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Vier Monate "Auszeit" mit dem EU-Programm Lebenslanges Lernen - Als Pädagogin in Den Haag

Annette Hautumm

02.03.2011 Kommentare (2)

Weiße Hausgiebel und unzählige Fahrräder – abgestellt an Bahnhöfen – flitzen vor dem Zugfenster vorbei: Ich bin wieder in Holland. Die fröhliche Melodie der niederländischen Sprache löst die deutschen Dialoge Mitreisender ab.

Nach sieben Stunden Zugfahrt naht der Bahnhof „Den Haag Centraal, eindbestemming“. Für vier Monate ist die Stadt am Meer im Winter 2009/2010 meine Heimat.

Die Idee

Lange hatte ich darüber nachgedacht, ein paar Monate im Ausland zu verbringen, dort zu arbeiten und an frühere Auslandserfahrungen anzuknüpfen. Ging ich bei meinen Besuchen in Frankreich, England oder den Niederlanden durch die Straßen, malte ich mir oft aus, wie es wäre, dort zu leben…

Dank meines Berliner Arbeitgebers und eines besonderen Tarifvertrags – ich bin im öffentlichen Dienst tätig – konnte ich Zeit für eine „Auszeit“ ansparen. Dieses „Sparkonto“ wollte ich nun nutzen, um meine Idee umzusetzen.

Doch zuvor musste Verschiedenes geklärt werden: Für meine Abwesenheit in der Familie und auf der Arbeitsstelle galt es, Regelungen zu finden, und ein Arbeitgeber im Ausland musste bereit sein, mich aufzunehmen. Natürlich brauchte ich auch eine Wohnung. Wie könnte ich diese zusätzlichen Kosten finanzieren? Außerdem: Will ich im Ausland arbeiten, muss ich die Sprache können, die dort gesprochen wird.

Im Herbst 2009 war es schließlich so weit: Ich hatte mich für die Niederlande entschieden und mit „2Samen“ in Den Haag eine Organisation gefunden, die interessiert war, mich für vier Monate aufzunehmen. „2Samen“, ein Unternehmen, das in Den Haag zirka 70 Einrichtungen betreibt, in denen Kinder vom Babyalter bis zu zwölf Jahren betreut werden, gehört in dieser Stadt zu den drei größten Anbietern. Meinen Arbeitsplatz sollte ich in der Abteilung „Innovatie, pedagogie en kwaliteit“ (IPK) – vergleichbar der hiesigen trägerinternen Fachberatung – des Hoofdkantoor finden. In Berlin bin ich in der Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung tätig. Ich koordiniere den Fachbereich „Kindertagesbetreuung und -tagespflege“ des Sozialpädagogischen Fortbildungsinstituts Berlin-Brandenburg (SFBB). Beim IKP fühlte ich mich sofort aufgehoben.

Erwartungen

Werkdagen maandag, dinsdag, donderdag: Meine Arbeitszeit beschränkte ich auf drei Tage in der Woche, denn ich wollte auch Den Haag, Amsterdam und das Meer genießen.

Was erwartete ich von meiner „Auszeit“? Was motivierte mich, in der Freizeit anderswo arbeiten zu gehen? Motor war die Neugier auf andere Länder, andere Sprachen und der Wunsch, ein Land nicht nur touristisch zu bereisen. Für die Niederlande entschied ich mich, weil ich in den 1960er Jahren als Kind viele Sommer dort verbrachte und schöne Erinnerungen daran hatte. Nun wollte ich die niederländische Gesellschaft, Politik und Kultur als Erwachsene kennenlernen.

Außerdem bestanden seit einigen Jahren – anfangs eher zufällig – Arbeitskontakte zu Amsterdam, Den Haag und anderen Städten. Mit dortigen Fachkollegen baute ich ein Netzwerk auf, in dessen Rahmen wir den Fachkräfteaustausch zwischen Berlin und den Niederlanden organisierten, der mehrfach durch das EU-Programm „Lebenslanges Lernen“ finanziert wurde. Dabei lernte ich Wim van Ogtrop kennen, den Chef von „2Samen“.

