zwei U3 Kinder

Verdacht auf besondere Begabung im Vorschulalter, Teil 1

Astrid Gipp

18.09.2014 Kommentare (0)

In ihrer Beitragsserie möchte Astrid Gipp Bedenken entkräften und anstiften, sich dem Thema der besonderen Begabung im Elementarbereich zu öffnen. In diesem Beitrag widmet sich die Autorin der Definition des Gegenstands. Im ersten Teil fragt sie nach den wissenschaftlichen Ergebnissen zum Thema.Wir übernehmen den Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von Betrifft Kinder.

Auf das Thema der besonderen Begabung stieß ich während meiner Heilerzieherausbildung. Praktische, diagnostisch untermauerte Erfahrungen hatte ich bis zu dem Zeitpunkt nicht und auch mein damaliges theoretisches Hintergrundwissen erscheint mir aus heutiger Sicht minimalistisch. Nach besagter Ausbildung hatte und habe ich in Einzelfällen das große Vergnügen, mit besonders neugierigen Kindern zu arbeiten, die mit ihrer schier unendlich scheinenden Fragerei eine Bereicherung und zugleich Herausforderung für die Gruppe und die pädagogischen Fachkräfte waren und sind. Viele Situationen, die zumeist im Kontext mit sprachlichen Schmuckstücken in meinem Gedächtnis blieben, erinnern mich an Astrid Lindgrens Ausspruch: „Manchmal redest du so klug, dass ich fürchte, es wird etwas Großes aus dir.“ Beispielsweise diese Situation: Ein Mädchen wurde von seinem Vater in die Kita gebracht, der sichtlich unter Schmerzen litt und mir von seinen Beschwerden berichtete. Später schlug ich der knapp Vierjährigen vor, heute besonders lieb und hilfsbereit zu ihrem Vater zu sein. Darauf antwortete das Mädchen Schulter zuckend: „Wieso denn? Papa wollte doch Kinder.“ Die Eltern wussten bereits um die besondere Begabung ihrer Tochter und versuchten, angemessen mit ihr umzugehen. Dabei halfen ihnen nicht zuletzt die Erfahrungen mit dem ebenfalls besonders begabten älteren Geschwisterkind.

Begabte fördern?

Das Verständnis für besonders begabte Kinder rückte in den vergangenen Jahren in Deutschland stärker ins gesellschaftliche Bewusstsein. Einige Bundesländer, zum Beispiel Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen, nahmen die Begabungsförderung in ihre Bildungspläne auf. Mecklenburg-Vorpommern schenkt dem Thema leider keine explizite Beachtung. Zum heutigen Zeitpunkt mangelt es folglich an erforderlichen Rahmenbedingungen, um diesem Schwerpunkt der Bildung in gebührender Weise Rechnung tragen zu können. Dennoch sehe ich Deutschland in Hinsicht auf besonderen Begabungen bei Kindern in Aufbruchsstimmung und hoffe auf kluge Köpfe in den Landesregierungen, die diesbezüglich neben der Bedeutsamkeit für die kindliche Entwicklung die enorme Wichtigkeit für die Gesellschaft erkennen und adäquat darauf reagieren.

„Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) schätzt die Zahl hochbegabter Kinder in Deutschland auf rund 300 000. Der Münchner Psychologie-Professor Kurt Heller, Autor zahlreicher Hochbegabten-Studien, schätzt die Zahl der hochbegabten Deutschen – Kinder und Erwachsene – auf rund 800 000. Mal nehmen Experten einen Intelligenzquotienten von 125 als Grenzwert, mal ist es ein IQ-Wert von 130 – entsprechend schwanken die Zahlen. Doch ungenaue Betroffenenzahlen sind nur ein Aspekt des Problems, das wurde auf einer Fachtagung der Initiative Bildung & Begabung im Dezember 2011 in Bonn deutlich. Dort berichtete Elke Völmicke, Geschäftsführerin von Bildung & Begabung, von einer aktuellen Allensbach-Umfrage, nach der 77 Prozent der Eltern die Förderung benachteiligter Kinder als ,besonders wichtig‘ eingestuft hatten – bei den begabten Kindern waren nur 55 Prozent für eine solche Extra-Förderung. Als besonders aufschlussreich erwiesen sich die Antworten von Lehrern: „58 Prozent von ihnen gaben an, dass die gezielte Förderung von begabten Kindern an einer guten Schule unbedingt gegeben sein müsse“, sagt Völmicke, „aber nur 17 Prozent der Lehrer kreuzten bei dieser Frage an: ‚Trifft auf meine Schule zu.‘“ (1)

