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Streik in der Kita

Angelika Mauel

18.10.2020 | Fachkommentar Kommentare (1)

„Streik in der Kita“ (so der Titel einer Sonderproduktion eines Pixi-Buchs für die GEW bedeutet für Lea, Zeynep und die Zwillinge Fiete und Janne zunächst nur, dass sie ein am Vortag begonnenes Spiel nicht wie erwartet zu Ende spielen können. 

Auswirkungen des Streiks: Leas Papa trödelt am nächsten Tag ungewohnt lange am Frühstückstisch. Er hat mehr Zeit als sonst. - Zeit auch für Leas Freunde, die die beiden am Kindergarten abholen, weil Leas patenter Vater sich zur Betreuung der Kinder bereit erklärt hat. Eine Art Nachbarschaftshilfe unter Eltern. Die Erzieher*innen basteln derweil vor der Kita für sich: Plakate für ihren Streik.

Das Wort „STREIK“ ist wiederholt zu lesen und setzt für Vorschulkinder, die oft schon die Großbuchstaben kennen, den Impuls zu weiteren Fragen. Gut miteinander auskommende Eltern werden gezeigt: Eine im Alltag kaum zu sehende Szene: Eine Muslima mit Kopftuch berührt Leas Vater an der Schulter, was jedoch natürlich und nicht unangenehm aufgesetzt wirkt. So wie Kinder es bei den Pixis lieben, werden detailreiche Bilder gezeigt. Eine schwarz-weiße Hauskatze taucht immer wieder auf. Mit ihren Schnurrhaaren kitzelt sie fast die nackten Füße des am Mittagstisch auf einer Bank knienden Fiete. Er und seine Zwillingsschwester Janne sind absolut gleich angezogen. Ihr Unterscheidungsmerkmal sind Jannes Haargummis. Kinder registrieren beim Ansehen des Büchleins vieles, was für sie interessant ist. Die Katze soll sich nicht ihre Schnauze an den Scherben schneiden. - Im Verlauf eines turbulenten Vormittags ging Leas Lieblingstasse kaputt. Die Pfannkuchen kokelten leicht an, werden aber trotzdem verputzt. Allen fällt auf, dass Erzieherin Paula einiges besser kann als der leicht überforderte Vater. Paula ist eben eine richtige Erzieherin. 

Warum sie plötzlich keine Zeit für die Kinder hat? Dass Paula und ihre Kolleg*innen streiken, erfahren die Kinder von Leas Vater, der ergänzend erklärt „Sie wollen besser bezahlt werden für ihre Arbeit“. In dieser Geschichte ein von den Kindern verstandener Wunsch. Vater und Kinder malen sodann Plakate für den Streik der Erzieher*innen. Einmal die Seite umschlagen: „MEHR Geld“ und „WICHTIG“ ist darauf zu lesen. Und schmunzelnd mag man an dieser Stelle denken, dass dieses Pixi vor allem eine Wirkung auf Erzieher*innen haben sollte.

Schon immer gab es in unseren Reihen einige „sozial-überemotionale Wesen“, denen es innerlich widerstrebte, mehr Geld zu fordern. Vielleicht ist ein grundlegendes Umdenken von unserer Seite aus angesagt. Warum nicht unbekümmert wie Kinder „mehr erwarten“? Aber bitte als Fachkräfte Forderungen begründen! Warum sich nicht vorstellen, dass eine Reihe älterer Herrschaften uns nicht ernst nehmen und vielleicht sogar für zu dämlich halten werden, solange wir nicht das gleiche wie sie ernst nehmen: Geld.

„Auch mehr Euros fordern, das ist die Sprache, die verstanden wird“, riet Kommentator Pit in einer Diskussion zu meinem Artikel auf news4teachers und ergänzte: „(Die ehrenwerte Schiene können „die da oben“ nicht verstehen, das ist quasi moralisches Feindesland)“.

Warum werden Kindheitspädagog*innen in Kitas nicht wie andere Akademiker bezahlt? Und wie kann es sein, dass ausgerechnet in einem Beruf, in dem Berufs- und Lebenserfahrung wirklich wichtig sind, die erworbene Stufe nach einem Trägerwechsel nicht aufgrund des Tarifvertrags anerkannt werden muss? (Es steht uns jedoch frei, auf dem Verhandlungsweg zu erreichen, dass der neue Arbeitgeber die erreichte Stufe im Arbeitsvertrag anerkennt.) 

Als 2009 erstmalig „die Erzieher*innen“ bundesweit streikten und auf die Straßen gingen, haben Kindergartenkinder einiges von den Unruhen mitbekommen. Vor allem die älteren Jungen waren fasziniert von der Aufbruchstimmung und wollten sogar selbst fabrizierte „Waffen für den Streit“ verschenken. (Auch wenn im Buchbestand der Kita Bücher und Bildungskoffer zum Programm „Faustlos“ vorhanden waren...) Nur ein anderer Buchstabe am Ende: Streik war und ist für viele Kinder gleichbedeutend mit Streit. Und „Streit“ bedeutet für vitale Kinder nicht in erster Linie nur Kummer und Leid, sondern auch „Hochspannung“ und Kampf. „Schmeißt ihr jetzt Bomben?“ wurde ehrfurchtsvoll und voller Anteilnahme eine junge Erzieherin beim Aufräumen der Bauecke gefragt. (Es versteht sich von selbst, dass diese Gedanken nicht durch die Erzieher*innen initiiert wurden.) Streikende Erzieher*innen tauschten sich unter den Schirmen der Gewerkschaften schon mal darüber aus, wie phänomenal sie plötzlich in der Achtung mancher Jungen gestiegen sind. … Das sollte uns zu denken geben. 

Ein Blick über den Kitazaun: Menschen aus den Pflegeberufen habe die Nase voll und fangen an, ihrem Unmut durch Widerspruch Ausdruck zu geben. Mehrere Hunderttausend wurden für „Die Ehrenpflegas“ verschleudert... (Petition)

Wenn wir nicht aufpassen, rutschen wir wie Pflegekräfte noch tiefer in eine Misere rein, aus der wir schon seit Jahren raus wollen. Martin Textor hat nicht grundlos schon früh darauf hingewiesen, dass Erzieher*innen letztlich die Beschäftigung mit politischen Fragen nicht vermeiden können. Und wenn wir uns bewusst manchen, welche Errungenschaften wir den Gewerkschaften zu verdanken haben, sollte uns das leicht fallen.  

Lesen Sie hierzu auch den Beitrag von Frau Mauel "Tarifkampf der Erzieherinnen: Lasst Euch nicht länger mit billigem Lob abspeisen!" auf News4Teachers".

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Kommentare (1)

Corinna 20 Oktober 2020, 17:11

Wir könnten für mehr Personal (oder NOCH besser:) eine gesetzlich verankerte Fachkraft-Kind-Relation nach Berstelsmann streiken.
Dafür, dass es viel viel viel zu viele ErzieherInnen gibt, die hier das Kindwohl nicht beachten und ansprechen und die eigene Fürsorge nicht einfordern... dafür ist die Bezahlung doch noch ok.
Müssen wir warten, bis wir am Minuspool der Pflegekräfte angekommen sind? Es ist doch offensichtlich, dass wir aufstehn müssen!

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