zwei U3 Kinder

Spielend leben lernen

Elke Heller

18.10.2013 Kommentare (0)

Wer Kinder bei ihren Spielen beobachtet, - dabei vielleicht an die Spiele seiner Kindheit denkt - erinnert sich und sieht:  Das kindliche Spiel ist faszinierend, unerschöpflich, facettenreich, spannend und ansteckend. Welches Mädchen, welcher Junge möchte nicht gern mal Mutter, Vater, Verkäuferin, Polizist, Lehrerin, Prinzessin, König, Fee, Vampir, Räuber, Spiderman oder ein anderer Superheld sein. Welches Kind hat nicht Spaß an zauberhaften Theateraufführungen oder Zirkusvorstellungen, an heimlichen „Doktorspielen“, am Verstecken in Buden und Höhlen u.v.a. Wann je sind Kinder ausdauernder, konzentrierter und ideenreicher  bei der Sache? Gerade deshalb wird das Spiel von vielen Wissenschaftlern als unersetzliche Quelle der kindlichen Entwicklung bezeichnet.

Worin liegen die besonderen Potenziale des Spiels? 

Weitgehend einig ist sich die Fachwelt heute darüber, dass das Besondere, die Haupteigenschaft  des kindlichen Spiels darin besteht, dass Kinder, das, was sie irgendwie an Bedeutsamen erlebt, erfahren, gesehen haben, im Spiel mit Hilfe ihrer Phantasie in einer gedanklichen, „eingebildeten Situation“ , rekonstruieren,  neu entstehen lassen können. In selbstgewählten Themen und imaginären Spielhandlungen (in der sogenannten „als–ob Situation“)   ist es den Mädchen und Jungen möglich, am sie so faszinierenden und pulsierenden Leben der Erwachsenen teil zu haben, in die Phantasiewelt der Märchen einzudringen und die Welt zu erobern. Sie können vieles erleben und tun, was ihnen in der Wirklichkeit nicht möglich ist. So gesehen ist das phantasievolle Spiel für Kinder eine Chance, sich mit Lebensbereichen und Welten auseinanderzusetzen, die ihnen im realen Leben versperrt sind.

Im Spiel können die Kinder ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten zu Erwachsenen und zu anderen Kindern nach Unterhaltung und Humor befriedigen. Es bietet den jüngeren und älteren Kindern vielfältige Möglichkeiten, sich am Leben der Kindergemeinschaft selbstbestimmt zu beteiligen und mit zu bestimmen, es fordert dazu geradezu heraus.

Spielen bedeutet, leben zu lernen. Es hat einen hohen eigenständigen Wert, den kein noch so vorgeplantes Frühförderprogramm ersetzen kann.

Was Kinder im Spiel lernen können?

Das Kind spielt nicht mit der Absicht zu lernen. Vordergründige pädagogische Zwecksetzungen sind dem Spiel fremd, sie zerstören das Spiel! Wenn sich Kinder im Spiel zusammen finden, tun sie das nicht, weil sie etwas lernen wollen, sondern weil sie spielen wollen. Das Interesse am Spielvorhaben und der Inhalt des Spiels führen sie zusammen. Der Inhalt des jeweiligen Spiels gibt den Kindern die Handlungen,  die Art des Verhaltens, der Beziehungen untereinander vor, dadurch entwickeln sich scheinbar beiläufig  körperliche und geistige Anstrengung, Ausdauer, und Konzentration, Einfallsreichtum und Flexibilität, Sorgfalt und Tempo, Bewältigung von Schwierigkeiten, die Einhaltung von Regeln. All das fordert sich das Kind im Spiel selbst ab. Es ist für Kinder ein ernstes und wichtiges Tun, ein selbstbestimmtes und ganzheitliches Lernen mit starker emotionaler Beteiligung, mit geistiger  und körperlicher Anstrengung.

Indem Kinder Erlebtes und Bekanntes in der Erinnerung phantasievoll nachspielen, entwickeln zugleich Interesse, Neues zu erfahren bzw. zu können. Indem Kinder ihre Erlebnisse - auch beängstigende Ereignisse - verarbeiten und zugleich Interesse entwickeln, Neues in Erfahrung zu bringen, um ihr Spiel noch besser spielen zu können, dringen sie tiefer in für sie bedeutsame Lebensbereiche ein. Im Spiel lernen die Kinder freiwillig und mit Spaß, über Versuch und Irrtum, aber ohne Versagungsängste. Im Spiel stellen sie sich die Fragen selbst, erfinden bzw. suchen dazu die Antworten.

