltern entwickelt werden.

Ursula Enders:

Dipl. Pädagogin und Traumatherapeutin, Leiterin von Zartbitter Köln, Autorin von Fach- und Bilderbüchern arbeitet seit mehr als 30 Jahren mit kindlichen Opfern sexueller Gewalt, Referentin u. a. zu „Umgang mit der Vermutung sexuellen Missbrauchs“, „Entwicklung institutioneller Schutzkonzepte“ und „Sexuelle Übergriffe durch Kinder im Vor- und Grundschulalter“. Autorin von Fach- und Bilderbüchern u. a. „Zart war ich, bitter war’s – Handbuch gegen sexuellen Missbrauch“, „Grenzen achten. Schutz vor sexuellem Missbrauch in Institutionen“, „Wir können was, was ihr nicht könnt – Bilderbuch über Zärtlichkeit und Doktorspiele“ und der Präventionsklassiker „SchönBlöd – ein Bilderbuch über schöne und blöde Gefühle“.

Quellen/Links: 

Broschüre: Doktorspiele oder sexuelle Übergriffe? www.sichere-orte-schaffen.de  

Ein Kind wurde sexuell missbraucht, was kann ich tun? www.zartbitter.de

Enders (2014). Missbrauch durch den Erzieher einer Kindertagesstätte. In: Schlussbericht der unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung von Missbrauchsfällen im Gebiet der ehemaligen Nordelbischen Evangelisch-Lutherischen Kirche, heute Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland. S. 380 - 496. www.kirchegegensexualisiertegewalt.nordkirche.de 

 

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