zwei U3 Kinder

Entwicklung des Demokratieverständnis bei Kindern

Dr. Erika Butzmann

23.05.2022 | Fachbeitrag Kommentare (1)

Die Krippe wird inzwischen von den pädagogischen Experten als „Kinderstube der Demokratie“ bezeichnet, weil sie dort erleben, wie große und kleine Menschen zusammen ihren Alltag organisieren. Doch was macht es mit den Kleinsten, wenn sie mit Erwartungen konfrontiert werden, die ihren Grundbedürfnissen total widersprechen? Denn die Organisation des Alltags ist noch lange nicht im Wahrnehmungsbereich der Kinder, um daraus für das Demokratieverständnis zu profitieren. Sie sind in den ersten drei Jahren gerade in der Fremdbetreuung noch vollständig auf das Versorgt- und Geschütztwerden durch die Erwachsenen fokussiert, weil ihr Ichbewusstsein erst noch im Aufbau ist. Ohne voll ausgebildeten Ichbewusstsein kann auch der Sinn von Partizipation als Vorläufer des Demokratieverständnisses nicht erfasst werden.

So ist es sicher hilfreich zu wissen, welche Voraussetzungen nötig sind, damit die Kinder später demokratische Zusammenhänge verstehen. 

Am Anfang steht in erster Linie die sichere Bindung an die Eltern!

