Erzieher mit Kind

Vorbildlernen bei Kindern

Dr. Erika Butzmann

26.10.2022 | Fachbeitrag Kommentare (0)

Inhalt
  1. Die Nachahmung als Vorläufer des Vorbildlernens
  2. Die aufgeschobene Nachahmung
  3. Die Bedeutung der Bindungspersonen für die weitere Ausbildung der Nachahmungstätigkeit
  4. Unbewusste Nachahmungen in der Gleichaltrigengruppe
  5. Das erste Bewusstwerden der Nachahmungstätigkeit
  6. Nachahmungen im freien Spiel und im Rollenspiel mit den Gleichaltrigen
  7. Das Bewusstwerden der eigenen Nachahmungstätigkeit
  8. Nachahmungsverhalten des Vorschulkindes in der Familie
  9. Geschlechtsbezogenes Vorbildverhalten
  10. Vorbildlernen des Schulkindes
  11. Die Notwendigkeit gemeinsamer Zeiten für das Vorbildlernen
  12. Das Vorbild der Eltern in digitalen Zeiten
  13. Literatur

Bereits in den ersten Monaten sind die Kinder trotz des Empfindens, mit der Bezugsperson und der Umwelt vollkommen verbunden zu sein, auf die Außenwelt fokussiert. Die Aufmerksamkeit des Kindes geht von der anfänglichen Reflexphase in eine gezielte Blicksuche zur Bezugsperson über und wird mit der Verbesserung der Sehfähigkeit auf die Umwelt gerichtet. 

Damit beginnt das Vorbildlernen, das jedoch über den genetisch gesteuerten Nachahmungsantrieb in den ersten Jahren vollkommen unbewusst verläuft. Die reflexhaften Nachahmung von wahrgenommener Mimik und Gestik in den ersten Wochen wird in den nächsten Monaten zur Nachahmung der eigenen und dann zur Nachahmung der Handlungen von Bezugspersonen. In den nächsten zwei Jahren eignet sich das Kind über diesen Nachahmungsantrieb das Verständnis des Handelns der vertrauten Personen und der eigenen Handlungen an. Das bedeutet, das Kind versteht diese Handlungen nur, indem es die Handlungen nachahmt. Es dauert fast bis zur Schulreife, bis aus der unbewussten Nachahmung bewusstes Vorbildlernen wird.

Die Nachahmung als Vorläufer des Vorbildlernens

Die einzelnen Schritte der Nachahmungstätigkeit zeigen die Entstehung und die Auswirkung auf das Vorbildlernen. Gleichzeitig wird daraus die Entwicklung des Verständnisses der anderen und von sich selbst deutlich. Die Kenntnis darüber kann Erziehenden helfen, diesen Prozess zu fördern, indem sie die Bedeutung der Nachahmung für das Kind verstehen und angemessen darauf reagieren.

Gleich nach der Geburt zeigt der Säugling refexhafte Nachahmungen (Piaget 1969, S. 24ff.), diese gehen sehr bald über in gelegentliche und dann in die systematische Nachahmung von Tönen und Bewegungen, die das Baby von sich selbst wahrnimmt ( S. 38). Wenn das Baby auf dem Rücken liegt, taucht plötzlich seine Faust wie zufällig in seinem Gesichtsfeld auf. Es staunt und im weiteren Verlauf der Auge-Hand-Koordination versucht es, diese Bewegung zu wiederholen. Es lauscht auf seine Töne und versucht nach einiger Zeit, die Töne zu wiederholen. Dann orientiert es sich an den Tönen, die die Eltern von sich geben und beginnt, diese nachzuahmen. Das ist der Beginn der Sprachentwicklung.

