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Stuttgarter Erklärung: Mehrsprachigkeit als Ressource anerkennen und fördern

22.07.2016 Kommentare (0)

Auf der von der Baden-Württemberg Stiftung veranstalteten internationalen Fachtagung „Frühe Mehrsprachigkeit – Chancen und Perspektiven im Blick“ diskutierten Vertreter aus Forschung und Praxis in Stuttgart über bereits erreichte Ziele sowie neue Herausforderungen im Themenfeld Mehrsprachigkeit. Als Ergebnis wurde die „Stuttgarter Erklärung“ zur frühen Mehrsprachigkeit formuliert.
Die „Stuttgarter Erklärung“ erkennt Mehrsprachigkeit als Chance für mehr Bildungsgerechtigkeit an, gerade im Kontext der neuen Migration. Sie beschreibt die Sprachbildung als langfristige Aufgabe, bei deren Umsetzung alle Akteure in Bildungseinrichtungen und im gesamten sozialen Raum zusammenwirken sollten. Eine wertschätzende Haltung aller Beteiligten gegenüber sämtlichen Sprachen wird dabei als unerlässlicher Bestandteil des Spracherwerbs sowie der Integration insgesamt betrachtet.
Integration und Sprachkompetenz sieht Professorin Rosemarie Tracy von der Universität Mannheim in einem ähnlichen Verhältnis zueinander wie Huhn und Ei. Für sie steht zum Abschluss der Tagung „Frühe Mehrsprachigkeit – Chancen und Perspektiven im Blick“ fest, dass beide sich bedingen und das eine nicht ohne das andere funktioniert. Am 15. Juli hatten sich 300 Teilnehmende aus Forschung und Praxis versammelt, um sich über erreichte Ziele aus mehr als zehn Jahren Sprachförderung auszutauschen und über zukünftige Herausforderungen in einer von Migration geprägten Gesellschaft zu diskutieren. Die Baden-Württemberg Stiftung fördert bereits seit 2002 mit dem Programm „Sag‘ mal was“ die frühe Mehrsprachigkeit im gesamten Bundesland.
In ihrem Vortrag zum Thema „Mehrsprachigkeit und kindliches Wohlbefinden“ beschrieb Professorin Annick De Houwer, welche Faktoren verhindern, dass Kinder „glücklich mehrsprachig“ sein können. Sie fand heraus, dass die verschiedenen Erstsprachen der Kinder in Betreuungs- und Bildungseinrichtungen oft nicht wertgeschätzt oder gar völlig ignoriert werden. Daraus resultiert, dass sich Kinder mit anderssprachigem Hintergrund nicht wahrgenommen fühlen. Nicht nur ihre Sprachentwicklung wird dadurch beeinträchtigt; durch die Ablehnung der Muttersprache lehnen die mehrsprachigen Kinder auch einen Teil ihrer eigenen Identität ab. De Houwer empfiehlt, dass alle Sprachen, die die Kinder zuhause lernen, auch in den jeweiligen Betreuungseinrichtungen integriert und wertgeschätzt werden. Eine positive Einstellung der Erzieherinnen und Erzieher gegenüber fremden Sprachen und Kulturen ist dabei ebenso wichtig wie die Einbeziehung vo n Eltern als interkulturelle Botschafter.
„In den letzten zehn Jahren haben sich die Forschungsschwerpunkte im Bereich früher Spracherwerb deutlich verschoben“, stellt Professorin Ingrid Gogolin fest. „Nicht zuletzt im Rahmen der neuen Migrationswelle werden mehr Mittel für die Förderung von Mehrsprachigkeit investiert, und diese Investitionen zahlen sich aus“, davon ist die Wissenschaftlerin überzeugt. Ihre Studien belegen, dass mehrsprachige Kinder durch den Spracherwerb keine Nachteile gegenüber einsprachig aufwachsenden Kindern haben und dass sie im Gegenteil in weiteren Fremdsprachen auch ein höheres Niveau erreichen als Kinder, die erst in der Schule mit einer neuen Sprache konfrontiert werden. Am Ende ihres Vortrags schärft sie den Blick noch einmal dafür, wozu wir Sprachen eigentlich lernen – nämlich, um uns zu bilden und mehrsprachige Literalität zu erleben – nicht einfach, um einen Satz in eine andere Sprache übersetzen zu k& ouml;nnen.
Professorin Antonella Sorace von der Universität Edinburgh erforscht, wie Spracherwerb und kognitive Fähigkeiten miteinander verknüpft sind. Sie fand heraus, dass mehrsprachige Kinder bereits früh die Fähigkeit entwickeln, die Perspektive anderer einzunehmen, also über bessere Sozialkompetenz verfügen. Ihre Forschungsergebnisse weisen außerdem darauf hin, dass mehrsprachige Kinder besser unterschiedliche Informationen verarbeiten und schneller zwischen verschiedenen Aufgaben wechseln können als einsprachige. Nicht zuletzt gibt es Hinweise, dass die Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, eine Alzheimer-Erkrankung um bis zu fünf Jahre verzögern kann.
Stuttgarter Erklärung (Ergänzung zur Mannheimer Erklärung von 2006):
I. Der Blick auf das kindliche Wohlbefinden und eine wertschätzende Haltung gegenüber den Sprachen der Kinder und ihrer Familien sind bedeutsam für die kindliche Entwicklung und ihre (mehr-)sprachliche Bildung.
II. Im Kontext der „neuen Migration“ ist es wichtiger denn je, die frühe Mehrsprachigkeit als Chance zur Gestaltung von mehr Bildungsgerechtigkeit für alle Kinder differenziert wahrzunehmen und zu nutzen.
III. Durchgängige Sprachbildung ist eine langfristige Aufgabe. Gerade am Übergang Kindertageseinrichtungen und Grundschulen ist eine gelebte Kooperation Grundvoraussetzung für eine nachhaltige Förderung und Unterstützung der Kinder in ihrer Sprachbildung.
IV. Es ist im Interesse ein- und mehrsprachiger Kinder, dass Akteure der sprachlichen Bildung im Sozialraum zusammenwirken. Dies kann durch verstärkte Vernetzungsprozesse z.B. in Kinder- und Familienzentren durch Eltern, pädagogische Fachkräfte, Ärztinnen und Ärzte usw. gelingen.
Weitere Informationen zum Programm „Sag‘ mal was“ der Baden-Württemberg Stiftung wie auch die Mannheimer Erklärung finden Sie unter: www.sagmalwas-bw.de

Quelle: Presseinformation der Baden-Württemberg Stiftung gGmbH vom 19.7.2016

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