Insofern kann das Spiel Anstoß geben, sich neues Wissen und Können anzueignen; es wird zur selbst motivierten Erkenntnisquelle.

Damit das Spiel seine entwicklungsfördernden Wirkungen entfalten kann,  muss es eine von den Kindern selbst gewählte und selbstbestimmte Tätigkeit aus dem Alltag der Erwachsenen und verschiedene Utensilien zum Verkleiden. bleiben, weitgehend frei vom belehrenden Einfluss  und wertender Korrektur der Erwachsenen.

Was sollten Erzieherinnen und Erzieher tun, damit ein erlebnisreiches, erfülltes Spiel entstehen und lebendig bleiben kann?

Zunächst ist es wichtig, eine anregende Umgebung mit Anreizen und Frei­räu­men zu  abwechslungsreichen und lustvollen  Spielen zu gestalten. Dazu gehören z. B.:

  • Eine durchdachte Gestaltung der Räume und des Außengeländes mit vielfältigen Spielmöglichkeiten, die den Mädchen und Jungen im Wohnumfeld oftmals gar nicht mehr zur Verfügung stehen. Wie beispielweise auf verschiedene Hochsitze bzw. Podeste zu klettern, dadurch verschiedene Perspektiven einzunehmen, sich phantasievolle Räume bzw. Buden, ein Schloss oder eine Bühne zu bauen;  sich auch mal unbeobachtet in Nischen zurückzuziehen, durch Tunnel oder Gänge zu krabbeln  oder verschiedene Bewegungsmöglichkeiten zu erproben.
  • Unterschiedliche – den Kindern frei zugängliche – vielseitig verwendbare Materialien,  vor allem auch Gegenstände aus dem Alltag der Erwachsenen und verschiedene Utensilien zum Verkleiden, verschiedene technische Medien und Naturmaterialien, also „Zeug zum Spielen“, anstelle vorgefertigten, für sie hergestellten Spielzeugs.

Weiterhin sollten Erzieherinnen und Erzieher die jüngeren und älteren Kinder, die Mädchen und Jungen  bei der Verwirklichung ihrer Spiel­ideen und der Erweiterung ihrer Spielfähigkeiten begleiten und anregen, wie z.B.:

  • die Kinder feinfühlig  beobachten, um zu erkennen und zu verstehen, welche Erlebnisse und Erfahrungen, welche Sichtweisen sich in den Spielen der Mädchen und Jungen widerspiegeln, worin sich soziokulturelle Unterschiede zeigen,
  • sie darin unterstützen, Gesehenes, Erlebtes, Erfahrenes – auch durch Fern­sehen, Videos und andere Medien - im Spiel auszuleben und gemäß ihren  Entwicklungsvoraussetzungen zu verarbeiten, aber mit ihnen auch Grenzen und Regeln verabreden,
  • die kindlichen Spiele und die eigensinnige Sicht von Kindern respektieren, sich nicht aufdrängen, sich mit Belehrungen und Bewertungen zurückhalten,
  • besonders originelle Lösungen bekräftigen, schöpferische Elemente hervorheben,
  • als fröhliche und interessierte Spielpartnerin und Ratgeberin zur Verfügung stehen, ohne die Spielideen zu dominieren,  aber auch ertragen können, dass die Kinder sie mal nicht brauchen, sie eher stören.

Eine durchdachte Gestaltung der Spielräume und verständnisvolle, den kindlichen Spielen zugewandte Erzieherinnen und Erzieher können so dazu beitragen, dass sich jedes Kind vom jüngsten Alter an in ein erfüllendes, erlebnisreiches Spiel vertiefen und sich die Lebenswelt auf seine Art erschließen kann.

Die Autorin:

Elke HellerElke Heller

Elke Heller, Kindergärtnerin,  Diplom-Pädagogin,  Dr. paed.; freiberufliche  Mitarbeiterin am Institut für den Situationsansatz der Internationalen Akademie (INA g GmbH) an der FU Berlin, wissenschaftliche Begleitung von bundesweiten Projekten zur Entwicklung der Qualität von Bildungsprozessen im Konzept Situationsansatz  und Fachbuchautorin ; Hrsg.: „Qualität im Situationsansatz“ (2009), „Praxis im Situationsansatz“ (2010) sowie der Praxisreihe „Was Kinder stark macht“ mit dem ersten Buch „ Im Spiel die Welt begreifen“ (2013).

Diesen Artikel haben wir übernommen aus der Broschüre Spielräume gestalten, die von INA.KINDER.GARTEN  herausgegeben wurde.

Weitere Artikel aus der Broschüre finden Sie unter http://www.inakindergarten.de/collection/index.php.

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