mehrere Kinder

Sprachförderung braucht das Große Ganze – nicht Stückwerk und neue Belastungen für Kitas

11.02.2026 Kommentare (1)

Der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen e.V. nimmt Bezug auf den Artikel „Olaf Lies bezweifelt, dass die Sprachförderung in den Kindergärten noch ausreichend ist“ vom 09.02.2026 im Rundblick Niedersachsen. Die Sorge, um die sprachliche Entwicklung von Kindern teilt der Verband ausdrücklich, warnt jedoch vor verkürzten politischen Lösungsansätzen. Die Verstetigung der Sprachfördermittel aus Bundesmittel in Landesmittel ist richtig, bleibt ohne Dynamisierung jedoch unzureichend.

Es ist grundsätzlich richtig und sinnvoll, den Sprachstand von Kindern frühzeitig zu ermitteln. Alles, was darüber hinaus ohne tragfähiges Gesamtkonzept gefordert wird, führt jedoch in die Irre. Weder darf Sprachförderung von ungelernten Kräften übernommen werden, noch dürfen Gruppengrößen vergrößert werden, um zusätzliche Aufgaben aufzufangen. Beides widerspricht fachlichen Standards und verschärft die Situation in den Einrichtungen weiter.

Auch Forderungen nach verpflichtenden Schulungen greifen zu kurz: Schulungen für wen und mit welchem Ziel? Ohne eine klare Einbettung in ein Gesamtkonzept laufen solche Vorschläge ins Leere und drohen, pädagogische Fachkräfte weiter zu belasten, statt sie zu entlasten.

In den Kindertageseinrichtungen findet bereits heute alltagsintegrierte Sprachbildung statt. Sprache entwickelt sich im Alltag während des Spiels, in Beziehungen oder im gemeinsamen Handeln. Entscheidend dafür sind stabile Bindungen und ausreichend Zeit. Genau diese beiden zentralen Voraussetzungen fehlen jedoch zunehmend. Wenn Sprachförderung isoliert betrachtet wird, bleibt sie eine Symptombehandlung, ohne die eigentlichen Ursachen anzugehen: Personalmangel, Zeitdruck und strukturelle Überlastung.

Eine zusätzliche Sprachfachkraft kann unterstützen, sie kann jedoch nicht kompensieren, was im Gruppenkontext und im Elternhaus nicht fortgeführt werden kann. Entscheidend ist es, Sprechfreude zu wecken und aufrechtzuerhalten und dafür brauchen Fachkräfte vor allem Zeit, personelle Stabilität und verlässliche Strukturen.

Pädagogische Fachkräfte dürfen und können keine Diagnosen stellen. Kitas sind Bildungs- und Beziehungseinrichtungen. Sie sind keine Ersatztherapiezentren. Dies wird auch in der Broschüre des Paritätischen Gesamtverbandes zur Sprachbildung und -förderung deutlich hervorgehoben: Wirksame Sprachförderung ist untrennbar mit guten Rahmenbedingungen, multiprofessioneller Unterstützung und ausreichender personeller Ausstattung verbunden.

Der Kita-Fachkräfteverband Niedersachsen-Bremen e.V. fordert daher:

  • eine auskömmliche und dynamisierte Finanzierung der Sprachförderung,
  • Entlastung statt zusätzlicher Belastung für pädagogische Fachkräfte,
  • den Ausbau externer Unterstützungsstrukturen wie Frühförderung, Logopädie und
  • Sozialarbeit,
  • sowie eine politische Debatte, die strukturelle Ursachen benennt, statt Verantwortung
  • weiter in die Kitas zu verlagern.

„Es ist gut, dass die Politik hinschaut“, so Melanie Krause, 1. Vorsitzende, abschließend. „Aber es reicht nicht. Das große Ganze wird bislang nicht wahrgenommen. Sprachförderung gelingt nur dann, wenn Kitas Zeit, Personal und gute Bedingungen haben“

Mit freundlichen Grüßen

Melanie Krause

1. Vorsitzende

(für den Vorstand)

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Kommentare (1)