Mit der Verbesserung der Sehfähigkeit richtet es seine Aufmerksamkeit zunehmend nach außen und damit beginnt sowohl die Nachahmung der Handlungen von Personen als auch die Nachahmung von Bewegungen der Dinge. Wird z.B. eine Schachtel von der Bezugsperson auf und zu gemacht, öffnet und schließt das Kind seine Hand oder den Mund und schaut die Schachtel an (Piaget 1969, S. 88). Dies sind unwillkürliche Bewegungen ohne Absicht, denn die Spiegelneuronen sorgen für das unbewusste Erkennen und Nachahmen von Bewegungen (Rizzolatti 2008; Heyes/Catmur 2021). Insbesondere in der Phase der Sprachvorbereitung im ersten Lebensjahr ist die Wirkung der Spiegelneuronen zu beobachten. Benutzen Eltern die Ammensprache, die mit viel Gestik und Mimik verbunden ist, ahmen die vorsprachlichen Kinder dies unwillkürlich nach (Rehm 2021, S. 161). Die das Verhalten auslösenden Spiegelneuronen sind im Gehirn sowohl im motorischen Systems als auch im Sprachbereich aktiv (Bauer 2016, S. 25). Die Spiegelnervenzellen sind angeboren, müssen jedoch durch viele Nachahmungsmöglichkeiten und Erfahrungen der Zuwendung durch die Bindungspersonen immer wieder aktiviert werden, damit ein gut funktionsfähiges Spiegelneuronsystem entsteht; denn das ist eine Grundlage der Empathiefähigkeit (Bauer 2016).

Um den ersten Geburtstag herum ist an der Nachahmung eigener Handlungen der Kinder zu sehen, wie sie versuchen, ihre Wahrnehmungen zu verarbeiten. Bei einem 1;3 Jahre alten Mädchen z.B. verhakt sich eine Spielfigur mit langen Füßen im Ausschnitt ihres Kleides. Sie hat Mühe, die Figur loszuhaken, aber sobald sie frei ist, versucht sie, diese wieder in die gleiche Stellung zu bringen. Es ist ihr Bemühen, das zu verstehen, was sich ereignet hat (Piaget 1969, S. 87).  Ebenso versucht ein 12 Monate altes Kind, mit komplizierten Bewegungen einen Ball auf einer Sitzfläche zu erreichen. Als ihm dies nach langem Bemühen gelingt, legt es den Ball wieder an die gleiche Stelle, um wiederum auf dem gleichen schwierigen Weg den Ball zu erreichen (Rehm 2021, S. 80). Die durch das Handeln entstandenen  Erinnerungsbilder werden über die Nachahmungstätigkeit ausgedrückt; denn ein Nachdenken und Sprechen über das eigene Handeln ist noch nicht möglich. 

Die aufgeschobene Nachahmung

Die Verdichtung der Erinnerungsbilder führt im Laufe des zweiten Lebensjahres zur aufgeschobenen Nachahmung (Piaget 1969, S. 84 ff.). Das bedeutet, das Kind ahmt einen szenischen Ablauf aus der Vergangenheit nach; es hat dann zusammenhängende Erinnerungsbilder, die es durch Nachahmung ausdrückt. Denn weder ist sein Denken soweit entwickelt, um den Ablauf zu verstehen noch kann es das durch Sprache entsprechend wiedergeben. Nur durch das Handeln teilt es sich mit. Es ist jetzt jedoch nicht mehr auf ein aktuelles Modell angewiesen, sondern kann aus der Erinnerung etwas vorher Gesehenes darstellen. Das Kind hat damit Vorstellungen entwickelt, mit denen das vom Handeln losgelöste Denken möglich wird (Piaget 1984, S. 137). Zu gleichen Zeit ist es fähig zum Symbolspiel, das gedankliche Vorstellungen von einem Gegenstand erfordert, der nicht zu sehen ist. Das Kind nimmt einen Bauklotz und benutzt ihn als Spielauto. Die ersten Worte begleiten dieses Tun, bei denen es ebenfalss um aufgeschobene Nachahmungen der von den Bezugspersonen gehörten Sprache geht. Damit wird die Sprachentwicklung im Wechselspiel von Hören und Wiedergeben vorangetrieben. Bei Worten geht es ebenfalls um die Benutzung von Symbolen. Das Kind hat ein Wort oder eine Redewendung gehört und ahmt dies später nach und es lernt dabei, dass Worte für einen Gegenstand benutzt werden, der gerade nicht sichtbar ist.  

