zwei U3 Kinder

Was Armut ausmacht

Sabine Walper, Birgit Riedel

19.04.2011 Kommentare (0)

Mangelndes Einkommen der Eltern beeinträchtigt nicht zwangsläufig die Entwicklung und soziale Teilhabe von Kindern. Wie Kinder in prekären Lebenslagen ihren Alltag erleben.

Das Risiko, in ökonomisch prekäre Lebenslagen abzugleiten, nimmt aufgrund von Veränderungen der Erwerbs- und Einkommensstrukturen zu. Diese beeinflussen auch den Alltag von Kindern, ihre Erfahrungen und Handlungsoptionen in verschiedenster Weise. Erst in jüngerer Zeit hat sich in Deutschland eine kindzentrierte Sozialberichterstattung etabliert, die die ungleichen Bedingungen des Aufwachsens und ihre Folgen für die Sozialisations- und Bildungsprozesse von Kindern untersucht. Sie geht davon aus, dass Kinder nicht (nur) passive Opfer ihrer Lebensverhältnisse sind, sondern (auch) kompetente soziale Akteure, die im Rahmen der vorhandenen Spielräume und Ressourcen ihr Leben mitgestalten und schwierige Lebenslagen auf ihre Weise zu bewältigen suchen (Betz u. a. 2007). Auch der AID:A-Survey steht in dieser Tradition und nähert sich der Lebenswelt von Kindern aus einer kindzentrierten Perspektive, die der Alltagspraxis von Kindern in ihren nächsten Lebenskontexten besondere Aufmerksamkeit schenkt. Dies ist auch der Fokus, wenn es um das Aufwachsen in sozialen Disparitäten beziehungsweise im Kontext von Risikofaktoren geht.

Wann muss von einer prekären Kindheit gesprochen werden? Wie deuten Kinder ihre Lage, und wie gehen sie mit den vorhandenen Restriktionen um? An welchen Schlüsselstellen verfestigen sich Benachteiligungen, und wann kommt es zu problematischen Entwicklungsverläufen? Was schließlich hilft Kindern, sich trotz schwieriger Umstände Ressourcen und Erfahrungen zu erschließen, die eine positive Entwicklung fördern? Fragen wie diese stellen nicht nur eine Herausforderung für die Forschung dar, sondern beschäftigen in zunehmendem Maße auch die Sozial- und Bildungspolitik. Die vorliegenden Analysen anhand des AID:A-Surveys zeigen vor allem, wie wichtig es für Kinder ist, dass ihr Leben reich an Aktivitäten und Möglichkeiten bleibt (Alt 2010).

Häufung von Risiken

Prekäre Lebenslagen sind dadurch gekennzeichnet, dass in zentralen Lebensbereichen eine materielle oder immaterielle Unterversorgung besteht und sich dadurch die Spielräume zur Gestaltung des eigenen Lebens in mehr als einer Hinsicht verengen (Bayer 2010). Einkommensarmut, Erwerbslosigkeit und ein niedriges Bildungsniveau der Eltern, ein familiärer Migrationshintergrund sowie das Aufwachsen in einem Alleinerziehenden-Haushalt stellen »klassische« strukturelle Risikofaktoren dar, die vor allem in ihrer Kumulation für Kinder prekäre Lebenslagen konstituieren.

Auch empirisch lässt sich zeigen, dass es zwischen den genannten Faktoren enge Zusammenhänge gibt. Wer einen niedrigen Bildungsabschluss hat, trägt zugleich ein höheres Risiko, arbeitslos zu sein und rutscht leichter in prekäre Einkommenslagen ab. Dass Kinder mit Migrationshintergrund besonders häufig von Einkommensarmut sowie Erwerbslosigkeit der Eltern betroffen sind, lässt sich zumindest zum Teil auf die ungünstigeren Bildungsvoraussetzungen der Eltern zurückführen (Munz/Cloos 2009).

Neben dieser typischen Kumulation von Risiken auf der Ebene von Familien erhalten sozialräumliche Belastungsfaktoren und die räumliche Konzentration von Benachteiligungen derzeit eine hohe Aufmerksamkeit. In Ost- und Westdeutschland finden sich Beispiele dafür, dass ganze Stadtviertel oder Regionen von der allgemeinen Wohlstandsentwicklung »abgehängt« werden und die Kinder dort teilweise unter extrem eingeschränkten Möglichkeiten aufwachsen (Häußermann 2004).

