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Wanderer zwischen den Welten Mit Kindern über das Sterben, den Tod und die Trauer reden

Alexandra Eyrich

19.07.2016 Kommentare (0)

Ungeklärte Fragen, diffuse Ängste oder Verdrängungsstrategien begleiten die Gedanken der meisten Erwachsenen an den Tod. Wie also mit Kindern darüber reden? Neben Gesprächs- und Kreativangeboten gibt es darüber hinaus noch mehr Möglichkeiten, an dieses Thema behutsam heranzugehen, die sogar über Kultur und Religion hinausreichen können.

Viele ErzieherInnen, Mütter und Väter hätten gerne ein Rezept für dieses heikle Thema. Und gleichzeitig heißt es, dass es das einfach nicht gibt. Es gibt vielleicht kein Rezept, aber es gibt eine sehr vernünftige Idee dazu! Nämlich: Sprechen Sie mit den Kindern dann darüber, wenn Sie es NICHT müssen!!! Nicht erst, wenn ein nahestehender und lieb gewonnener Mensch gestorben ist, nicht, wenn man selbst mit seinen Emotionen beschäftigt und durcheinander ist und versucht einen Weg damit zu finden. Kinder wollen den Tod verstehen und ihren eigenen Weg finden zu trauern. Dazu braucht es Zeit, kindgerechte Worte und Angebote, denn natürlich gibt es Aspekte des Todes, für die ein Kind im Kindergartenalter einfach zu klein ist, um sie zu verstehen. Dennoch ganz grundlegend: Weichen Sie Fragen nicht aus und geben Sie kurze und einfache Antworten, auch hinsichtlich der Umstände und Gründe. Vermeiden Sie irreführende Umschreibungen (Eingeschlafen sein ist etwas anderes als tot sein!) und vielleicht ist Ihnen auch Spiritualität und der Glaube eine willkommene Hilfestellung. Vermutlich wird das Thema eine Weile „interessant“ für die Kinder bleiben, so dass es sehr wahrscheinlich ist, dass Sie damit noch mehrfach konfrontiert und gefordert werden. Aber keine Angst: Es geht nicht darum, die eigenen Gefühle, Bedenken und Fragen hintanzustellen oder gar zu ignorieren – bleiben Sie bei sich und lassen Sie die Kinder ruhig auch an Ihrer eigenen Unsicherheit teilhaben.

Märchen können in der pädagogischen Praxis oftmals helfen …

... Wege bzw. Methoden zu finden, mit den Kindern ins Gespräch über dieses Thema zu kommen. Denn das Wissen um die Bedeutung verschiedener Märchensymbole (Archetypen) und deren inhaltliche Vielfalt und Zugehörigkeit können ergänzend eine Art „kreatives Navigationssystem“ in der Kindertagesstätte bilden. Denn Märchen zeigen uns immer wieder, wie man...

  • das Fremde „zähmt“,
  • das Seltene/Seltsame hütet,
  • das Merkwürdige ausprobiert und
  • das Ausweglose wagt.

Für die Auseinandersetzung mit den Themen Tod und Sterben sind diese Märchenaspekte besonders geeignet, weil sie uns keine Ausflüchte erlauben, weil sie uns nicht helfen (wollen), Abstand zu den ungeliebten Themen zu gewinnen, sondern uns sanft zwingen, ihnen ins Auge zu sehen. Hier muss die pädagogische Begleitung ansetzen: Es geht nicht darum, Abstand zu gewinnen, sondern Stand!

Märchenhelden tun genau das: Sie stellen sich der Gefahr, dem Problem, der Intrige.... und sind dadurch in der Lage, schwierige und gefährliche Herausforderungen (Tod der Mutter, Rivalität, Angst, der Kampf mit dem Drachen...) zu meistern ohne lebensgefährliche Wunden davonzutragen. Das bezeichnen wir heute in der pädagogischen Fachsprache als Resilienz. Kreative Angebote können die Symbolik noch unterstützen, da Kinder über die konkrete Bildhaftigkeit oftmals einen noch leichteren Zugang bekommen.

Zwei Beispiele

Aschenputtel

Die Geschichte beginnt traurig: Die Mutter von Aschenputtel stirbt. Der einzige Zufluchtsort ist das Grab ihrer Mutter. Der Ort, an dem sie trauern kann. So tragisch diese Situation auf der einen Seite ist, so steckt in ihr auch eine Chance. Nur in einer dunklen Zeit kann etwas grundsätzlich Neues beginnen. Und so bekommt sie genau dort die Hilfe, wo sie ihren Tränen nahe ist. Der „gute Geist“ der Mutter, der über ihr wacht, verhilft ihr zu den wesentlich nächsten Schritten hin zu einer besseren Zukunft. Machen Sie den Kindern bewusst, dass wir im Verlauf der Geschichte zwar Mitgefühl für Aschenputtel empfinden, jedoch die ganze Zeit zuversichtlich sind, dass sie stark genug ist, um es zu schaffen.