Die Bedeutung der Bindungspersonen für die weitere Ausbildung der Nachahmungstätigkeit

Das Nachahmen konzentriert sich nun verstärkt auf die Bindungspersonen. So legt das Kind seine Puppe ins Bett und fordert sie auf zu schlafen. Es versucht den Löffel so in den Mund zu schieben, wie dies die Eltern machen. Es schaut bei allem ganz genau, was die Eltern machen und nimmt dabei jede typische Bewegung wahr, zeigt ihre Mimik und Gestik, benutzt die gleichen Worte, macht sogar das Typische der Gangart nach. Gesteuert werden diese „Fähigkeiten“ weiterhin durch die Spiegelneuronen (Rizzolatti/Sinigaglia 2008). Das Kind fühlt sich in dem Moment genauso wie der nachgeahmte Erwachsene; das eigene Empfinden und das Wahrgenommene verschwimmen noch. Diese Aktionen fördern die Bindungsentwicklung ebenso wir alle anderen positiven Handlungen mit den Eltern und ist auch Voraussetzung dafür, dass sich das angeborene Spiegelsystem des Kindes weiter aussbildet.

Mit zunehmender Sprachentwicklung ahmt das Kind mit Vorliebe bestimmte Redewendungen der Erwachsenen nach. Für die Erwachsenen bedeutet das, zwar die Freude über putzige Redewendungen zu zeigen, aber lautes Lachen zu vermeiden. Das würde das Kind irritieren und den in der Nachahmung steckenden Lernprozess unterbrechen. In den ersten zwei bis drei Jahren bezieht sich dies vorwiegend auf die Bindungspersonen und die wichtigen weiteren Bezugspersonen und hat immer den unbewussten Zweck, das wahrgenommene Verhalten der anderen nachzuvollziehen. Es ist also noch keine bewusstes Vorbildlernen. Vorrangig lernen die Kinder zu diesem Zeitpunkt ihren durch die Bindungsbeziehungen geschaffenen Sicherheitsbereich kennen, bevor sie verstehen, was um sie herum passiert.

Unbewusste Nachahmungen in der Gleichaltrigengruppe

Wenn das Kind in seiner Spielentwicklung nach dem zweiten Lebensjahr beim Parallelspiel angekommen ist, imitiert es Gleichaltrige ohne es zu wissen, denn in dieser Zeit verwechselt das Kind die eigenen Handlungen noch oft mit denen des anderen (Piaget 1969, S. 98 und S. 115). Es weiß nicht, dass es nachahmt; es empfindet das als eigenständiges Handeln. Das gilt auch für die Beteiligung der Kinder an Hausarbeiten, wo sie die Handlungen der Eltern nachahmen. Aus gleichem Grund machen die Kinder in der Krippe all das, was sie bei den anderen Kindern sehen. Sie decken den Tisch und räumen das Geschirr ab, benutzen das Besteck wie die Größeren, waschen sich die Hände und putzen sich die Zähne. Dieser Lernprozess kann jedoch nicht auf die häusliche Situation übertragen werden, weil bei Eltern in erster Linie die Bindungsbeziehung eine Rolle spielt. Denn in den ersten Jahren gehen die Kinder davon aus, dass die Eltern für all ihre Bedürfnisse zuständig sind. 

Bei der Nachahmung in der Gleichaltrigengruppe spielt auch die Gefühlsansteckung (Bischoff-Köhler 1989) eine wichtige Rolle. Beginnt jemand spontan zu lachen, hält das Kleinkind kurz inne und fängt dann auch an zu lachen. Vom Weinen eines anderen Kindes wird es angesteckt, es spürt damit den Kummer des anderen und weiß sich nicht anders zu helfen, als dieses Kind zu trösten. Das ist eine unwillkürliche unbewusste Nachahmung über die Gefühlsansteckung bzw. die Spiegelneuronen, die das Kind nicht steuern kann.