Ich erwartete, dass die Möglichkeiten der Personalentwicklung, die Chancen auf Veränderung durch Fortbildung und Beratung – und damit die Einflussnahme auf den Alltag der Kinder in den Einrichtungen – bei einem Kita-Träger größer seien, als ich es in Berlin erlebe. Das SFBB ist als Landesinstitut für zwei Bundesländer zuständig und deshalb relativ weit weg von der Praxis. Oft fragten meine Kolleginnen und ich uns, ob und wie das, was wir im Kontext Fortbildung entwickeln, im pädagogischen Alltag mit Kindern wirkt.

Außerdem wollte ich „in fremde Küchen“ gucken und methodisches Handwerkszeug für Weiterbildung, Beratung und Training kennen lernen, das sich auch in Berlin einsetzen lässt. Mich interessierte: Welche Erfahrungen hat „2Samen“ bei der Implementierung neuer Programme, bei der Entwicklung pädagogischer Qualität und mit der Langfristigkeit von Bildungserfahrungen?

Mein niederländischer Gastgeber hingegen wollte wissen, wie wir das Berliner Bildungsprogramm in die Praxis umsetzen und wie Träger die Pädagogik in ihren Einrichtungen stärken können.

Der Start

Ist man touristisch unterwegs, erhält man nur begrenzten Einblick in ein anderes Land. Begibt man sich in die Arbeitswelt, erlebt man mit, was die Menschen im Alltag bewegt. Vier Monate erlauben schon einen guten Einblick, zumal auf der politischen und gesellschaftlichen Ebene einiges passierte: Der Mord an Theo van Gogh lag genau fünf Jahre zurück und geriet im November wieder in die öffentliche Diskussion, im März fanden Gemeinderatswahlen statt, Ende Februar stürzte die Koalition von Jan Peter Balkenende, Neuwahlen wurden erforderlich.

Und wie ging es mit der Sprache? In Berlin hatte ich Kurse belegt. Nun musste sich im Alltag bewähren, was ich mir angeeignet hatte. Die landläufige Annahme, alle Niederländer sprächen oder verstünden deutsch, traf nicht zu. Meine anfangs mühsamen Versuche, Fachgespräche zu führen, wurden jedoch positiv aufgenommen, und man half mir, wenn es mal schwierig wurde.

Finanziell konnte ich mich gut über Wasser halten: „2Samen“ unterstützte mich durch die Vermittlung einer Wohnung im schönen Stadtteil Scheveningen. Außerdem bekam ich ein Stipendium des EU-Programms „Lebenslanges Lernen“, das den Mehraufwand deckte. Übrigens sind die Lebenshaltungskosten in den Niederlanden den hiesigen vergleichbar.

Einblicke: Das niederländische Tagesbetreuungssystem

In den Niederlanden werden Mädchen und Jungen im Alter von wenigen Monaten bis zu zwölf Jahren im Rahmen des Tagesbetreuungssystems betreut. Die Schule beginnt für jedes Kind individuell: Am oder um den vierten Geburtstag herum wechselt es in die erste Gruppe der Basisschool (Grundschule). Vor oder nach dem Unterricht und in den Ferien können Mädchen und Jungen den Hort besuchen, buitenschoolse opvang (BSO) genannt. Wie bei uns ist die Kinderbetreuung kostenpflichtig. Abgerechnet wird nach vertraglich vereinbarten Stunden, die ein Kind in der Einrichtung verbringt. Je nach Einkommenssituation der Eltern zahlt der Staat zu, und der Arbeitgeber der Eltern beteiligt sich an den – für unsere Verhältnisse – hohen Stundensätzen von zirka 6,00 Euro, die staatlich festgelegt sind.

Der Ausbau der Tagesbetreuung – laut niederlandenet von zirka 23 000 Plätzen im Jahr 1989 auf zirka 160 000 Plätze im Jahr 2003 – ist vor allem arbeitsmarktpolitisch motiviert: Im vergangenen Jahr hatten die Niederlande nahezu Vollbeschäftigung, und die Politik wollte es Müttern ermöglichen, Familie und Erwerbsarbeit zu verbinden und frühzeitig an den Arbeitsplatz zurückzukehren – in aller Regel in Teilzeit und drei bis vier Monate nach der Geburt des Kindes. Allerdings werden die Kinder nur während der Arbeitszeit der Eltern im kinderopvang betreut.