Je nachdem, welche Kriterien man anlegt, wird man den Kreis der von prekären Lebenslagen betroffenen Kinder und Jugendlichen unterschiedlich weit fassen. In einer eher weiten Auslegung geht der Nationale Bildungsbericht davon aus, dass jede beziehungsweise jeder Dritte unter 18-Jährige mit einem Mangel an Geld, Bildung oder Arbeit auf Seiten der Eltern konfrontiert ist (Autorengruppe Bildungsberichterstattung 2010).

Weniger Erfahrungen, weniger Selbstvertrauen

Insbesondere die Auswirkungen von ökonomischen Armutslagen auf die Alltagswelt von Kindern wurden in einigen Studien differenziert untersucht. Dabei ziehen sich die prekären Bedingungen des Aufwachsens als roter Faden durch nahezu alle Lebensbereiche wie materielle Versorgung, Bildungsgelegenheiten, Kompetenzentwicklung, Gesundheit, subjektives Wohlbefinden, Freizeit, Familie und Peers (Chassé u. a. 2010; Holz u. a. 2006; Hurrelmann/Andresen 2010; Walper 2008).

So verfügen Kinder in ressourcenarmen Familien über weniger altersgemäße Handlungsspielräume und Erfahrungsmöglichkeiten als andere Kinder. Dies zeigt sich bei Kindern im Schulalter zum Beispiel in einer geringeren Teilnahme an Vereinsaktivitäten und kinderkulturellen Angeboten sowie in einem eingeschränkten Zugang zum Internet (Alt 2008). Zudem machen diese Kinder in der Familie und im Freundeskreis seltener die Erfahrung, dass auf ihre Meinung Wert gelegt wird. Es fällt ihnen schwerer, ein positives Selbstwertgefühl zu entwickeln. Auch in der Schule trauen sie sich weniger zu und streben seltener den Besuch eines Gymnasiums an als Kinder aus nicht-armen Familien (Hurrelmann/Andresen 2010).

Bereits im Vorschulalter weisen arme Kinder häufiger Beeinträchtigungen hinsichtlich ihres Spiel- und Arbeitsverhaltens, ihrer Sprachkompetenz, ihrer Gesundheit sowie ihrer körperlichen und motorischen Entwicklung auf, so dass sie von vornherein mit schlechteren Voraussetzungen ihren formellen Bildungsweg beginnen (Holz u. a. 2006). Vorhandene Belastungen werden häufig durch negative Reaktionen der Umwelt noch weiter verstärkt. Kinder, die zum Beispiel in ihrem Sozialverhalten beeinträchtigt sind, sammeln häufiger schlechte Erfahrungen mit Gleichaltrigen und erleben häufiger, dass sie ausgegrenzt werden. Die AWO-ISS-Studie zu Lebenslagen und Lebenschancen bei Kindern und Jugendlichen zeigt aber auch, dass Armut bei Kindern nicht zwangsläufig diese Folgen nach sich zieht. Etwa ein Viertel der Kinder aus einkommensarmen Familien weist im Vorschulalter keine Einschränkungen im Bereich der körperlichen Gesundheit, der sprachlichen Entwicklung und der sozialen Teilhabe auf – bei den nicht-armen Kindern ist der Anteil immerhin doppelt so hoch (Holz u. a. 2006).

Was das Wohlbefinden der Kinder bestimmt

Auch andere Studien zeigen, dass es keinen mechanischen Zusammenhang zwischen der jeweiligen sozial-strukturellen Lebenslage, den Einschränkungen in der Alltagspraxis und der Entwicklung von Kindern gibt. Kinder führen auch ein Leben »jenseits des Elternhauses« (Bayer 2010).

Studien wie das Kinderpanel des Deutschen Jugendinstituts (Alt 2008), aber auch qualitative Studien (Chassé u. a. 2010) weisen hierbei auf die eigenständige Bedeutung dieser Aktivitäten und kindlichen Alltagspraktiken für die Bewältigung von Risiken hin. Für die Frage, wie sehr Armutsfolgen die Biografieverläufe von Kindern beeinflussen, kommt es daher auch darauf an, welche Handlungsspielräume Kindern zur Verfügung stehen und welche Gelegenheiten sie nutzen können, um ihre Situation zu verbessern.