Das erste Bewusstwerden der Nachahmungstätigkeit

Wenn sich das Bewusstsein für diese Handlungen im dritten Lebensjahr langsam entwickelt und durch die fortschreitende Intelligenz das Interesse an Neuem in den Vordergrund rückt, wird nicht mehr alles nachgeahmt. Denn jetzt wirkt die sogenannte Aktionshemmung bei den Spiegelneuronen (Rizolatti/Sinigaglia 2008, S. 153), die das Kind innehalten lässt und damit wird ihm die Nachahmung in ersten Ansätzen bewusst. Diese Erkenntnis führt dazu, dass die Kinder nach der langen Zeit der unbewussten Nachahmung des elterlichen Verhaltens plötzlich die Dinge allein machen wollen. Der in den Nachahmungshandlungen enthaltene Lernprozess ist hier zu erkennen. Die Kinder haben jetzt erste Vorstellungen davon, wie etwas gehen muss und wollen das um jeden Preis ausprobieren und allein machen. Wie sehr das neu erwachte Denken und der damit einhergehende eigene Willen hierbei eine Rolle spielt ist daran zu sehen, dass die Kinder sich sehr anstrengen. Diese immer nachgeahmten Handlungen gelingen bei der willentlichen Steuerung noch nicht gut; so passt der Fuß nicht in den Strumpf oder das Bein landet im falschen Hosenbein. Hier zeigt sich, wie schwer den Kindern dieser Übergang von der unbewussten Nachahmung zum bewussten Handeln fällt. Es bedarf nun einer längeren Zeit des Übens, das manchmal mit Wutanfällen begleitet wird, weil das Selbstwertgefühl jetzt eine wichtige Rolle spielt.

Nachahmungen im freien Spiel und im Rollenspiel mit den Gleichaltrigen

Im freien Spiel wird alles nachgeahmt. Die Dreijährigen hüpfen und rennen zusammen, es werden bestimmte Sprechformen, lautes Schreien und Singen oder gespieltes Ausflippen genau imitiert. Sie beobachten andere Kinder minutenlang beim Spielen und die anderen freuen sich über das Interesse; denn es ist auch von Bedeutung für Kinder, von anderen nachgeahmt zu werden. Kleinere Kinder imitieren mit Vorliebe die großen, je nach ihren besonderen Interessen. Den größeren Kindern macht es Spaß, den kleineren etwas zum Nachmachen zu zeigen. Manchmal werden Dinge nachgeahmt, die ein Kind besonders beschäftigen. So spuckt z.B. ein Vierjähriger in der Kita einfach in die Ecke, was dem anderen komisch vorkommt, denn er weiß von seinen Eltern, dass in Räumen nicht gespuckt werden darf. Das irritiert so sehr, dass das beobachtende Kind zu Hause anfängt zu spucken und munter die bekannte Regel übertritt. Es ist so sehr mit der eklatanten Regelübertretung des anderen befasst, dass es selbst die Regel vergisst. Die Nachahmung ist nur halb bewusst und die eindimensionale Denkweise der Drei- bis Vierjährigen führt zum Vergessen der bekannten Regel. Das Interesse an den Handlungen anderer führt also auch zur Nachahmung von Regelverletzungen, um das Wahrgenommene zu verstehen.

Bei den Drei- bis Vierjährigen zeigt sich die aufgeschobene Nachahmung im Rollenspiel. Zuerst gelingt es noch nicht, das Spiel aufeinander abzustimmen, so dass das Nebeneinanderspielen noch häufig die Oberhand gewinnt. Im darauf folgenden beliebten Vater-Mutter-Kind-Spiel werden all die Dinge, die Kinder bei ihren Eltern wahrnehmen, ins Spiel einbezogen. Dadurch versuchen sie unbewusst, das Handeln der Eltern und die Beziehungen innerhalb der Familie zu verstehen. Diese Nachahmungen erscheinen spontan im Spiel; es wird am Anfang nicht versucht, das Spiel damit zu gestalten, sondern die Erinnerungen an Situationen aus der Vergangenheit kommen spontan hoch und werden mit dem Spiel dargestellt. Da die mitspielenden Kinder auch Erfahrungen im Spiel auszudrücken versuchen, kommt es zu Veränderungen und damit zur Gestaltung eines Rollenspiels, an die sich die Kinder anpassen, um das Spiel aufrechtzuerhalten. So entsteht ein sozialer Lernprozess par exellence, ohne dass die Kinder dies merken. Die Lücken in den Erinnerungen werden mit Phantasiegeschichten gefüllt; denn das transduktive Denken macht dies möglich. Für ErzieherInnen bedeutet das jedoch, die im Rollenspiel gezeigte elterliche Kommunikation nicht als real anzusehen. 

