mehrere Kinder

Stellungnahme des Verbands für Kita-Fachkräfte Bayern e.V. Mehrsprachigkeit als Chance begreifen: Warum der gesetzliche Bildungsauftrag in Kitas mehr Zeit und Personal erfordert

09.03.2026 Kommentare (0)

Die aktuelle Erhebung des Paritätischen Gesamtverbands zur Sprachförderung bringt schonungslos auf den Punkt, was in den bayerischen Kitas längst Alltag ist: Über 92 Prozent der Einrichtungen betreuen Kinder, die zu Hause vorrangig eine andere Sprache als Deutsch sprechen. Dennoch geben zwei Drittel der Kitas an, den sprachlichen Förderbedarf mit dem bestehenden Personalschlüssel nicht abdecken zu können.

Als Verband Kita-Fachkräfte Bayern e.V. nehmen wir diese alarmierenden Zahlen zum Anlass, erneut deutlich auf die eklatante Diskrepanz zwischen politischem Anspruch und pädagogischer Realität hinzuweisen.

In unseren Einrichtungen wachsen immer mehr Kinder mehrsprachig auf. Diese Vielfalt ist eine enorme Bereicherung für den Kita-Alltag und birgt großartige Entwicklungspotenziale, denn ein guter Erstspracherwerb hilft nachweislich auch beim Erlernen der deutschen Sprache.

Mehrsprachigkeit wertzuschätzen und zu fördern, ist gelebte Inklusion und ein zentraler Baustein für erfolgreiche gesellschaftliche Integration.

Dabei handelt es sich keineswegs um ein bloßes Ideal oder eine freiwillige Zusatzleistung: Das Bayerische Kinderbildungs- und -betreuungsgesetz (BayKiBiG) sowie der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan (BEP) verankern Inklusion, Integration und sprachliche Bildung unmissverständlich als gesetzlichen und pädagogischen Kernauftrag.

Die Ergebnisse der bundesweiten Umfrage belegen eindrücklich, woran die Umsetzung dieses gesetzlichen Auftrags in der Praxis scheitert: Es mangelt nicht an Diagnostik, fachlichem Wissen oder Instrumenten zur Sprachstandserhebung, sondern an den essenziellen Rahmenbedingungen.

Echte Integration und alltagsintegrierte Sprachförderung basieren auf Beziehungsarbeit. Sie erfordern Ruhe, intensive Dialoge und Zeit für eine individuelle Begleitung im Spiel. Wenn eine Fachkraft jedoch für zu viele Kinder gleichzeitig verantwortlich ist, lässt sich dieser qualitative Anspruch schlichtweg nicht mehr erfüllen.

Die Ressourcen fehlen an allen Ecken und Enden – auch für die unerlässliche, intensive Zusammenarbeit mit den Eltern oder den Übergang in die Grundschule. Dass laut Studie nur 35 Prozent der Kitas von einer ausreichenden Verständigung mit den aufnehmenden Schulen berichten, ist ein weiteres, deutliches Symptom dieser chronischen strukturellen Überlastung.

Genau dieser strukturelle Notstand war der Auslöser für unsere bayernweite Aktion #WimpelFuerWandel. Die mittlerweile fast 12.000 Wimpel, die wir am 27. Februar gemeinsam mit den Bündnispartnern der AG Kita in der Bayerischen Staatskanzlei an Staatsminister Dr. Florian Herrmann übergeben haben, stehen symbolisch für jedes einzelne Kind, dessen Recht auf individuelle Förderung durch das aktuelle System ausgebremst wird.

In dem offenen und konstruktiven Gespräch betonte Dr. Herrmann die Bedeutung der frühkindlichen Bildung und stellte gegenüber den Kitavertretungen klar: „Sie legen die Grundlage für Lebensbiografien.“

Wir nehmen den Staatsminister beim Wort: Wenn in unseren Einrichtungen die Grundlage für erfolgreiche Lebensbiografien und gesellschaftliche Integration gelegt werden soll, darf die frühkindliche Bildung in Bayern nicht länger am Limit agieren. Die Wimpel sind der sichtbare Beweis dafür, dass es dringend strukturelle Veränderungen braucht.

Dr. Herrmann hat in Aussicht gestellt, unsere Anliegen in das Ministerium für Familie, Arbeit und Soziales zu tragen. Um dem gesetzlichen Bildungsauftrag nachzukommen und der Vielfalt in den Kitas wieder gerecht zu werden, bedarf es echter struktureller Verbesserungen statt bürokratischer Pflaster.

Wie auch in der Staatskanzlei deutlich adressiert, fordern wir:

• Einen wissenschaftlich fundierten Fachkraft-Kind-Schlüssel: Nur so wird qualitative Beziehungsarbeit und alltagsintegrierte Sprachförderung überhaupt erst wieder möglich.

• Verlässliche Ressourcen für das Personal: Ausreichend verankerte Verfügungszeit (mittelbare pädagogische Arbeitszeit) für essenzielle Aufgaben wie die Elternarbeit und die Kooperation bei Grundschulübergängen, sowie feste Leitungszeiten zur Vorbereitung, Dokumentation und Reflexion der pädagogischen Arbeit.

• Qualitätssicherung: Keine Kita-Leitung ohne pädagogische Ausbildung sowie eine qualitativ hochwertige Ausbildung für Quereinsteiger:innen.

Wir fordern einen politischen Paradigmenwechsel: Statt den Ruf nach immer neuen Testverfahren lauter werden zu lassen, müssen endlich die zeitlichen und personellen Ressourcen geschaffen werden.

Nur so können wir Kinder in ihrer sprachlichen Entwicklung bestmöglich begleiten und Mehrsprachigkeit als das fördern, was sie ist: ein großartiger Gewinn für unsere Gesellschaft.

Ihre Meinung ist gefragt!

Kommentar schreiben




Die angegebene E-Mail-Adresse wird nicht dargestellt, sondern nur für eventuelle Benachrichtigungen verwendet.


Bitte schreiben Sie freundlich und sachlich. Ihr Kommentar wird erst nach redaktioneller Prüfung freigeschaltet.





Ihre Angaben werden nicht an Dritte weitergegeben. Weitere Hinweise zum Datenschutz finden Sie im Impressum.