In Deutschlands Kitas sieht es kaum anders aus. Als Heilerzieherin bin ich mir dessen bewusst und versuche, diese Problematik mit meinen Möglichkeiten ins Bewusstsein der Verantwortlichen zu holen und biete besonders begabten Kindern Plattformen zur Potentialentfaltung. Seit sehr vielen Jahren erlebe ich, dass es selbstverständlich ist, dass Kinder mit erhöhtem Förderbedarf innerhalb der Kitas zusätzliche Förderung, auch externe Angebote wie Ergotherapie, Logopädie, Frühförderung, genießen. Weniger selbstverständlich ist das für besonders begabte Kinder. Warum? Haben wir Angst, dass besonders begabte Kinder klüger sein könnten als wir? Ist es Furcht vor den vielen offenen Fragen zu und von hochbegabten Kindern im Elementarbereich? Oder ist es einfach Angst vor Mehrbelastung im eh schon stressigen Kita-Alltag? Und warum ist es möglich, dass beispielsweise Kitas Nordrhein-Westfalens den sogenannten Integrationsstatus und den damit verbundenen günstigeren Personalschlüssel aufgrund der Integration hochbegabter Kinder erhalten, aber in Mecklenburg-Vorpommern nicht? Besonders begabte Kinder haben wie alle Kinder Anspruch auf individuelle Förderung und demzufolge auf entsprechende Rahmenbedingungen. Das Thema der besonderen Begabung findet in der Fachwelt seit einigen Jahren mehr Beachtung, und im selben Atemzug werden von Autoren wie Dr. Barbara Feger die spärlichen Informationen über das Kindergarten- und Vorschulalter kritisiert. So nutze ich puzzlehaft verschiedene Autoren, wie Martin R. Textor, Aiga Stapf, Andrea Brackmann, Hanna Vock und andere, um unter Berücksichtigung meiner langjährigen Erfahrungen ein möglichst breitgefächertes Bild zu zeichnen. Dabei gehe ich mehr auf kognitive besondere Begabung ein, da es zu den anderen Facetten noch wenig evaluierte Fachbezüge in anvisierter Altersgruppe und keine eigenen Bezüge gibt.

Besondere Begabung, was ist das?

Verschiedene definierende Beschreibungen, zumeist mit der Bezeichnung „Hochbegabung“, sind in der Fachliteratur zu finden. Synonymisch werden unter anderem „besonders begabt“, „intelligent“, „talentiert“ oder „Lernleichtigkeit“ gebraucht. Internetquellen dokumentieren, dass man über 100 Definitionen finden kann. Eine einheitliche Begriffsbestimmung gibt es demzufolge nicht.

Im Sinne der differentiellen Psychologie, die sich der Individualität des Menschen als Forschungsgegenstand widmet, ist Hochbegabung eine Normalvariante des Persönlichkeitsmerkmals Intelligenz. In spezifischer Fachliteratur gelten Menschen als „hoch“begabt, die in einem Intelligenztest einen IQ ab cirka 130 erreichen – diesem entsprechen cirka 3 Prozent der Bevölkerung. Zu unterscheiden gilt es zwischen der allgemeinen, sogenannten Universalbegabung und der Begabung auf einem Gebiet, die auch als einseitige Begabung tituliert wird. Während die Universalbegabung in mehreren Bereichen ausgeprägt ist und laut einiger Autoren die eigentliche Hochbegabung ausmacht, bezieht sich die einseitige Begabung auf einen Begabungsbereich. Das gleichzeitige Auftreten von unter- oder durchschnittlichen Fähigkeiten in anderen Bereichen wird eingeräumt. Demzufolge kann ein Kind beispielsweise sprachlich und intellektuell besonders begabt und auf anderen Gebieten unterdurchschnittlich entwickelt sein. Bezogen auf die Sprachentwicklung, die Selbstständigkeit und die soziale Kompetenz kann ich das aus meiner Praxis bestätigen. Beispielsweise hatte ein mathematisch hochbegabtes Kind, das bereits mit fünf Jahren Aufgaben der vierten Klasse lösen konnte, Artikulationsstörungen. Ein anderes Kind zeigte sich sprachlich sehr talentiert und konnte sich mit sechs Jahren nicht allein den Po putzen. Ein drittes Kind offenbarte Lernleichtigkeit im sprachlichen wie im motorischen Bereich und fiel aufgrund unzureichender Sozialkompetenz auf, die sich durch aggressives Verhalten äußerte. „Ist unser Sohn ungezogen oder besonders begabt“, mögen sich die Eltern des letztgenannten Kindes gefragt haben, und ausschließlich IQ-Testergebnisse sind das, was die Bezugspersonen eines hochbegabten Kindes am ehesten glauben lässt, dass es sich wirklich um Hochbegabung handelt.