Solche spontanen Spiele mit Nachahmungselementen passen auch in die Angewohnheit von kleinen Kindern, in Selbstgesprächen oder Fragen an Bezugspersonen nach außen zu kehren, was ihnen gerade im Kopf herumgeht. Sie können Gedanken noch nicht für sich behalten (Piaget 1983, S. 25).

Das Bewusstwerden der eigenen Nachahmungstätigkeit

In der Interaktion der Vorschulkinder gibt es immer wieder Situationen, die deutlich machen, wie der Prozess des Übergangs von der unbewussten Nachahmung zum Vorbildlernen abläuft;  zum Beispiel sagen Kinder zwischen 4 und 6 manchmal: du machst mir alles nach, lass‘ das doch! Das angesprochene Kind sagt: stimmt ja gar nicht! Dem Kind ist seine Nachahmung nicht bewusst gewesen, es denkt jedoch über die Aussage des anderen nach und damit wird ihm seine Nachahmungstätigkeit bewusst. Gesteuert wird das jetzt zunehmende Bewusstsein über die eigene Nachahmungstätigkeit von der weiteren Entwicklung des Selbsterkennens. Mit vier Jahren beginnt das Kind, sich mit den anderen zu vergleichen in seinem Können und Wissen; was auch zum Nachdenken über das eigene Handeln führt. Die Nachahmungen der Aktivitäten anderer Kinder hat nun den Zweck, selbst so gut zu werden, wie die anderen. Um die anderen bereits als Vorbild zu nehmen, fehlt allerdings noch der reflektierende Abstand zur eigenen Person, der erst mit der Schulreife möglich ist.

Nachahmungsverhalten des Vorschulkindes in der Familie

Nach der Phase des unbewussten Nachahmens zwischen zwei und drei Jahren, wonach die Kinder alles allein machen wollten, beginnen sie ab vier Jahre die Eltern genau zu beobachten ohne dass diese es merken; denn das läuft einfach nebenbei. Erst wenn typische Sprüche oder Handlungen vom Kind nachgeahmt werden, kommt das zur Überraschung der Eltern zum Vorschein. Jetzt steuert jedoch das Interesse an den Handlungen der anderen Familienmitglieder die Nachahmungstätigkeit. 

Dabei geht es weiterhin darum zu lernen und zu verstehen, wie etwas gemacht oder gesagt wird. Die alltäglichen Handlungen werden darüber von den Kindern unbewusst gelernt. Gezielte Nachahmungen kommen immer häufiger vor, wenn dem Kind bei einem älteren Geschwister oder den Erwachsenen etwas besonders auffällt, was es auch können will. Darüber kommt es zwischen fünf und sechs Jahren zum bewussten Vorbildlernen, wobei sich die Kinder an bestimmten Personen orientieren, die für sie eine besondere Bedeutung haben. In erster Linie sind es die Eltern. Da wird genau beobachtet, wie der Vater die Waschmaschine bestückt oder den Tisch deckt, wie die Mutter die Wäsche bügelt oder Kuchen backt, wie die Eltern mit Konflikten umgehen, wie sie über die Nachbarn reden, wie der Opa den Rasen mäht, wie der Nachbar ein Fahrrad repariert, wie die große Schwester ihre Schultasche packt oder wie der große Bruder mit seinem Freund umgeht. Es wird geschaut, wann die Eltern Danke und Bitte und in welchen Fällen sie Entschuldigung sagen. Solche Umgangsformen lernen Kindern am intensivsten über das Vorbild der Erwachsenen. Ein zu frühes Antrainieren solcher Höflichkeitsformen führt eher dazu, dass diese häufiger vergessen werden. Hier können Erziehende darauf vertrauen, dass die Kinder über das vorbildliche Verhalten der Erwachsenen lernen. Es reicht dabei aus, im konkreten Fall das Fehlverhalten der Kinder zu thematisieren. 

