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Verkürzte Ausbildung für QuereinsteigerInnen: Das Brandenburger Modell

Hilde von Balluseck

01.09.2013 Kommentare (3)

Als einziges Bundesland hat Brandenburg eine verkürzte Ausbildung für QuereinsteigerInnen realisiert. 2009 wurde die Tätigkeitsbegleitende Qualifizierung zur Erzieherin/zum Erzieher für den Bereich Kindertagesbetreuung eingerichtet, zunächst, um männliche Erzieher zu gewinnen. Heute wird sie unter dem Begriff „Profis für die Praxis“ in sechs Landkreisen und einer kreisfreien Stadt angeboten (http://www.mbjs.brandenburg.de/cms/detail.php/bb1.c.248439.de). Strukturmerkmal die­ser Qualifizierungsmaßnahme ist der Wechsel von zwei Wochen Praxis und einer Woche Seminar. Es handelt sich also um eine  berufsbegleitende Ausbildung. Voraussetzung ist die Mittlere Reife und eine abgeschlossene Berufsausbildung.

„Nach erfolgreicher Absolvierung der zweijährigen Qualifizierungsmaßnahme werden den Absolventinnen und Absolventen gleichwertige Fähigkeiten mit staatlich anerkannten Erzieherinnen/Erziehern für den Bereich der Kindertagesbetreuung bescheinigt. Als Voraussetzung für eine Gleichwertigkeitsfeststellung muss der Bildungsträger, der diese Maßnahme anbieten will, die Genehmigung zur Durchführung durch das Ministerium für Bildung, Jugend und Sport einholen“ (a.a.O.).

Neben der berufsbegleitenden dreijährigen Ausbildung an Fachschulen gibt es somit eine weitere berufsbegleitende zweijährige Ausbildung, die von zugelassenen Bildungsträgern angeboten wird und die nur zur Tätigkeit in Kindertageseinrichtungen in Brandenburg berechtigt.Sie wird von der Bundesagentur finanziert.

Des Weiteren gibt es die Möglichkeit einer „individuellen Bildungsplanung“ (§ 10 Abs. 3 Kita-Personalverordnung), die nach individuellem Bedarf „komponiert“ wird und eine Dauer von Monaten bis zu einigen Jahren hat. Sie muss vom Träger der Einrichtung beim Landesjugendamt zur Genehmigung vorgelegt werden. Hier ist der Mittlere Schulabschluss keine unbedingte Voraussetzung.

Der brandenburgische Ansatz bei der Tätigkeitsbegleitenden Ausbildung beinhaltet die Aufgabe des Anspruchs der Breitbandausbildung, bei der ErzieherInnen für alle sozialpädagogischen Aufgaben vorbereitet werden. Demgegenüber berechtigt die zweijährige Ausbildung ausschließlich für eine Anstellung in Kindertageseinrichtungen.

Die Verkürzung birgt Chancen und Risiken. Die Chancen bestehen in der Nutzung von vorhandenen beruflichen Kompetenzen aus ganz anderen Bereichen als der Frühpädagogik und damit eine Erweiterung des Blicks (siehe dazu den Artikel von Detlef Diskowski).  Aber es ist fraglich, ob eine pädagogische Haltung und die erforderlichen frühpädagogischen Kompetenzen für die Bildungs- und Betreuungsarbeit in zwei Jahren erworben werden können, wenn eine ganz andere berufliche Basis vorhanden ist.  Von daher ist es wichtig, dass die Gehälter der neuen Fachkräfte einige Jahre klar unterhalb derer von staatlich anerkannten ErzieherInnen sein sollten. Dies schließt spätere Anerkennungen und entsprechende finanzielle Aufstiege nicht aus. Es wäre außerdem notwendig, die Kompetenzen und Haltungen von frühpädagogischen Fachkräften mit kürzerer und mit längerer Ausbildung  im Rahmen einer Vergleichsstudie zu untersuchen.

In diese Untersuchung sollten auch Fachkräfte einbezogen werden, die im Rahmen der "individuellen Bildungsplanung" qualifiziert wurden.

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Kommentare (3)

  • Detlef Diskowski:
    02.09.2013 um 14:08 Uhr

    Die angerissenen Chancen und Risiken könnten und müssten sicherlich ausführlicher erörtert werden, weil mit dieser Diskussion sehr grundlegende Fragen des Erwerbs erzieherischer Qualifikation verbunden sind. Ich habe nicht nur in dem oben (als Link) angesprochenen Artikel meine Sichtweise ausführlicher dargestellt, sondern auch in den beiden Dialog-DVD von AV0 (www.paedagogikfilme.de). Nur auf einen Aspekt möchte ich hier eingehen: Ausdrücklich stimme ich Hilde von Balluseck zu, dass es vergleichener Studien über die erreichten Ergebnisse von Ausbildungsgängen bedarf. Dies gilt dann aber auch für die eingeführten FS- und FH-Ausbildungen bei denen sich zeigen könnte, ob die behaupteten Wirkungen auch erreicht werden. Um etwas mehr über die Güte der oben angesprochenen zweijährigen Qualifizierung zu erfahren und um zu beurteilen, ob die Gleichwertigkeitsbescheinigung des Landes Brandenburg für deren Absolventen zu recht erteilt wird, haben wir entsprechende Untersuchungen beauftragt. Die Ergebnisse sind auch öffentlich diskutiert und dokumentiert: http://www.mbjs.brandenburg.de/media_fast/4003/CB_Bericht20000422_korr.pdf Ich freue mich darauf, wenn sich die alten und neuen Ausbildungsgänge ebenfalls einer kritischen Reflektion ihrer Wirkungen unterwerfen. :-)

