viele Hände im Sand, die aufeinander ausgerichtet sind

Sprache & sprechen öffnet das Tor zu einem erfüllten Leben - Hinweise für Elterngespräche und Elternabende

Prof. Dr. Armin Krenz

14.09.2026 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Einstiegsgedanken

Sich selbst und andere sowie das Weltgeschehen um sich herum wahrnehmen – das Weltgeschehen und sich selbst verstehen - aufeinander hören – miteinander sprechen sind die wohl wichtigsten Voraussetzungen und führt zugleich zur besten Form eines wertschätzenden und respektvollen Umgangs miteinander.  Einerseits um eigene Gedanken und Gefühle auszudrücken, eigene Wünsche zu formulieren sowie Vorstellungen offenzulegen und andererseits Gesprächspartner*innen und ihre Sichtweisen auf die thematisierten Dinge der Welt zu verstehen, auf sie einzugehen, mögliche Deckungsungleichheiten bzw. Konflikte auf eine angemessene Weise zu thematisieren/ zu klären und überhaupt Beziehungen, die ein Leben immer besonders wertvoll machen, zu pflegen.

Auch wenn die Sprachzentren im Gehirn des Menschen bereits mit der Geburt genetisch bedingt vorhanden sind und Kinder die angeborene Bereitschaft, sich sprachlich ausdrücken zu können und mittels der Sprache in Beziehung zu anderen zu treten mit auf die Welt bringen, ist es kein Umfeld unabhängiger Automatismus, dass Kinder – und später als Jugendliche(r) sowie als erwachsene Person - einen reichhaltigen Wortschatz besitzen, eine korrekte Grammatik beherrschen sowie situationsangemessene Artikulationen zur Verfügung haben, Sprechfreude in sich tragen, eine wertschätzende Wortwahl nutzen, andere Menschen ausreden lassen oder Konflikte respektvoll und lösungsorientiert miteinander sprachlich klären! Gerade die kommunikative Kompetenz – dazu gehören auch die Fähigkeiten, die nonverbalen Aspekte der Sprache wie den Tonfall, die Mimik und die Gestik situationsangemessen deuten zu können – ergibt sich aus der durchweg erlebten Art und Weise in ihrem sozialen Umfeld, wie Erwachsene im Alltag mit Kindern sprechen, wie intensiv Gespräche geführt werden, ob sich ein Kind von dem Erwachsenen verstanden und angenommen fühlt, wie aufmerksam seine Gesprächsinhalte aufgenommen werden und welchen Eindruck das Kind zu sich selbst empfindet, ein Gast dieser Welt zu sein oder sich wie ein unerwünschtes Objekt im Zusammenleben mit anderen zu fühlen.

Ein Sprachaufbau und eine weitergehende Sprachbildung benötigen hilfreiche Unterstützungsmerkmale

Sprache und Sprechen, verstehen und verstanden werden wollen, zuhören können und Pausen zum Überlegen ertragen und nutzen können brauchen entsprechende, entwicklungsförderliche Bedingungenund können/ müssen ‚gelernt‘ werden: langsam, mit ausreichend Zeit, mit immer wiederkehrenden angenehmen Spracherlebnissen und guten, freundlichen, aufmerksamen, dem Kind zugewandten Sprachvorbildern aus der Erwachsenenwelt: nicht nur im Zusammensein mit den Eltern sondern auch in Dialogen mit anderen Menschen, die mit Kindern zusammen sind und für Kinder und deren Entwicklungsgeschehen einen Bedeutungswert haben. Dabei haben viele Ergebnisse der Sprachforschung ergeben, dass sich die gesamte Sprachentwicklung und Sprechfertigkeit von Kindern vor allem durch entwicklungsförderliche Beziehungserlebnisse ergeben (Arlt, K. & Prochnow, A, 2024/ Rolfing, K., 2018/ Szagun, G., 2019/ Tracy, R., 2008/ Brügge, W. + Mohs, K., 2020.) Ein guter Spracherwerb und ein sich ständig weiterentwickelndes Sprechverhalten können sich nur dort ergeben, wo Kinder in einem freundlichen, zugewandten Beziehungsklima aufwachsen, in dem sich Kinder sicher aufgehoben fühlen und das in Kindern ein hohes Maß an Lebensfreude und innerlich entstehender Lernbegeisterung hervorruft. Wenn das von Kindern als eine überwiegend durchgängige Wirklichkeit erlebt wird, benötigen die allermeisten Kinder weder Sprachtrainings, gezielte Sprachübungseinheiten noch eine gezielte Sprachförderung! Das lässt bei einer ständigen Zunahme von Sprachauffälligkeiten und Sprechirritationen bei Kindern in Deutschland den gedanklichen Schluss zu, dass offensichtlich Kinder in zunehmendem Maße hilfreiche Unterstützungsfaktoren bei ihrem Sprachaufbau sowie ihrer weitergehenden Sprachbildung vermissen. Eltern als primäre Bezugspersonen und elementarpädagogische Fachkräfte als sekundär bedeutsame Kommunikations- und Interaktionspartner*innen können bzw. dürfen sich daher nicht aus der Verantwortung ziehen, die Sprachbildung aktiv zu unterstützen. Es obliegt ihnen, gerade durch ihr eigenes Sprachverhalten als Sprachmodell für Kinder immer wieder wichtige Impulse zu liefern, um die Sprachkompetenz der Kinder anzuregen und zu stabilisieren. 