Begabungsentwicklung ist als Interaktion (person-)interner Anlagefaktoren und externer Sozialisationsfaktoren zu verstehen und somit nicht ausschließlich von der Ausprägung der Intelligenz abhängig. Auch Aiga Stapf unterstreicht diese Annahme und führt Sternbergs hierarchische Theorie der intellektuellen Hochbegabung und dessen damit zusammenhängende Untersuchungen an, bei denen sich herauskristallisierte, dass „Hochbegabung als besonders wirksame Ausprägung der allgemeinen Intelligenz im Sinne eines geistigen ,Arbeitens‘ … angesehen werden kann.“ (2) Daher erscheint es mir in diesem Zusammenhang unverzichtbar, den Begriff Intelligenz aufzugreifen und zu beleuchten. Dieser wird sehr häufig verwendet, ist jedoch bislang ebenso wie besondere Begabung nicht eindeutig definiert. Groffmann formulierte 1983: „Intelligenz ist die Fähigkeit eines Individuums, anschaulich oder abstrakt in sprachlichen, numerischen und raum-zeitlichen Beziehungen zu denken; sie ermöglicht die erfolgreiche Bewältigung vieler komplexer und mit Hilfe jeweils besonderer Fähigkeitsgruppen auch ganz spezifischer Situationen und Aufgaben.“ (3) DeHaan und Havigurst beschrieben 26 Jahre zuvor, dass Intelligenz oder intellektuelle Fähigkeit die Grundlage aller anderen Talente bildet: „Es kommt sehr selten vor, dass jemand mit einer hohen künstlerischen Begabung nicht auch über deutlich überdurchschnittliche intellektuelle Fähigkeiten verfügt.“ (4) Für Gottfredson ist „allgemeine Intelligenz das durchgängig beste Kriterium für die Unterscheidung ,zwischen Menschen‘, die als begabt, durchschnittlich oder zurückgeblieben angesehen werden“ (5) . Stapf summiert den Forschungsstand: „Intelligenz wird hierbei gleichgesetzt mit intellektueller Fähigkeit (Begabung) als Denk- und Problemlösefähigkeit…“ (6) Mathematisch betrachtet, stellt der gemessene Wert der Intelligenz einen Vergleichswert eines einzelnen Menschen zu einer Vergleichsmenge dar. In besonders hoher Ausprägung der Intelligenz bündelt sie intellektuelle Hochbegabung. Intelligenz deklariert Stapf als „Fähigkeit zum abstrakten Denken, zum Lösen von intellektuellen Problemen und zur ,Auffindung von Ordnung‘ und Regeln“ (7) . Seit mehreren Jahrzehnten befassen sich Wissenschaftler mit Intelligenz und Begabung. Bereits 1905 entwickelte Alfred Binet erste Intelligenztests für Kinder, die Jahre später durch den amerikanischen Begabungsforscher Lewis M. Terman für die Vereinigten Staaten standardisiert wurden. Termans Längsschnittstudie in Sachen Begabtenforschung, durch die er berühmt wurde, dauert von 1921 bis heute an und ist seither beispiellos. Andere Wissenschaftler gaben ihre Erkenntnisse in theoretischen Begabungsmodellen wieder, beispielsweise:

  • das Drei- Ringe- Modell von Renzulli,
  • das Triadische Interdependenzmodell von Mönks,
  • das differenzierte Begabungs- und Talentmodell von Gagné,
  • die multiplen Intelligenzen nach Howard Gardner.

Biologisch-genetische Faktoren oder Milieufaktoren als jeweils eigenständige Ursache stoßen in der Begabtenforschung nicht mehr auf Interesse.

Ins Zentrum aktueller Forschungsbemühungen rückten Sozialisations- und Lernprozesse, die förderlich für die Entwicklung von Begabungen sind. Begabung stellt nicht mehr nur die Voraussetzung für Lernen, sondern auch dessen Resultat dar.

Ebenso präsentiert sich das Münchner Begabungsmodell, in dem Prof. Dr. Christoph Perleth vom Institut für Pädagogische Psychologie der Universität Rostock und zwei weitere Autoren Hochbegabung als Disposition beschreiben, die günstiger Rahmenbedingungen bedarf.