Geschlechtsbezogenes Vorbildverhalten

Sobald das Kindergartenkind sich über seine eigene Geschlechtsidentität sicher ist, orientiert es sich verstärkt an den gleichgeschlechtlichen Rollenvorbildern. Der Vater wird dann für die Jungen  wichtiger und die Mutter für die Mädchen. Auch im Kindergarten tritt das gleichgeschlechtliche Vorbild in der Vordergrund. Die meisten Jungen spielen vornehmlich miteinander und die meisten Mädchen ebenso und lernen besonders von den älteren Kinder, wie sich Jungen bzw. Mädchen verhalten. Zu Beginn werden Geschlechterstereotypen eher rigide betrachtet und verstärken dadurch das geschlechtsspezifische Vorbildlernen.

Vorbildlernen des Schulkindes

Mit Schuleintritt zeigt sich der Entwicklungssprung auf allen Ebenen. Neben der neuen Ebene der kognitiven, emotionalen und sozialen Reife wird das Vorbildlernen differenzierter. Das Lebensumfeld der Kinder wird größer und auch der Einfluss von anderen Personen auf die Kinder nimmt zu. Das Vorbildlernen ist jetzt weitgehend bewusst und bezieht sich nicht mehr nur auf das direkte Nachahmen einer Aktion. Das Vorbild wird nun in die Gedanken und Weltvorstellungen des Kindes eingefügt und kommt häufig nur über Erzählungen zum Vorschein, wenn das Kind jemand anderem besondere Beachtung schenkt. Die umfassendere Wahrnehmung des Grundschulkindes führt jetzt auch zur kritischeren Betrachtung des Familienlebens. Das Vorbildlernen bezieht sich nun auf alle Abläufe in der Familienorganisation, die vom Kind jedoch eher unterschwellig registriert werden. Die Kinder bemerken, wie die Wohnung sauber und in Ordnung gehalten wird, welchen Wert die Eltern der Ernährung beimessen, wie sie mit finanziellen Problemen umgehen, ob sie oft fröhlich sind oder eher sorgenvoll und wie sie für sich selbst sorgen. Ist das Kind guter Dinge, beteiligt es sich an der Familienarbeit und übt damit das, was es über das Vorbild der Eltern gelernt hat.

Dem Vorbildlernen in der Schule und in der Gleichaltrigengruppe kommt jetzt eine besondere Rolle zu. Damit wird das Vorbildlernen in der Familie ausdifferenziert und die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes vorangetrieben. Das bindungssichere Kind ist dann auch in der Lage, Vorbilder kritisch zu betrachten und orientiert sich dann eher an positiven Vorbildern.

Die Notwendigkeit gemeinsamer Zeiten für das Vorbildlernen

Es versteht sich von selbst, dass dieses Lernen auf gemeinsame Zeit mit den Vorbilder angewiesen ist. Für das Lernen der Familienorganisation ist es von Bedeutung, dass die normalen Abläufe immer wieder von den Kindern erlebt werden können, weil das die Basis dafür ist, wie Kinder später ihren eigenen Hausstand führen. Das Vorbildlernen ist dabei wirksamer als das frühe Antrainieren von Hausarbeiten. Je früher die Kinder diese Arbeiten unabhängig von ihrem Nachahmungsverhalten leisten müssen, je weniger nachhaltig ist dieses Lernen; besonders wenn es dabei häufig zu Konflikten zwischen Eltern und Kindern kommt. Wenn Eltern auf das Mithilfe-Angebot, das Kinder von klein auf zeigen, wie dies Natalie Rehm (2021) sehr eindrücklich darstellt, immer wieder eingehen, wirkt das Vorbildverhalten der Eltern am besten. So wird sowohl die Motivation zur Mithilfe als auch die kindliche Selbstständigkeit gefördert.