Anknüpfend an diese Ergebnisse richtet AID:A den Blick auf die Lebenskontexte von Kindern, in denen sie ihren Alltag vollziehen und die für ihr Wohlbefinden wichtig sind. Dazu wurden Kinder zwischen neun und zwölf Jahren nach ihren Freizeitaktivitäten, nach ihrem Verhältnis zur Schule, dem Familienklima, Verhaltensmustern und Beziehungen zu Freunden befragt.

Dabei zeigt sich, dass aus der Perspektive der Kinder für ihr Wohlbefinden strukturelle Faktoren eine geringere Rolle spielen als die gelebten sozialen Praktiken (Alt 2010). So sind Freizeitaktivitäten, viele Gelegenheiten zum Umgang mit Freunden oder die Art und Weise, wie schulische Anforderungen bewältigt werden, primär ausschlaggebend für das Wohlbefinden von Kindern.

Für sich allein genommen zeigt selbst ein geringes verfügbares Haushaltseinkommen keine negativen Effekte. Hier erweist sich der Bildungshintergrund der Eltern in der Regel als die relevantere Größe: Je höher die Bildung der Eltern ist, desto positiver fällt das Familienklima aus und desto geringer ist das Risiko von Verhaltensproblemen der Kinder. Nachteile im Hinblick auf das Familienklima zeigen sich für Kinder in einem Alleinerziehenden-Haushalt. Als wenig bedeutsam erweist sich der familiäre Migrationshintergrund. Hier gibt es nur einen Unterschied in der Zahl der Freunde, ohne dass Kinder mit Migrationshintergrund im Nachteil wären: Sie pflegen im Durchschnitt einen größeren Freundeskreis.

Dem Familienklima scheint eine gewisse Schlüsselfunktion zuzukommen: Kinder mit positiv-harmonischem Familienklima berichten über mehr Gelegenheiten, Freunde zu treffen als Kinder aus Familien mit gespannten und konfliktbelasteten Beziehungen. Auch die schulische Entwicklung profitiert von einem günstigen Familienklima.

Entwicklungsmöglichkeiten eröffnen

»Arm dran« ist demnach aus der Perspektive der Kinder, wer in der Familie öfter Ärger hat, wem Kontakte zu Gleichaltrigen fehlen, wer in der Schule mit Problemen zu kämpfen hat und dabei nicht auf die Unterstützung der Eltern zählen kann und wer wenig Möglichkeiten hat, Freizeitaktivitäten außer Haus nachzugehen. In einem nächsten Schritt wäre nunmehr zu prüfen, wie diese Aspekte kindlicher Alltagspraxis ihrerseits durch die strukturellen Rahmenbedingungen beeinflusst werden.

Dass den Aktivitäten in den vorgestellten Analysen eine so zentrale Bedeutung zukommt, ist insofern nachvollziehbar, als sie die Erfahrungswelt der Kinder unmittelbar berühren. Umgekehrt scheinen prekäre finanzielle Lebenslagen bei den Kindern nur wenig zu bewirken: Nach den hier berichteten Befunden geht Einkommensarmut weder mit erhöhtem Problemverhalten der Kinder einher noch mit vermehrten Belastungen des Familienklimas oder einem kleineren Freundeskreis. Dies mag damit zu tun haben, dass Eltern in der Regel alles versuchen, materielle Probleme von ihren Kindern fern zu halten (Wüstendorfer 2008). Mangelnde Bildungsressourcen scheinen hier einen gravierenderen Nachteil darzustellen, vermutlich einerseits deshalb, weil prekäre Einkommenslagen sich unter diesen Bedingungen eher chronifizieren, andererseits aber auch, weil es schwerer fällt, den Kindern im privaten Umfeld einen anregungsreichen Entwicklungskontext zu bieten.