Merkmale und Herausforderungen für eine entwicklungsunterstützende Sprachbildung

Sprachbildung und Sprachunterstützung ist – so nennt es die Wissenschaft – eine Querschnittsaufgabe und erfasst damit nicht nur einen dafür verantwortlichen Bereich, sondern Sprachbildung und Sprachunterstützung ist eine Vernetzung, ein Zusammenschluss von ganz vielen unterschiedlichen Entwicklungsbereichen (Motorik, Kognition, Fantasie, Soziabilität, Emotionalität, Kreativität, Motivation, Selbstbildungsinteresse)  und sie geschehen daher nicht in irgendwelchen zeitlichen, funktionsgestalteten Begrenzungsangeboten unter einer methodisch/ didaktisch aufgebauten Ablaufstruktur wie es beispielsweise in Sprachübungen, Sprachtrainings, Sprachförderprogrammen der Fall ist. So wie sich eine köstliche Speise aus vielen unterschiedlichen Einzelzutaten zusammensetzt, so fußt der Erfolg einer gelingenden Sprachbildung und damit eines gelungenen Bildungsprozesses auch auf vielen, unterschiedlichen und zu berücksichtigen Unterstützungsschritten, die sich in alltäglichen, zeitlich unbefristeten Situationen vernetzen und ergänzen! An dieser Stelle taucht folgenotwendig die Frage auf, was das konkret bedeuten kann. Etwa – um an dieser Stelle ein paar Beispiele zu benennen -, * wenn Kinder von Erlebnissen, Beobachtungen, berührenden Situationen berichten (können) und Erwachsene ihnen aufmerksam zuhören; * wenn Erwachsene bei Spaziergängen, auf dem Spielplatz, beim gemeinsamen Essen oder allen Gesprächen mit Kindern ihr Smartphone verbannen und ihre ungeteilte Aufmerksamkeit den Kindern schenken; *wenn sich Erwachsene dem Spiel der Kinder zuwenden und zu Mitspieler*innen werden; * wenn als Abendritual eine Geschichte vorgelesen wird und darüber gesprochen werden kann; * wenn Kindern vor dem Zubettgehen (als fest eingebettetes Gute-Nacht-Ritual) die Möglichkeit angeboten wird zu berichten, was sie an diesem Tag gefreut, geärgert oder wütend bzw. traurig gemacht oder geängstigt hat; * wenn problematische Situationen sprachlich bereinigt und möglichst zeitnah lösungsorientiert besprochen werden; * wenn sich Eltern für die Interessen ihres Kindes interessieren und darüber ins Gespräch kommen; * wenn Eltern mit ihrem Kind Ausflüge in die Natur unternehmen und dabei die außergewöhnlich vielen Natureindrücke aufgreifen und sprachlich bewundern (z.B. was Pflanzen/ Tiere alles – bewirken – können); * wenn Erwachsene mit Kindern singen, dichten und reimen; * wenn Kinder in einer anregungsreichen, allerdings nicht mit Materialien oder Angeboten überfrachteten Umgebung aufwachsen; * wenn Erwachsene mit Kindern über unbekannte, nicht erklärbare Phänomene philosophieren und vor allem dabei Themen von Kindern aufgreifen, die diese ansprechen; * wenn Eltern ihren Kindern Märchen (Kinder & Hausmärchen, Gebrüder Grimm) vorlesen, weil diese alle (!) Lebensthemen der Entwicklung berücksichtigen und lt. führender Hirnforscher (z.B. Prof. Dr. G. Hüther) die Sprachentwicklung entscheidend unterstützen; * wenn Erwachsene alternativ zum abendlichen Tagesabschlussgespräch ein ‚Kindertagebuch‘ führen, indem sie das vom Kind aufschreiben, was an dem Tag besonders wichtig war. Und vor allem auch, * wenn Elternteile selbst ruhig miteinander reden, sich bei Gesprächen nicht gegenseitig ins Wort fallen, nicht vor Kindern streiten und insgesamt eine Umgangskulturpflegen, die vorbildhaft (als Modell für Kinder) ist. (Anmerkung: es geht dabei selbstverständlich nicht um ein stets perfektes Verhalten. So sei es auch entsprechend der Aussage: „Wer bei gewissen Dingen den Kopf nicht verliert, hat nichts zu verlieren!“ durchaus mal möglich, bei besonders herausfordernden Situationen ‚Klartext in Reinform‘ zu sprechen.   