Jutta Lipowski 27 Februar 2026, 00:03

„Zwischen Warteliste und Wirklichkeit: Sprachförderung darf keine Lücke lassen“
Als Erzieherin und Expertin für Sprachentwicklung begleite ich seit vielen Jahren Kinder und ihre Familien. Ich sehe täglich, wie entscheidend die ersten Lebensjahre für die sprachliche Entwicklung sind. Und ich sehe ebenso deutlich, wo unser System an seine Grenzen stößt.
Der Artikel des Kita-Fachkräfteverbandes bringt einen wichtigen Punkt auf den Tisch: Sprachförderung darf nicht isoliert betrachtet werden. Sie braucht gute Rahmenbedingungen, stabile Beziehungen und ausreichend Personal. Dem stimme ich ausdrücklich zu.
Aber ich möchte einen weiteren Aspekt ergänzen – einen, der in der politischen Debatte viel zu wenig Raum bekommt:
Sprachentwicklung beginnt nicht erst in der Kita.
Sie beginnt mit der ersten Beziehung.
Und sie wird maßgeblich im Elternhaus geprägt.
Während wir darüber diskutieren, wie Sprachfördermittel verstetigt oder verteilt werden, warten Familien monatelang auf einen Termin bei Logopäd:innen. Monate, in denen Unsicherheit wächst. Monate, in denen Eltern spüren, dass etwas nicht stimmt – aber keine Orientierung bekommen. Monate, in denen wertvolle Entwicklungszeit ungenutzt verstreicht.
Diese Wartezeiten sind nicht nur organisatorisch problematisch. Sie sind entwicklungspsychologisch kritisch.
Eltern werden in dieser Phase oft allein gelassen. Sie erhalten keine konkrete Anleitung, keine alltagsnahen Strategien, keine Sicherheit im Umgang mit der Sprachentwicklung ihres Kindes. Stattdessen entstehen Zweifel, Schuldgefühle oder Rückzug.
Als pädagogische Fachkraft kann ich diese wichtige Aufgabe leider nicht zusätzlich in meiner Dienstzeit erfüllen.
Genau hier setze ich daher mit meinem Programm an.
Ich arbeite online mit Eltern von Kindern zwischen 0 und 7 Jahren und zeige ihnen, wie sie im Alltag sprachfördernd handeln können – ohne zusätzliche Materialien, ohne Druck, ohne therapeutischen Anspruch. Sprache entsteht beim Wickeln, beim Kochen, beim gemeinsamen Aufräumen, beim Bilderbuch anschauen, beim Streit schlichten. Eltern lernen, wie sie Sprechanlässe schaffen, wie sie Modellierung nutzen, wie sie Wortschatz erweitern und Dialoge vertiefen.
Das Ziel ist nicht, Logopädie zu ersetzen.
Das Ziel ist, Zeit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.
Wenn Familien monatelang warten müssen, braucht es überbrückende, qualitätsgesicherte Unterstützungsangebote. Es braucht Programme, die Eltern befähigen – nicht verunsichern. Es braucht präventive Stärkung statt reaktiver Reparatur.
Sprachförderung ist keine Einzelmaßnahme. Sie ist ein Zusammenspiel aus Kita, Elternhaus und therapeutischer Unterstützung. Wenn ein Baustein ausfällt oder überlastet ist, müssen die anderen gestärkt werden.
Deshalb richtet sich mein Appell klar an die Bildungspolitik:
• Investieren Sie nicht nur in zusätzliche Sprachstandserhebungen.
• Investieren Sie in Elternbildung von Anfang an.
• Verkürzen Sie Wartezeiten im therapeutischen Bereich strukturell.
• Schaffen Sie verbindliche Netzwerke zwischen Kitas, Frühförderstellen und Elternprogrammen.
• Machen sie interdisziplinäre Teams möglich, indem sie Planstellen dafür schaffen
Kitas sind Bildungs- und Beziehungseinrichtungen – keine Ersatztherapiezentren. Aber sie sind zentrale Knotenpunkte im System. Wenn wir dort Fachkräfte weiter belasten, ohne gleichzeitig Eltern und externe Strukturen zu stärken, verschieben wir Verantwortung, statt Lösungen zu schaffen.
Sprachförderung braucht das große Ganze.
Sie braucht stabile Rahmenbedingungen in Kitas.
Sie braucht ausreichend therapeutische Kapazitäten.
Und sie braucht starke, informierte Eltern.
Wenn wir wirklich Chancengerechtigkeit wollen, dann dürfen wir die ersten Lebensjahre nicht dem Zufall überlassen. Dann müssen wir Familien befähigen, die sprachliche Entwicklung ihrer Kinder aktiv und sicher zu begleiten.
Die Zeit der Kinder wartet nicht auf politische Prozesse.
Jeder Monat zählt.
Und genau deshalb brauchen wir jetzt strukturelle Entscheidungen – nicht nur gute Absichten.

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