Teilzeitarbeit ist weit verbreitet und akzeptiert. Wenn die Eltern geschickt organisieren, muss ein Baby nur zwei oder drei Tage betreut werden. Ist es älter, kommt es schon mal vier Tage lang in die Einrichtung. Gleiches gilt für den BSO. Bezahlte Elternzeiten über den Mutterschutz hinaus gibt es in den Niederlanden nicht.

Schnell wurde mir klar, dass Kontinuität, stabile Bindungen und Gruppen in einem solchen System – selbstverständlich arbeiten auch die meisten Erzieherinnen nicht an allen Tagen – nur schwer zu erreichen sind, obwohl deren Bedeutung unter niederländischen Fachleuten unumstritten ist.

Träger der Tagesbetreuung – ob regional tätig wie „2Samen“ oder im ganzen Land vertreten – agieren wirtschaftlich. Sie können wenige oder bis zu hundert Einrichtungen unterhalten. Unternehmensgewinnen sind möglich und gewollt.

Wie bei uns treffen die Kinder im kinderopvang und im BSO auf Erzieherinnen und wenige Erzieher, die – wie in Deutschland – auf Fachschulniveau ausgebildet sind. Es gibt verschiedene Qualifikationsstufen: von der assistierenden Fachkraft bis zur selbstständigen Gruppenerzieherin oder Leiterin. Wie bei uns handelt es sich um einen niedrig bezahlten Frauenberuf. Allerdings gibt es Aufstiegmöglichkeiten. Viele Kolleginnen orientieren sich jedoch nach einigen Jahren Praxis in andere berufliche Richtungen. Das sorgt für hohe Personalfluktuation: bis zu 20 Prozent pro Jahr. Besonders schwer ist es, Arbeitskräfte für den BSO zu finden. Arbeitszeiten am Nachmittag und in den Ferien sind nicht attraktiv und reichen kaum, um den Lebensunterhalt zu finanzieren.

Die Expansion des Bereichs führt – in Kombination mit Personalfluktuation und Elternzeiten der Pädagoginnen – zum latenten Mangel an Fachkräften. Deshalb investieren die Träger in die Bindung des Personals. Attraktive Fortbildungsangebote, Aufstiegsmöglichkeiten, steigende Gehälter und Teilhabe am Erfolg der Unternehmen sind Teil der Personalpolitik.

Für Kinder nicht arbeitender Eltern ist das beschriebene Betreuungssystem nicht gedacht. Diese Kinder besuchen eine Art Spielgruppen. Dort erwerben sie, falls nötig, vor Beginn der Schulpflicht die niederländische Sprache und erhalten allgemeine frühpädagogische Förderung. Ein Vormittagsangebot für einige Tage in der Woche ist der Peuterspeelzaal, dessen Träger in der Regel die Kommunen sind.

Seit Anfang 2009 gibt es ein nationales Curriculum (Pedagogisch kader) für den kinderopvang – vergleichbar unseren Länder-Bildungsprogrammen. An der Implementierung wird gearbeitet. Im Dezember nahm ich an einer Veranstaltung teil, in der ein e-learning-Programm des Pedagogisch kader vorgestellt wurde, das Erzieherinnen und Teams ermöglichen soll, sich Themen selbst zu erarbeiten.

Bemerkenswert sind auch nationale Förderprogramme, die Erzieherinnen ausgearbeitetes Material zur Gestaltung altersorientierter Themen anbieten, zum Beispiel „Gesundheit und Krankheit“, „Der Körper“ oder „Freundschaft“. In der den Kindern vertrauten Form werden viele Programme in den ersten beiden Klassen der Grundschule weitergeführt. Die Entscheidung für ein bestimmtes Programm und damit auch für die pädagogische Philosophie, die dahinter steckt, fällt in der Regel der Träger oder – im Fall des Peuterspeelzaal – die Kommune. Notwendige Fortbildung und Beratung wird finanziert. Alle Programme verfolgen das Ziel, die Bildungschancen der Kinder zu verbessern und Benachteiligungen früh auszugleichen.