Was der Entwicklung eines Spracherwerbs entgegensteht:

Wie zuvor beschrieben, entsteht eine Sprachbildung durch hilfreiche Dialoge mit dem Kind auf der Grundlage, dass sich Kinder verstanden und angenommen fühlen, so dass sie eine innere Motivation spüren, sich sprachlich äußern zu wollen. 

Im Gegensatz dazu gibt es natürlich auch entwicklungshinderliche Verhaltensweisen von Erwachsenen, die die Sprachentwicklung bremsen und gleichzeitig die Motivation, sich sprachlich zu äußern, torpedieren. Auch dazu seien einige weitverbreitete Beispiele benannt: wenn Erwachsene * den Erzählungen der Kinder keine Beachtung schenken – dadurch fühlt sich das Kind übersehen; * das Kind bei seinen Berichten mit häufigen Zwischenbemerkungen unterbrechen; * Gefühlsäußerungen (z.B., wenn ein Kind sehr traurig oder ängstlich ist) nicht beachten oder mit verletzenden Bewertungen abstrafen (z.B. „Stell Dich nicht so an“/ „Das war doch gar nicht schlimm“/ „Typisch Heulsuse“/ „Was kann man schon Anderes von Dir erwarten“/ „Es ist doch immer dasselbe“ ); * Kindern ‚das Wort aus dem Mund nehmen‘ und mit eigenen Worten die Satzformulierung selbst übernehmen – dadurch wird in Kindern ein Sprechvermeidungsverhalten unterstützt!; * Kinder bei grammatikalischen Fehlern korrigieren, anstatt in der Fortsetzung des Gesprächs die korrekte Grammatik zu nutzen; * ihre Überlegenheit zum Ausdruck bringen und damit das Selbstwertgefühl von Kindern beschädigen (z.B. “Das kommt davon“/ „Muss man Dir alles 10 x sagen?“/ „Mach nur weiter so!“/ „Für wie doof hältst Du uns eigentlich?“); * auf Kinder (ähnlich einer Salve aus einem Maschinengewehr) einreden und diese selbst nicht zu Wort kommenlassen, denn nur durch die eigene, aktive Sprachproduktion erweitert sich die Sprachkompetenz des Kindes; * mit dem Kind viel zu früh ‚vernünfteln‘ – das heißt, Kinder in jungen Jahren mit ständig vernunftgeprägten Argumenten zu überfrachten, die Kinder in ihrem Alter noch gar nicht verstehen und ihrem eigenen Leben zuordnen können, zumal der Spracherwerb immer mit emotionalen Erlebnissen verbunden ist; * ironische oder sarkastische Formulierungen nutzen: solche Aussagen können Kinder nicht verstehen, was zu gedanklich-emotionalen Irritationen führen kann und Kinder auch in der weiteren Beziehungsgestaltung verunsichert; * Kinder immer wieder bezüglich bestimmter Ereignisse ausfragen (= examinieren), so dass diese in eine sprachliche Drucksituation hineingepresst werden. (Ein Hinweis: auch Kinder brauchen ebenso wie Erwachsene eine Privatsphäre und dürfen auch ihre Geheimnisse bewahren können. Denn hier trifft ebenso ein bekannter Spruch zu, der in der Kommunikationspsychologie bekannt ist: „Wer nach allen Seiten offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“); * in rechthaberischer Weise ihren eigenen Standpunkt auf Biegen und Brechen durchsetzen wollen (z.B. „Du bist noch zu klein, um das zu verstehen und deshalb hast Du zu gehorchen.“ / „Solange Du die Beine unter meinen Tisch stellst, erwarte ich von Dir, das zu tun, was ich Dir sage.“/ „Wenn Du mal älter bist, wirst Du das hoffentlich auch verstehen.“) * Kinder in ihrem Bewegungs- und Erkundungsbedürfnis stark eingeschränkt werden, weil das Sprach- und Motorikzentrum im Gehirn nebeneinander angesiedelt und neurologisch miteinander verknüpft sind (vgl.: Zimmer, R., 2021). 

