Verband für Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg: Goldstandards in Kitas
Gold- und Platinstandard? In unseren Kitas klingt das derzeit wie ein besonders schlechter Witz. Während mehrere Bürgermeister öffentlich darüber philosophieren, man müsse sich von vermeintlich überhöhten Standards verabschieden, stehen pädagogische Fachkräfte vielerorts jeden Morgen in Einrichtungen, die davon meilenweit entfernt sind. Wer heute ernsthaft glaubt, unsere Kitas arbeiteten auf „Goldniveau“, war offenbar schon lange nicht mehr in einer Gruppe mit 25 Kindern, zwei davon mit besonderem Förderbedarf, einer Fachkraft und einer Praktikantin im dritten Monat.
„Die Realität ist nicht edel, sie glänzt nicht – sie bröckelt“ erklärt Anja Braekow, 1. Vorsitzende vom Verband Kita-Fachkräfte Baden-Württemberg. Fakt in Baden-Württemberg ist: Viele Gruppen sind zu groß, Personal fehlt, Ausfälle gehören zum Alltag. Pausen finden in der Kita statt, weil Aufsichtspflicht wichtiger ist als Gesundheit. Überstunden werden gesammelt wie Pfandbons und mit Glück irgendwann eingelöst. Konzepte sind pädagogisch anspruchsvoll formuliert, werden aber leider viel zu oft in der Praxis zur Theorie, weil Zeit, Räume und Menschen fehlen. „Von Gold oder Platin kann keine Rede sein – wir kämpfen aktuell in vielen Kitas in Baden-Württemberg um ein funktionierendes Blech“ führt Anja Braekow aus. Um so ärgerlicher sei es, in der Presse zu lesen, dass die Ansprüche zu hoch sind, denn „es geht um nichts anderes als die Kinder und unsere Zukunft. Diese Entscheidungen sind keine pädagogischen Detailfragen. Sie sind eine gesellschaftliche Haltung. Und genau darüber sollten wir endlich ehrlich sprechen“ fordert Anja Braekow auf. Das Gespräch sucht der Verband aktuell mit den Bürgermeistern, die vor kurzem über die Goldstandards in Baden-Württemberg berichtet haben, um ihnen von den Problem in der Praxis zu berichten „und um einmal etwas mehr Realität in die Diskussion zu bringen“ so Braekow.
Ein paar reale Beispiele aus der Platin- und Goldwelt Baden-Württembergs:
„Es gibt keinen vernünftigen Türschließer, der für Sicherheit sorgen würde. Wir müssen den Raum ständig im Blick behalten, um sicherzustellen, dass kein Kind versehentlich nach draußen geht“, sagt Miriam H., eine erfahrene Fachkraft aus Karlsruhe. „Das ist nicht nur eine Herausforderung, sondern ein echtes Sicherheitsrisiko.“
„Jeder Cent wird hinterfragt – und das betrifft nicht nur die großen Ausgaben, sondern auch die grundlegende Ausstattung“, berichtet Anonymisierte Fachkraft aus einem städtischen Kita-Verbund. „Wir müssen bei den einfachsten Dingen, wie Stühlen, die nicht auseinanderfallen, um jeden Euro kämpfen. Es ist frustrierend, wenn man als Fachkraft das Gefühl hat, dass selbst die grundlegende Ausstattung nicht als notwendig angesehen wird.“
Es gibt kein Personalzimmer oder Besprechungsraum, in dem Fachkräfte sich zurückziehen können. In vielen Kitas finden Besprechungen in engen Fluren oder sogar in der Küche statt, „was uns daran hindert, privatere oder wichtigere Gespräche zu führen“, sagt Sandra K., eine Erzieherin in einer kleinen Einrichtung in Freiburg. „Wir haben keinen Raum, um uns an einem schwierigen Arbeitstag in der Pause zurückzuziehen. Stattdessen müssen wir ständig präsent sein – als wären wir nur Aufsichtspersonal.“
Die Gebäude, in denen sich viele Kitas befinden, sind oft in schlechtem Zustand: „Unser Gebäude ist über 50 Jahre alt, Fenster sind undicht, und die Heizung funktioniert nicht richtig“, erklärt Anonymisierte Fachkraft aus einer Kita im ländlichen Raum. „Ich arbeite regelmäßig mit Pullover und Fleecejacke, um nicht zu frieren. Die Kinder können nicht richtig spielen, weil der Raum einfach zu kalt ist.“
„Es ist frustrierend, dass wir tagtäglich in einem Umfeld arbeiten, das wenig Raum für echte pädagogische Arbeit lässt“, sagt Tobias L., ein langjähriger Erzieher aus einer städtischen Einrichtung. „Die Stadt hat das Gebäude und den Garten im Griff – aber es passiert einfach nichts. Wir haben kaputte Spielgeräte, einen Garten, der aus Sicherheitsgründen gesperrt ist, und die Stadt tut nichts dagegen.“
Das Thema Lärmschutz wird von vielen Kitas ebenfalls nicht ausreichend berücksichtigt. „Der Lärmschutz wird ständig abgetan oder vertagt“, berichtet Anonymisierte Fachkraft aus einer Kita in Mannheim. „Wir müssen in einem Raum arbeiten, der ständig überfüllt ist, und der Lärmpegel ist einfach unerträglich. Es wird einfach nichts unternommen, um das zu ändern, und das gefährdet sowohl die Kinder als auch unsere eigene Gesundheit.“