In den niederländischen Einrichtungen fiel mir auf, dass großes Gewicht auf gute Betreuung und Versorgung gelegt wird. Das Bewusstsein, die Betreuungszeit auch für pädagogische Ziele zu nutzen, wächst erst. Träger wie „2Samen“ formulieren dies deshalb als Entwicklungsziel für die nächsten Jahre.

Und die Eltern? Sie zahlen viel und erwarten viel: dass ihre Kinder gut und flexibel betreut werden, dass sie auch in der Schule Spaß haben, dass sie sicher und unversehrt wieder heimkommen. Die Berücksichtigung von Elternwünschen, die Sicherheit in den Einrichtungen, fantasievolle Beschäftigungen nach der Schule – zum Beispiel Angebote von Künstlern – und die schnelle Bearbeitung von Beschwerden gehören selbstverständlich zum Alltag eines Trägers, denn: Jedes Kind bringt Betreuungsstunden und trägt damit zum Unternehmenserfolg bei.

Ein Fazit

Vom ersten Tag an interessierten sich die Kolleginnen und Kollegen bei „2Samen“ für meine Erfahrungen und boten mir ein Fortbildungsprogramm: Ich nahm an der Präsentation des nationalen Qualitätsmonitors und des online-Lernprogramms für den Pedagogisch kader teil, diskutierte mit, als es um die Etablierung des „Video-interactie-begeleiding“ ging, eine Art videobasierte Supervision. Jederzeit durfte ich in Einrichtungen hospitieren und begleitete Kolleginnen zu Fachberatungen. Man meldete mich zu Fortbildungen an und initiierte Gespräche mit Fachleuten – bei „2Samen“ und außerhalb. Ich erlebte mit, wie die Vorschulprogramme in die Praxis umgesetzt werden. Oft wurde ich nach meiner Meinung gefragt. Sogar zwei Fachzeitschriften interessierten sich für meine Erfahrungen.

Meinerseits gestaltete ich Fortbildungen zu Themen wie „Eingewöhnung“, „Interne und externe Evaluation“, „Raumgestaltung“ und zum Berliner Bildungsprogramm. Die Idee, einen Grundstein für eine deutsch-niederländische Kindergruppe zu legen, ließ sich in den vier Monaten leider nur in Grundzügen verwirklichen.

Es war anregend für mich, bei „2Samen“ auf junge wie ältere Kolleginnen und Kollegen zu treffen. Da die Geburtenrate in den Niederlanden deutlich höher liegt als bei uns, wurden ständig Schwangerschaftsvertretungen gesucht, Geburten wurden vermeldet, oder jemand kam aus der Elternzeit zurück.

Auch meine freie Zeit war ausgefüllt: Den Haag, Amsterdam, Utrecht und Leiden, Kino, Theater, Museen und das Meer vor der Haustür boten mehr Möglichkeiten, als ich nutzen konnte.

Die Unterschiede

Die Erfahrungen, die ich in den Niederlanden und mit niederländischen Fachleuten in Berlin machte, ermöglichen einen differenzierten – wenn auch nach wie vor begrenzten – Blick auf unser Betreuungssystem:

