Weiterbildung in sechs europäischen Ländern
Die Sprachentwicklung fördern, die Bedürfnisse der unter Dreijährigen
berücksichtigen, mit Eltern kooperieren – die Bildung, Betreuung und
Erziehung in Kindertageseinrichtungen stellt hohe Anforderungen an
Erzieherinnen und Erzieher. Kontinuierliche Weiterbildung ist für diese
Berufsgruppe deshalb ein Muss. Ein gesetzlich verankertes
Weiterbildungsrecht und Anreize fehlen jedoch: Weiterbildungen sind in
Deutschland kein verlässlicher Weg zu beruflichem Aufstieg. In anderen
europäischen Ländern haben Weiterqualifizierungen auch persönliche
Vorteile. Dies zeigt eine Studie der Weiterbildungsinitiative
Frühpädagogische Fachkräfte (WiFF), für die Pamela Oberhuemer unter
anderem die Anerkennung und das Recht auf Weiterbildung in Dänemark,
England, Italien, Schweden, Slowenien und Ungarn mit den
Rahmenbedingungen in Deutschland vergleicht.
In Deutschland
erhalten Fachkräfte in Kitas für eine Seminarreihe zum Thema
Leitungskompetenz in der Regel ein Zertifikat. Damit kommen sie zwar bei
ihrem Arbeitgeber weiter, nicht aber bei einem anderen Träger. In
Slowenien hingegen können sie durch die Teilnahme an anerkannten
Weiterbildungen oder durch den Nachweis bestimmter Tätigkeiten
landesweit gültige Kreditpunkte für die Bewerbung auf besser bezahlte
Stellen erwerben. In Dänemark und Schweden lassen sich Kreditpunkte, die
durch akkreditierte trägerübergreifend konzipierte Weiterbildungen
erreicht wurden, auf ein weiterführendes Studium anrechnen. "Erst wenn
in Deutschland künftig nicht nur Ausbildungsinhalte, sondern in
stärkerem Ausmaß auch Weiterbildungen auf ein Studium angerechnet werden
und so Aufstiegschancen verbessern, bekommen Weiterbildungen endlich
den Stellenwert, den sie angesichts der Anforderungen an die Fachkräfte
haben", sagt Anna von Behr, Projektkoordinatorin der WiFF.
Auch
in Ungarn gibt es Anrechnungsverfahren für Weiterbildungen. Allerdings
dienen die erworbenen Kreditpunkte nicht dem beruflichen Aufstieg,
sondern dem Erhalt der Arbeitsstelle; denn der Besuch von
Weiterbildungen ist Pflicht. Gleichzeitig gibt es für gruppen- und
kitaleitende Fachkräfte ein gesetzlich verankertes Weiterbildungsrecht.
Ihnen stehen zusätzliche Urlaubstage zur Verfügung, von denen in der
Regel zehn bis 15 Tage pro Jahr für Weiterbildungen genutzt werden. In
Slowenien ist der Arbeitgeber verpflichtet, Erzieherinnen und Erziehern
Weiterbildungen an fünf Tagen pro Jahr zu genehmigen und die Kosten
dafür zu übernehmen. In Italien können Fachkräfte je nach Anstellung bei
Staat oder Kommune 80 bis 240 Stunden pro Jahr beanspruchen. In
Dänemark haben Leitungen und pädagogische Assistentinnen und Assistenten
einen Anspruch auf Weiterbildungen; in England gilt dies für Lehrkräfte
der Kindertageseinrichtungen (etwa ein Zehntel des Personals). In
Schweden existiert ein solches Recht auf Weiterbildung für
frühpädagogische Fachkräfte nicht. In Deutschland haben Erzieherinnen
und Erzieher im Schnitt Anspruch auf fünf Tage Bildungsurlaub pro Jahr.
Trotz
der Unterschiede bei den Anrechnungsmöglichkeiten und den gesetzlichen
Ansprüchen auf Weiterbildung in den einzelnen Ländern gibt es einen
europäischen Trend: Angeboten werden in allen untersuchten Ländern
überwiegend kurzzeitige Seminare, die nicht anrechnungsfähig sind. "Bei
diesen Formaten wird der Arbeitsaufwand unterschritten, für den ein
Kreditpunkt vergeben werden kann. Gebraucht werden mehr langfristige
Weiterbildungen, die anrechnungsfähig sind und einem aufbauenden
Kompetenzerwerb dienen", kommentiert Anna von Behr die
Studienergebnisse.
Die WiFF-Studie "Fort- und Weiterbildung frühpädagogischer Fachkräfte im europäischen Vergleich" von Pamela Oberhuemer kann auf dem Webportal der WiFF kostenlos herunter geladen werden.
Über die Autorin
Pamela
Oberhuemer war über 30 Jahre wissenschaftliche Referentin am
Staatsinstitut für Frühpädagogik (IFP) in München. Die frühpädagogische
Expertin hat für verschiedene internationale Organisationen gearbeitet,
u. a. für die OECD im Rahmen der „Starting Strong“-Studien (2001; 2006;
2012). Sie war Mitglied im fachwissenschaftlichen Beirat von drei
frühpä-dagogischen Hochschulstudiengängen sowie Gutachterin im Projekt
Profis in Kitas (PiK) der Robert Bosch Stiftung und ist Mitherausgeberin
der Zeitschrift Early Years – An International Journal of Research and
Development.
Quelle: WiFF.de