Gevatter Tod

Dieses Märchen verdeutlicht, dass der Tod der „Gevatter“ eines jeden Menschen ist, weil er uns wie ein naher Verwandter, ein Pate durchs Leben begleitet. Und er ist ein gerechter Gevatter, weil er nicht nur einige von uns zum Sterben auswählt. Jeder wird sterben müssen – die einen früher, die anderen später. Wann das genau sein soll, entscheidet der Tod nicht allein, sondern gemeinsam mit der Zeit. Dennoch wünscht sich niemand, einen geliebten Menschen an den Tod zu verlieren, das ist ein nachvollziehbares Bedürfnis, und das zeigt dieses Märchen.

Hier wird der verzweifelte Versuch unternommen, den Tod zu überlisten – und das kann nicht gelingen, weil es nicht in unserer Macht liegt, diese „Spielregel“ zu bestimmen. Wir können nur lernen, mit dem Verlust umzugehen und damit zu leben.

In viele Märchen und Geschichten sind Todessymbole eingeflochten: der Sprung in den Brunnen, das Dunkel im Bauch des Wolfes, die Dornenhecke, herabfallende Sterne – lauter Bilder für Krankheit, Sterben, Tod und Trauer.

Im Alltag der Kita

Schauen Sie sich im Kita-Alltag um. Auch da werden Sie überraschend häufig Anlässe finden, um mit den Kindern über Leben und Tod, Werden und Vergehen zu sprechen: Die Raupe wird zum Schmetterling, der Löwenzahn zur Pusteblume, der Fluss mündet ins Meer, ebenso wie eine Jahreszeit in die nächste übergeht.

Und doch muss man zwischen zwei Situationen in der Praxis unterscheiden:

  1. Sie kommen mit diesem Thema in Berührung ohne aktuellen Grund – dann kann Ihnen konkret schon Vieles helfen, was Sie bisher in diesem Artikel gelesen haben.
  2. Sie haben es direkt mit einem Todesfall eines Elternteils oder gar Kindes zu tun. In diesem Fall erlebe ich immer wieder, dass ErzieherInnen zugeben, dass sie sich am liebsten so lange in ihrem Gruppenraum verstecken, bis die Betroffenen der konkreten Familie den Eingangsbereich wieder verlassen haben – aus Angst. Angst vor Tränen der Betroffenen, Angst vor den eigenen Emotionen, Angst vor der dadurch aufkommenden Aufmerksamkeit anderer Kinder, kurz: Angst vor jeder Art der direkten Konfrontation!

Das ist einerseits verständlich, andererseits hilft es… KEINEM!

Unsicherheiten werden geschürt, Worte werden nicht gefunden, Blicke tauschen sich nur noch oberflächlich aus. Warum also nicht damit anfangen genau das zu benennen? „Ich weiß gar nicht was ich sagen soll!“, „Wie geht’s Ihnen/ dir heute?“, „Das tut mir wirklich leid – kann ich etwas für Sie/ dich tun?“ Das ist alles kein Schritt der Siebenmeilenstiefel in Richtung Trauerbewältigung, aber ein erster kleiner, welcher bereits Brücken bauen kann.

Und so sind es doch immer wieder verschiedene „Brücken“, welche uns nicht immer vom Diesseits ins Jenseits führen, aber: Weiter!

Alexandra Eyrich 

leitet sowohl die Trauerinitiative „ZwischenGeZeiten“ für Kinder, Jugendliche und Familien, als auch die „Akademie Vielfalt de luxe“ für Märchen, Pädagogik und Kultur in Bamberg. Seit 2006 ist sie in der Sterbe- und Trauerbegleitung tätig und ist auch als Trauerrednerin, Familientrauerbegleiterin und Fortbildungsreferentin im gesamt deutschsprachigen Raum sehr gefragt. Als Ansprechpartnerin fungiert sie für den Bereich Sterben-Tod-Trauer-Trost für die Hamburger Initiative „Erzähler ohne Grenzen“ und ist Gründungsmitglied des Verbandes der Erzählerinnen und Erzähler e.V. (D-A-CH)

www.zwischen-gezeiten.de
www.vielfalt-deluxe.de
www.erzaehler-ohne-grenzen.de
www.erzaehlerverband.org
 

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