  • In Deutschland ist es mittlerweile ein breit akzeptiertes Ziel, die frühen Jahre als Bildungszeit zu gestalten, auch wenn die notwendigen Rahmenbedingungen noch nicht überall geschaffen sind. Unsere Fachkräfte erkennen ihren pädagogischen Auftrag, und es gibt viele gute Beispiele für die professionelle Umsetzung in einem Alltag, der die Kinder herausfordert. In den Niederlanden wächst dieser Gedanke erst und wird durchaus kontrovers diskutiert: Manche unserer Kitas werden als „te schools“ – zu verschult – wahrgenommen. Erstaunt konstatiert man nach Hospitationen in Kitas: „Het kind staat centraal“ – das Kind und seine Entwicklung stehen im Mittelpunkt –, während Eltern und Fachkräfte in den Niederlanden auf festen Alltagsritualen oder den Auflagen der Hygienekontrolle bestehen.
  • Die Beachtung der Hygiene- und Sicherheitsstandards nimmt in den Niederlanden viel Raum ein – zum Beispiel sind tägliche hauswirtschaftliche Tätigkeiten Bestandteile der Arbeitsverträge von Erzieherinnen –, bindet Personalressourcen, wird durch staatliche Aufsicht streng kontrolliert und zertifiziert. Da die Träger um wirtschaftlichen Erfolg konkurrieren, ist das Qualitätssiegel ein Muss. Entdeckerlust und Selbstständigkeit von Kindern werden leider oft begrenzt. Außengelände bieten kaum Anreize, sind aber kindersicher. Spielzeug und Mobiliar aus dem Katalog tragen TÜV-Siegel und werden interessanterem Alltagsmaterial deshalb vorgezogen. Gelegentlich sah ich videoüberwachte Räume, die permanente Aufsicht ermöglichen.
  • Starke Gewerkschaften und die Arbeitsmedizin sorgten dafür, dass Erzieherinnen auf hohen, Rücken schonenden Stühlen sitzen können – um den Preis, dass auch die Kinder Mobiliar in Erwachsenengröße nutzen müssen, sich also nicht selbstständig an den Tisch setzen oder aufstehen und nicht beim Tischdecken helfen können. Außerdem nehmen die unhandlichen Tische und Trip-Trap-Stühle viel Platz weg.
  • Der Personalschlüssel für Kinder bis zu vier Jahren ist besser als in Deutschland: Acht bis neun Babys werden von zwei Erzieherinnen betreut. Vorgeschrieben ist auch die Vertretung: Ist jemand krank, im Urlaub oder zur Fortbildung, steht in kürzester Zeit eine Vertretungskraft bereit. Dafür gibt es einen besonderen Pool.
  • Wenn die Kinder vier Jahre alt sind und die ersten Gruppen der Basisschool besuchen, ist eine Lehrerin für eine Klasse von 20 bis 24 Schülern zuständig. Das ist schon eine andere Kind-Pädagogen-Relation.
  • Viele Erzieherinnen und Erzieher wurden nach dem mittleren Schulabschluss an Fachschulen ausgebildet, die Berufsvorbereitung auf unterschiedlichen Niveaus anbieten. Mit Studiengängen an Fachhochschulen macht man gerade erste Erfahrungen. Wegen des ständig wachsenden Personalbedarfs gingen etliche Träger – darunter auch „2Samen“ – dazu über, Fachkräfte „on the job“ auszubilden: Die Auszubildenden, die meist aus anderen Berufen kommen, erhalten Arbeitsverträge und besuchen die Schule parallel zu ihrer Tätigkeit in der Praxis. Im Erfinden und Umsetzen solcher Lösungen sind die Niederlande deutlich flexibler als Deutschland.
  • Stabilität in den Gruppen, Bindung und die Kontinuität der pädagogischen Arbeit lassen sich schwer garantieren, da die Kinder nur tageweise kommen und die Arbeitszeiten der Erzieherinnen wechseln. So erzählte mir eine Erzieherin, sie arbeite zwar in einer Gruppe mit zwölf Kindern, habe es aber im Verlauf der Woche mit 27 verschiedenen Kindern und deren Eltern zu tun. Um den Wechsel in der Betreuung möglichst gering zu halten, müssen die Träger den Personaleinsatz ausgefeilt planen, und die Stabilität der Gruppenzusammensetzung nimmt im niederländischen Qualitätsmonitor breiten Raum ein.
  • Großen Wert legt man auf die Förderung der Interaktion zwischen Erzieherin und Kind. Deshalb ist die „Video-interactie-begeleiding“ weit verbreitet. Speziell geschulte Fachberater nehmen Fachkräfte während ihrer Tätigkeiten auf Video auf und besprechen die Filme anschließend mit ihnen. Fortbildungsreihen widmen sich den Besonderheiten der verschiedenen Altersgruppen. Bei „2Samen“ arbeitet man im Hortbereich mit Coaches, die mitunter etliche Wochen lang in den Einrichtungen eingesetzt werden, um zur Professionalisierung und Konfliktlösung beizutragen. Auf diese Weise wird gute Interaktion als Basis der pädagogischen Arbeit gefördert.
  • Oft erfuhr ich, was es heißt, pragmatisch und unkompliziert zu handeln: Ein anderer Träger hat eine gute Idee? Kein Problem, die übernehmen wir! Einige Male erkannte ich Einrichtungs- oder Projektideen wieder, und gutgelaunt wurde mir erzählt, dass man sie in Berlin gesehen habe und überzeugend fand. Nicht allein in Berlin, sondern in etlichen europäischen Städten sind niederländische Pädagogen unterwegs, um von guter Praxis zu lernen.
  • Wurde eine Idee oder eine neue Entwicklung als sinnvoll erkannt, fallen Entscheidungen schnell – inklusive der Bereitstellung notwendiger finanzieller Mittel. Lange Diskussionen über Grundsätze erlebte ich nicht.