Auf den Punkt gebracht

Immer, wenn Kinder durch solche Sprachäußerungen oder strikte Handlungseinschränkungen so genannten Trennungserlebnissen (Verlassenheit, Einsamkeit), Beziehungsnöten (eine emotionale Kälte, Ablehnung, Unfreundlichkeit), Bedrohungsängsten (Anschreien, Reizüberflutungen, emotional-soziale Distanzeindrücke), Auslieferungserlebnissen (eine fehlende Unterstützung/ Begleitung in belastenden Situationen) oder Ohnmachtserlebnissen (Respektlosigkeit, Gewalt-/ Übergriffserfahrungen) ausgesetzt sind, tragen diese dazu bei, dass seelisch-soziale, entwicklungsförderliche Grundbedürfnisse unerfüllt bleiben. Dadurch werden entwicklungshinderliche Gefühle (z.B. Angst, Wut oder Trauer) provoziert, wodurch sich Kinder dann entweder sprachlich zurückhalten bzw. mit der Zeit verstummen oder Sprache hauptsächlich als eine verbale Abwehr mit Gereiztheit oder sprachlichen Gegenangriffen einsetzen und entsprechend gestalten.        

Worauf es letztlich immer ankommt 

Der Spracherwerb des Kindes entwickelt sich am besten, wenn das Kind durch eine wertschätzende Kommunikation ein sogenanntes >positives Selbstbild< entwickeln kann und dadurch in zunehmendem Maße eine Begeisterung für die Sprache sowie das eigene Sprechen auf- und ausbaut. Das schafft kein zeitlich begrenztes Training oder Sprachförderprogramm, weil dabei die ‚Basics‘, also die Fundamente für eine nachhaltige Sprachentwicklung fehlen. Ein Spracherwerb entwickelt sich am besten, wenn folgende drei Merkmale zum Tragen kommen: (1) Das Kind muss sich in seiner Erlebenswelt angenommen und sicher fühlen! (2) Das Kind muss die Sprache in einen sinnverbundenen Handlungsbezug einbetten können, weil sich eine nachhaltige Bildung nur dann manifestiert, wenn das Kind in der Handlung und in Kombination mit der Sprache eine >Sinn< sieht, wodurch es dem Ganzen einen hohen Bedeutungswert beimisst. (3) Die situationsorientierte Atmosphäre muss dem kindlichen Bedürfnis nach Wohlbefinden und Zufriedenheit, Angstfreiheit und Neugierde entgegenkommen. Damit entwickelt sich der Spracherwerb des Kindes und damit seine gesamte Sprachbildung als eine beiläufige Folge im ‚normalen‘ Alltagsgeschehen!

(Dieser Beitrag entstand im Rahmen der gerade neu erschienenen Publikation von Armin Krenz >Sprachbildung in der Kita – alltagsorientiert und kindzentriert< (BurckhardtHaus, c/o Körner Medien UG, Freiburg 2026).  

Literaturangaben:

Arlt, Katrin & Prochnow, Annette: Kinder entdecken Sprache. Sprachentwicklung, Sprachbildung und Sprachförderung in der Kita. Kohlhammer Verlag, Stuttgart 2024 

Brügge, Walburga + Mohs, Katharina: So lernen Kinder sprechen. Kinder in ihrer Sprachentwicklung begleiten. Ernst Reinhardt Verlag, München 2020

Hüther, Gerald: Warum Kinder Märchen brauchen. https://www.erziehungskunst.de/artikel/warum-kinder-maerchen-brauchen. (2012) 

Zimmer, Renate: Schafft die Stühle ab. Plädoyer für einen bewegten Alltag. Verlag Herder, Freiburg 2021

Rolfing, Katharina. Frühe Sprachentwicklung. Verlag UTB, Stuttgart 2018 

Szagun, Gisela: Sprachentwicklung beim Kind. Ein Lehrbuch. Beltz Verlag, Weinheim. 2019 (7. Auflage)

Tracy, Rosemarie: Wie Kinder Sprachen lernen. Und wie wir sie dabei unterstützen können. Verlag Francke, Tübingen, 2008 (2. Auflage)  

Autor:

Armin Krenz, Prof. h.c. Dr. h.c. et Hon.-Professor für Entwicklungspsychologie & Elementarpädagogik (a.D.)   

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