Viele Dinge bleiben auf der Haushaltsliste jahrelang unbeachtet. „Das Streichen der Fassade, die Reparatur der Gartentore oder die Erneuerung von Toiletten – das sind Dinge, die wir schon seit Jahren anmahnen, aber die Stadt reagiert einfach nicht“, erklärt Hanna M., eine Erzieherin aus einer ländlichen Kita. „Es fühlt sich an, als wären wir ein Fall für die Warteliste, auf der Dinge wie Farbe und Toiletten längst nachrangig erscheinen.“
„Wenn dann nach 8 Jahren endlich etwas gemacht wird, fühlt es sich an, als sollten wir dafür Luftsprünge machen“, sagt Julia P., eine Fachkraft aus einer städtischen Einrichtung. „Aber selbst, wenn es endlich repariert wird, ist die Qualität oft so schlecht, dass man sich fragt, ob das wirklich die beste Lösung war.“
Trotz mehrfacher Nachfrage erhalten die Fachkräfte in vielen Kitas kaum Schulungen zu wichtigen Themen wie Brandschutz, Hygiene oder Erste Hilfe. „Der Brandschutz und die Hygiene werden vom Träger auf ein Minimum an Schulungen begrenzt. Das ist einfach nicht genug, um uns auf die realen Gefahren vorzubereiten“, erklärt Anonymisierte Fachkraft aus einer kirchlichen Kita. „Es ist erschreckend, dass diese Themen nach wie vor auf der Strecke bleiben, obwohl wir ständig darauf hinweisen.“
„Unsere Garderobe ist über 60 Jahre alt, wackelt und hat viel zu wenige Plätze für die Kinder“, sagt Michaela H., eine Erzieherin aus einem kleinen Stadtteil. „Aber seit fünf Jahren wird sie im Haushaltsplan nicht genehmigt. Wir sind einfach nicht in der Lage, den Kindern die einfachsten Annehmlichkeiten zu bieten. Sie müssen sich in einem Raum umziehen, der nicht einmal sicher ist.“
„Ein Teamzimmer, das maximal 6 Leute fasst, für ein Team von 11 Personen – das ist einfach nicht akzeptabel“, erklärt Anonymisierte Fachkraft aus einer Kita in Heidelberg. „Und dann gibt es keinen Pausenraum, keine Rückzugsmöglichkeiten. Wir machen Pause am Kindertisch. Es fühlt sich an, als ob unsere Bedürfnisse überhaupt keine Rolle spielen.“
„Die Fußbodenheizung ist von Anfang an defekt, der Hitzeschutz ist unzureichend, und durch das Dach regnet es immer wieder rein“, sagt Klaus S., ein Erzieher in einer städtischen Kita. „Es passiert nichts – das Gebäude wird einfach ignoriert. Es ist nicht nur ein Problem für uns als Fachkräfte, sondern auch für die Kinder. Das Umfeld ist einfach nicht mehr tragbar.“
Ist das der Goldstandard, von dem wir uns verabschieden sollen? Oder reden wir eher davon, dass Kinder heute vor allem satt, sauber und aufbewahrt sein sollen – um jeden Preis? Hauptsache betreut, Hauptsache verwahrt, Hauptsache es funktioniert irgendwie? Ist das wirklich das Bild von frühkindlicher Bildung, dass wir als Gesellschaft vertreten wollen? Sind wir an dem Punkt angekommen, an dem Anspruch als Luxus gilt und Qualität als verzichtbar?
Besonders zynisch wird diese Debatte, wenn sie auf dem Rücken der Kinder und Fachkräfte geführt wird. Denn die Herausforderungen nehmen zu: Kinder brauchen mehr Begleitung, mehr Unterstützung, mehr Beziehung. Familien brauchen Verlässlichkeit, Orientierung und Vertrauen. Stattdessen erleben sie kurzfristige Schließungen, reduzierte Öffnungszeiten und dauerhafte Notlösungen, die irgendwann einfach zum Normalzustand erklärt werden.
Wer jetzt fordert, vom „Gold- und Platinstatus“ wegzugehen, sollte den Mut haben, ehrlich zu sagen, wohin die Reise gehen soll. Zu Bronze? Zu Blech? Oder direkt zu „Hauptsache irgendwie“? Denn eines ist klar: Von hohen Standards entfernen wir uns nicht – wir sind längst weit darunter. Das Problem ist nicht ein überzogener Anspruch, sondern ein System, das seit Jahren auf Verschleiß gefahren wird.
Kitas sind kein Aufbewahrungsort. Sie sind der Anfang unseres Bildungssystems. Hier entsteht die Grundlage für Sprache, soziale Kompetenz, Selbstvertrauen und Teilhabe. Wer hier spart, spart nicht effizient – er spart an der Zukunft. Und wer so tut, als sei Qualität ein verzichtbarer Luxus, sollte sich fragen lassen, welches Bild von Kindern, Familien und Gesellschaft er eigentlich vertritt.
Satt und sauber um jeden Preis? Oder gesunde, begleitete, geförderte Kinder in tragfähigen Beziehungen? Diese Entscheidung ist keine pädagogische Detailfrage. Sie ist eine gesellschaftliche Haltung. Und genau darüber sollten wir endlich ehrlich sprechen.
Die in dieser Pressemitteilung zitierten Beispiele beruhen auf realen Erfahrungen von pädagogischen Fachkräften. Aus Rücksicht auf die Betroffenen wurden jedoch Namen und Ortsbezeichnungen geändert.
Quelle: Verband Kita-Fachkräfte BW