Deutlich wird, dass für Kinder und Eltern in prekären Lebenslagen zusätzliche, über finanzielle Transfers hinausgehende Formen der Unterstützung und Förderung nötig sind. Wie ansatzweise gezeigt wurde, profitieren Kinder von vielfältigen Resilienz- und Kompensationsfaktoren, an die sich anknüpfen lässt. Sie benötigen insbesondere Rückhalt in der Familie, Vorbilder und Unterstützung beim Erlernen von positiven Handlungsstrategien, den Zugang zu unterschiedlichen Erfahrungsräumen und nicht zuletzt »eine gelingende, weil geförderte soziale Integration in Peergroups sowie in das soziale und schulische Umfeld« (Holz 2006).

LITERATUR

Alt, Christian: Armut im Alltag von Kindern. AID:A-Befunde. Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags bei der wissenschaftlichen DJI-Fachtagung »Aufwachsen in Deutschland« am 17. und 18.11.2010 in Berlin. Weitere Informationen sind erhältlich bei alt@dji.de.

Alt, Christian (Hrsg.; 2008): Kinderleben – individuelle Entwicklungen in sozialen Kontexten. Band 5: Persönlichkeitsstrukturen und ihre Folgen. Wiesbaden

Autorengruppe Bildungsberichterstattung (Hrsg.; 2010) Bildung in Deutschland 2010. Ein indikatorengestützter Bericht mit einer Analyse zu Perspektiven des Bildungswesens im demografischen Wandel. Bielefeld

Betz, Tanja / Lange, Andreas / Alt, Christian (2007): Das Kinderpanel als Beitrag zu einer Sozialberichterstattung über Kinder – Theoretisch-konzeptionelle Rahmung und method(olog)ische Implikationen. In: Alt, Christian (Hrsg.): Kinder in der Grundschule. Von Schulstart, Wohlbefinden, Entwicklungsprozessen und Problemen (Band 3: Ergebnisse aus der zweiten Welle). Wiesbaden, S. 19–79

Bayer, Michael: Soziale Risiken von Kindern. Unveröffentlichtes Manuskript des Vortrags bei der wissenschaftlichen DJI-Fachtagung »Aufwachsen in Deutschland« am 17. und 18.11.2010 in Berlin. Weitere Informationen sind erhältlich bei bayer@dji.de.

Chassé, Karl August / Zander, Margherita / Rasch, Konstanze (2010): Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen, 4. Auflage. Wiesbaden

Häussermann, Hartmut / Kronauer, Martin / Siebel, Walter (Hrsg.; 2004): An den Rändern der Städte. Armut und Ausgrenzung. Frankfurt am Main

Holz, Gerda / Richter, Antje / Wüstendörfer, Werner / Giering, Dietrich (2006): Zukunftschancen von Kindern sichern?! Zur Wirkung von Armut bis zum Ende der Grundschulzeit. Frankfurt am Main

Holz, Gerda (2006): Lebenslagen und Chancen von Kindern in Deutschland. In: Aus Politik und Zeitgeschichte, Heft 26/2006

Hurrelmann, Klaus / Andresen, Sabine u. a. (2010): Kinder in Deutschland 2010,

2. World Vision Kinderstudie. Frankfurt am Main

Munz, Eva / Cloos, Bertram (2009): Sozialberichterstattung Nordrhein-Westfalen. Prekäre Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen in Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf

Walper, Sabine (2008): Sozialisation in Armut. In: Hurrelmann, Klaus / Grundmann, Matthias / Walper, Sabine (Hrsg.): Handbuch Sozialisationsforschung, 7. Auflage. Weinheim und Basel

Wüstendorfer, Werner (2008) Dass man immer nein sagen muss. Eine Befragung der Eltern von Grundschulkindern mit Nürnberg-Pass. Nürnberg

DIE AUTORINNEN

Prof. Dr. Sabine Walper ist Professorin für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Jugend- und Familienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Birgit Riedel ist wissenschaftliche Referentin in der Abteilung »Kinder und Kinderbetreuung« des Deutschen Jugendinstituts.

Kontakt: walper@edu.uni-muenchen.de, riedel@dji.de

Wir entnehmen diesen Beitrag aus Heft 1/2011 des DJI-Bulletins Impulse mit freundlicher Genehmigung der Redaktion. Sie können dieses Heft herunterladen unter www.dji.de/impulse

 

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