Ich war froh, dass es mir schnell gelang, mich in einem neuen Unternehmen zurechtzufinden. Schon nach zwei Monaten bot man mir an, länger zu bleiben. Doch ich kehrte gern wieder in mein Berliner Team zurück, und die Distanz zur eigenen Arbeit, die inzwischen entstanden war, ermöglichte mir auch manch kritische Wahrnehmung. So vermisse ich die Lebendigkeit meiner niederländischen Kolleginnen und Kollegen, ihre Offenheit, Leichtigkeit und Gelassenheit im Alltag.

Schnell, vielleicht zu schnell, fand ich nach der relativ langen „Auszeit“ wieder in meine Arbeitsroutinen zurück – der Sog des Alltags ist stark. Dennoch denke ich oft an Den Haag und meine Erfahrungen dort, die mich lehrten, von kurzfristigen Fortbildungen nicht allzu viel Transfer an Lernerfahrungen zu erwarten. Auch jenseits des beruflich Verwertbaren hinterließen die vier Monate in den Niederlanden einen tiefen Eindruck. Ich kann nur empfehlen, sich solche Erfahrungen zu gönnen – gerade nach langer Berufstätigkeit.

Mein nächster Kurzbesuch ist schon geplant. Weitere Fachaustauschprogramme werden gerade besprochen. Und: Wer meine Ideen übernehmen möchte, kann mich gern anrufen…

Netztipps

Wir übernehmen diesen Artikel mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus Betrifft Kinder.

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Wir freuen uns über Kommentare.

Kommentare (2)

  • Kerstin Pack:
    05.04.2011 um 18:28 Uhr

    Liebe Frau Hautumm, vielen Dank für Ihren informativen Bericht über die frühpädagogische Arbeit in den Niederlanden. Seit einigen Jahren besuche ich die von Ihnen beschriebenen Regionen und habe mich immer wieder mal gefragt, wie der elementare Bildungsbereich vor Ort organisiert ist. Jetzt habe ich einen weitreichenden Einruck, der mein Interesse an Kooperation, Vernetzung oder Fachaustauschprogrammen geweckt hat.Über eine Rückmeldung dazu freut sich Kerstin Pack familienbildung@kerstin-pack.de

    Antworten

  • Alfred Cybulska:
    02.05.2018 um 15:30 Uhr

    Liebe Frau Hautumm, vielen Dank für Ihren informativen Auslandsbericht! Ich sah vieles wieder, was auch mir begegnet ist bei diversen Besuchen mit Kursen aus der berufsbegleitenden Erzieherausbildung in Berlin. Über meinen Freund Serv Vinders aus Amsterdam haben wir interessante Einblicke erhalten, und umgekehrt ist auch er immer wieder mit Kita-Fachleuten in Berlin gewesen. Da hat vor allem interessiert, wie Waldkindergärten funktionieren. Tatsächlich hat sich auch mir gezeigt: Trotz der von Ihnen beschriebenen Lässigkeit und Fröhlichkeit der meisten Holländer sind wir "ernsten" Deutschen entspannter im Naturraum. Vielleicht hat Professor Ulrich Gebhard Recht, wenn er sagt, dass das Verhältnis zur Natur immer auch stark von biografischen und kulturellen Faktoren geprägt ist. Und in Deutschland ist der Wald natürlich eine fest Größe. Beste Grüße, A.Cybulska

    Antworten


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