Das volle Ausschöpfen des Potentials, über Nachahmung und Vorbild zu lernen, ist natürlich bei ganztägiger berufsbedingter Abwesenheit beider Eltern eingeschränkt. Der stressreiche Feierabend und die zwingenden Erholungszeiten an den Wochenenden und im Urlaub reichen zu einem umfassenden und persönlichkeitsstärkenden Vorbildlernen nicht aus. Das Vorbildlernen der Kinder in Gleichaltrigengruppen beschränkt sich auf die Dinge, die Kinder und Jugendliche machen, wozu allerdings eine postitive Beziehung zu diesen Vorbildern nötig ist. Erwachsene Betreuungspersonen, die eher im Hintergrund tätig sind, haben nur dann eine Funktion als Vorbild, wenn eine Bindung zum Kind entstanden ist. Je weniger die Eltern als Vorbild zur Verfügung stehen, je eher neigen Kinder dazu, sich auch an negativen Vorbildern in der Umwelt zu orientieren. Ebenso wirksam ist natürlich auch ein negatives Vorbild durch die Eltern. Je nach Erfahrungen in der erweiterten Familie können Kinder mit zunehmendem Alter ein möglicherweise negatives Vorbild der Eltern kritisch betrachten und sich davon loslösen.

Das Vorbild der Eltern in digitalen Zeiten

Da digitale Medien faszinierend für Kinder sind, nehmen sie den Umgang der Erwachsenen damit ganz intensivwahr, so dass das Vorbildlernen hier besonders gut funktioniert. Die Gefahr eines zu frühen und unreflketierten Umgangs mit digitalen Medien verdoppelt sich für die Kinder dadurch. Die Eltern sind für die Kinder bei häufiger und langzeitiger Beschäftigung mit dem Smartphone inaktiv und abwesend, geben also ein negatives Vorbild ab. An den Reaktionen der Kinder ist das zu erkennen. Die Kleinen werden unruhig und versuchen mit Störaktionen die Aufmerksamkeit der Eltern zu erreichen. Die größeren Kinder ziehen sich zurück oder nerven damit, dass sie auch ein Smartphone oder Tablett wollen. Sind die Eltern auf die eine oder andere Weise nicht als Vorbild vorhanden, fehlt den Kindern ein wesentlicher Teil der Möglichkeiten, die Welt um sie herum zu verstehen. 

Literatur

  • Bauer, J. (2006). Warum ich fühle, was du fühlst. München: Heyne-Verlag
  • Bischof-Köhler, D. (1989). Spiegelbild und Empathie. Die Anfänge der sozialen Kognition. Bern: Huber.
  • Heyes, C., Catmur, C. (2021). What happened to mirror neurons? Perspectives On Psychological Science 17. (G&G 04,22,S. 43)
  • Piaget, J. (1969). Nachahmung, Spiel und Traum. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Piaget, J. (1984). Psychologie der Intelligenz. Stuttgart: Klett-Cotta.
  • Piaget, J. (1983). Sprechen und Denken beim Kind. Frankfurt: Ullstein-Verlag.
  • Rizzolatti, G., Sinigaglia, C. (2008). Empathie und Spiegelneurone. Frankfurt: Suhrkamp
  • Rehm, N. (2021). Laufen, Sprechen, Denken. Wie sich Babys aus eigener Kraft entwickeln. Kösel-Verlag München.

Autor*innen Informationen

Erika Butzmann, Dr. phil. paed. M.A., ist seit 30 Jahren als Dozentin und Seminarleiterin in der Eltern- und Familienbildung und der Weiterbildung von Erzieherinnen tätig. Sie lehrte an einer Universität und führt Elternberatungen in einer großen Kinderarztpraxis durch.

Hinweis: Dieser Artikel ist in zunächst Form auf www.fuerkinder.org veröffentlicht worden.

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