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  • Tobias:
    26.11.2013 um 18:36 Uhr

    Ich beziehe mich auf die Forderung: „Von daher ist es wichtig, dass die Gehälter der neuen Fachkräfte einige Jahre klar unterhalb derer von staatlich anerkannten ErzieherInnen sein sollten.“ Obwohl ich nicht am „Brandenburger Modell“ teilnehme, möchte ich doch an Ihrem Vorschlag Kritik üben. So weit ich sehen kann, ist das „Brandenburger Modell“ überhaupt das einzige institutionalisierte Modell, das für QuereinsteigerInnen wirklich interessant ist, während alle anderen in den Bundesländern realisierten Initivativen und Kampagnen eher Wischi-Waschi geblieben sind! Meine Kritik an Ihrer Forderung allgemein: Wenn wir von „unterhalb“ UND dem Gehalt von Erzieherinnen sprechen, dann meint das wohl „unterhalb-unterhalb“, denn weniger als Erzieherinnen kann man kaum noch verdienen! Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass Kindergarten Arbeit mitunter hart ist. Wenn man dann noch weniger verdienen würde als die „regulär“ ausgebildeten Kolleginnen und, im Vergleich, noch weniger als der prekär beschäftigte Paketmann - dann fehlt absolut jeder Anreiz für den Wechsel, fehlt den AbsolventInnen im Job dann auch die Motviation - man nennt das Gratifikationskrise. Speziell: Sie sollten hier nicht alle Quereinsteiger, gleichsam als potenzielle Minderleister, über einen Kamm scheren. Es gibt auch solche, die zwar keine direkten elementarpädagogischen Qualifikationen haben, aber wichtige Inputs mitbringen. Ich bin z.B. kulturwissenschaftlich gesprägter Akademiker mit einem M.A. und möchte quereinsteigen: wenn ich die Bildungspläne lese, finde ich überall sozialkonstruktivistische, auf sprachliche Kompetenzen abzielende Features und Anforderungsprofile, skills wie Feinfühligkeit, Analysieren, Beobachten, Dokumentieren etc. Die bringe ich durchaus mit - in weit stärkerem Maße als jemand, der sich dies z.T. erst über Fortbildungen oder on the job aneignen muss, weil er/sie in den Fachschulen noch ganz altmodisch das „operante Konditionieren“ erlernt hat.

    Antworten

  • Chrissie:
    10.02.2014 um 17:47 Uhr

    Ein gutes Modell. Zumindest hört es sich gut an. Inzwischen bin ich skeptisch, was den Quereinstieg betrifft. Da ärgert man sich, dass man in Baden-Württemberg lebt. Wir können alles außer Bildung. Hier habe ich es erleben und erdulden müssen, wie mir nichts, aber auch gar nichts von meinem Pädagogik-Studium angerechnet worden ist auf dem Weg zum Erzieher. Die Lehrgänge für Quereinsteiger, deren Anbieter wie Pilze aus dem Boden geschossen sind - plötzlich wollte jeder einen Kurs anbieten für die Quereinsteiger, freilich aus rein menschlichen Beweggründen - sind teuer, überfüllt und die Soz.Päds., die ich erleben musste, haben teilweise Dinge vertreten, da haben wir schon im Studium, in der Vorlesung Einführung in die Pädagogik - drüber gelächelt. Und ein Großteil der DozentInnen haben in ihrer Laufbahn noch nie eine Kindertagesstätte von innen gesehen... aber uns etwas von frühkindlicher Entwicklung erzählen. Mensch, wie wohl hätte ich mich gefühlt, wenn mir jemand das in Aussicht gestellt hätte ... wir schauen uns an, was du mitbringst. Schließlich soll ich ja mit den Kindern auch so umgehen und sehen, was da ist, was sie mitbringen an Gaben und Interessen. „Nutzung von vorhandenen beruflichen Kompetenzen aus ganz anderen Bereichen als der Frühpädagogik und damit eine Erweiterung des Blicks.“ Eine Utopie im Bildungsentwicklungsland baden-Württemberg. Stattdessen wird in BW agiert wie auf dem Kasernenhof. Entweder du machst eine drei- oder vierjährige Ausbildung oder eine Schulfremdenprüfung und musst Dich noch in Deutsch und Englisch ... prüfen lassen. Sonst noch was? Bin nach wie vor fassungslos. Warum machen wir in Deutschland so Vieles so verbissen, so preußisch korrekt, so ver-plant? Mir scheint, man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Was für ErzieherInnen wollen wir? Fachidioten? Jung, dynamisch, Bachelor? Ein Jahr später Einrichtungsleitung? Und eine pädagogische Haltung hat auch etwas mit dem zu tun, was ich als Mensch mitbringe. Ich wage zu bezweifeln, dass sich eine pädagogische Haltung erlernen lässt: Es gibt Menschen, die studieren Pädagogik, laufen mit einem Diplom herum, haben aber so gar keinen pädagogischen Eros...

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