Münchner Begabungsmodell

Das Münchner Begabungsmodell von Heller, Perleth und Hany (1994) (8)

Die Wissenschaftler gehen von angeborenen Begabungsfaktoren aus, die bei günstigen nicht- kognitiven Persönlichkeitsmerkmalen in Verbindung mit günstigen sozialen Faktoren in Leistungen umgesetzt werden können. Heller, Perleth und Hany verdeutlichen in ihrem Modell, dass die unterschiedlichen Begabungsfaktoren wie zum Beispiel intellektuelle, kreative oder künstlerische Fähigkeiten erst durch das Zusammenspiel von nicht-kognitiven Persönlichkeits- und Umweltmerkmalen zu entsprechenden Leistungen auf verschiedenen Gebieten führen. Begabungsforscher Franz Josef Mönks unterstreicht, dass „die Realisierung von Begabungspotential ganz wesentlich abhängig ist von einer erfolgreichen Interaktion zwischen den individuellen Begabungen und den verbindenden Faktoren innerhalb und außerhalb des Individuums“ (9).

Für den Elementarbereich, auf den ich mein Hauptaugenmerk richte, sehe ich den Begabungsbegriff primär auf einen spezifischen Intelligenzbereich (10) bezogen, der mit einem besonderen individuellen Potenzial in einem oder mehreren Bereichen einhergeht. Ausschlaggebend für die Entfaltung der Begabung(en) ist meines Erachtens die wechselseitige Kommunikation zwischen genetischen Voraussetzungen und Umwelteinflüssen, deren Zusammenspiel Bindungstheoretiker John Bowlby folgend nur bei feinfühliger Bindung gelingen kann.

Anmerkungen

(1) http://www.goethe.de/wis/fut/sul/de8714461.htm (Goethe-Institut, München)
(2) Stapf, A.: Hochbegabte Kinder – Persönlichkeit, Entwicklung, Förderung. München 2008, S. 24
(3) Ebenda, S. 22
(4) DeHaan/Havighurst. In: Uhrlau, K. (Hrsg.): Keine Angst vorm hochbegabten Kind. Oldenburg 2004, S. 26
(5) Gottfredson, L. S.: Spektrum der Wissenschaft. Spezial 3/1999 Intelligenz. Heidelberg 1999, S. 26
(6) Stapf 2008, S. 26
(7) Ebenda, S. 37
(8) Stumpf, E.: Förderung bei Hochbegabung. Stuttgart 2012
(9) Mönks. In: Uhrlau, K. (Hrsg.): Keine Angst vorm hochbegabten Kind. Oldenburg 2004, S. 44f.
(10)Vgl. Howard Gardners multiple Intelligenzen. In: Laewen, H.-J./Andres, B. (Hrsg.): Forscher, Künstler, Konstrukteure. Berlin 2002, S. 162ff.

Astrid Gipp ist Kindheitspädagogin B. A., Erzieherin, Heilerzieherin, Begabtenpädagogin und freie Dozentin. Sie lebt und arbeitet in Neubrandenburg.

Kontakt: klugekinder@gmx.de

Netztipps

www.dghk.de

Die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind (DGhK) ist ein bundesweit tätiger, gemeinnütziger Verein, in dem sich Eltern, Pädagogen, Psychologen und andere Interessierte ehrenamtlich für die Förderung hochbegabter Kinder einsetzen. Die DGhK entstand, weil hochbegabte Kinder in der Schule und im sozialen Umgang Schwierigkeiten bekommen, wenn ihre intellektuellen Bedürfnisse nicht wahrgenommen werden und sie ihre Fähigkeiten deshalb nicht entfalten können.

www.bildung-und-begabung.de

Das Zentrum für Begabungsförderung in Deutschland bietet individuelle Förderprogramme für junge Talente, umfassende Information und organisiert wissenschaftliche Fachtagungen. Es setzt sich dafür ein, dass jeder Mensch die Chance bekommt, das Beste aus seinen Begabungen zu machen – unabhängig von Herkunft oder Hintergrund. Mit dem „Begabungslotsen“ bietet „Bildung & Begabung“ ein umfassendes Online-Portal zur Talentförderung.

www.karg-stiftung.de

Die Karg-Stiftung engagiert sich seit mehr als zehn Jahren insbesondere für die ganzheitliche Förderung hochbegabter Kinder und Jugendlicher. In der bisher umfangreichsten Datenbank zum Thema „Hochbegabung“ stellt sie Beratungsstellen, Schülerakademien, Initiativen, Selbsthilfegruppen, Fortbildungs- und Forschungseinrichtungen sowie Schulen und Kindergärten mit besonderen Förderangeboten vor.

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