  1. Die sichere Bindung und Anwesenheit der Eltern in den ersten zwei bis drei Jahren ist Voraussetzung, um allen emotionalen und kognitiven Fähigkeiten, die in ihrem Ursprung angeboren sind, zur Ausbildung zu verhelfen. Geschwister unterstützen dabei.
  2. Die in den Krippen den Kindern antrainierte Selbstversorgung, die als Selbstbestimmung deklariert wird, klappt nur durch die angeborene hohe Anpassungsbereitschaft und die in den ersten Jahren noch weitgehend unbewusste Nachahmungsfähigkeit.  Das dadurch hervorgerufene Training führt zu einer äußeren Selbstständigkeitdie zu Hause den Rückfall in die totale Abhängigkeit von Eltern zur Folge hat.  Insofern ist weder ein Nutzen für die Selbstständigkeit noch für die „Demokratiefähigkeit“ vorhanden, sondern dies führt zu entwicklungseinschränkendem Dauerstress durch die ständigen Anpassungsleistungen der kleinen Kinder. Gleichzeitig wird die entwicklungsfördernde Spieltätigkeit eingeschränkt.
  3. Erst bei einer Gruppenbetreuung ab drei Jahre lernen Kinder durch das Rollenspiel soziales Verhalten im Spiel; und zwar bevor sie begreifen, was soziales Verhalten bedeutet. Erzieherinnen haben dabei im Sinne eines demokratischen Verständnis-Vorlaufs die Aufgabe, Kindern bei Konflikten zu helfen, wenn diese es selbst nicht schaffen. Dabei darf nicht mit den Kindern geschimpft, sondern dem „Täter“ muss  erläutert werden, was sein Handeln beim „Opfer“ bewirkt hat. Danach muss der Fall abgehakt sein, damit das Kind die Chance hat, über sein Verhalten nachzudenken. Denn kleine Kinder lernen nicht durch Kritik oder Bestrafung, sondern mit der Erfahrung, durch ihr negatives Verhalten nicht verdammt zu werden. Dieser Lernprozess verläuft über die nächsten zwei bis drei Jahre, in denen die Kinder aufgrund des sich weiterentwickelnden sozialen Verstehens zunehmend angemessenes Verhalten zeigen. Die biologisch angelegte Grundmotivation der Kinder, sich richtig zu verhalten, sorgt dafür, wenn eine sichere Eltern-Kind-Bindung vorhanden ist. Dieser Prozesse wird durch von außen einwirkende Lernprogramme eher gestört. Partizipation im Alltag fordern die Kinder von sich aus ein, wenn die Atmosphäre stimmig ist, das muss ihnen nicht beigebracht werden.
  4. Da kindliches Lernen beziehungsabhängig ist, entwickelt sich auch das sozialen Denken und Verstehen im Zusammenhang mit einer Bindungsperson. Die Gewähr dafür liefern in den ersten sechs Jahren die Familienmitglieder im täglichen Umgang miteinander und die Gleichaltrigen ab drei Jahre über das Rollenspiel. Alle anderen haben darauf erst mit zunehmendem Alter der Kinder Einfluss.
  5. Die Entwicklung des Regelverstehens der Kinder als Vorläufer für demokratisches Handeln, muss in der Kita im Blick behalten werden; sowohl bei der Regelfestsetzung als auch bei den Forderungen nach Einhaltung durch die Kinder unterschiedlichen Alters (Butzmann 2020, S. 183). Das bedeutet, es darf keine negativen Reaktionen der Erzieherinnen bei Regelverletzungen geben, sondern nur der Hinweis auf falsches Verhalten.  Nur dann ergibt sich daraus ein Verständnis für Prozesse des Zusammenlebens. Die Achtung vor gemeinsamen Beschlüssen, die den Kitakindern schon nahegelegt wird, entwickelt sich erst im späteren Grundschulalter.
  6. Bildungsprogramme zur Partizipation bleiben oberflächlich, denn die Partizipation muss im Tagesverlauf den Kindern bei normalen Tätigkeiten angeboten werden, um Eingang in ihr Selbstverständnis zu finden. Das bedeutet, alles was sie selbst machen wollen, sollte zugelassen werden; es genügt, wenn diese Aktionen nicht verhindert werden. Vorschläge zur Beteiligung müssen sich am Alter der Kinder orientieren, denn die bis zu vierjährigen Kinder haben auf Grund ihrer besonderen sozial-kognitiven Denkweise noch Probleme mit der Entscheidungsfähigkeit. Sie können zwei gleich gute Dinge nur nacheinander bedenken und nicht gegeneinander abwägen, sich also nicht gut entscheiden.
  7. Am Verhalten der fünf- bis sechsjährigen Kinder ist zu erkennen, wie sinnlos Programme zum Demokratielernen in den Kitas ist: In dem Alter versuchen sie mit Macht über die andern zu bestimmen. In ihrem normalen Entwicklungsprozess sind sie an dem Punkt angelangt, wo sich das Gehirn umbaut und mit sechs bis sieben Jahren die Schulfähigkeit ermöglicht. Aus dem vorlogischen Denken, das die Phantasietätigkeit hervorbrachte, entsteht jetzt ein durchgängig logisches Denken. In dieser Übergangsphase sind die Kinder ganz auf sich selbst bezogen, weil sie versuchen, ihre bisher erworbenen Fähigkeiten zu sortieren, um ein Bild von sich selbst zu erhalten. Von diesem Zeitpunkt an kann man erst von Selbstbewusstsein des Kindes sprechen. Das Verständnis für die Bedürfnisse der anderen ist vorübergehend eingeschränkt, weil das eigene Können und Wollen im Mittelpunkt steht. Sie bestimmen über andere, weil sie überzeugt sind, es besser zu wissen als die anderen. Mit der Regelung der daraus in den Kita-Gruppen entstehenden Konflikten haben die Erzieherinnen genug zu tun. Die Vermittlung von Respekt vor dem anderen ist hier nicht möglich, weil die Gehirne besonders der Jungen mit etwas ganz anderem beschäftigt sind.
  8. Wenn alle reifungsbedingten Fähigkeiten der Kinder sich gut entwickeln können in einer verständnisvollen Familie und ergänzend über einen halben Tag in der Kita, dann sind die Grundlagen vorhanden, um sich im Laufe der überwiegend halbtags stattfindenden Grundschule demokratisches Wissen anzueignen. Denn dieses Wissen benötigt weiterhin Erfahrungen in der Familie, in Vereinen, im Freundeskreis ohne einzwängende Zeitpläne.
  9. Die Hochglanzbroschüren zur Demokratiebildung in den Kitas, z.B. von der Amadeo Antonio Stiftung oder dem Nifbe, erscheinen als Beschäftigungstherapie für WissenschaftlerInnen, wenn beachtet wird, dass die ganzen sehr differenzierten Ausführungen aus der Sicht der Erwachsenen stammen und den gesamten sozial-kognitiven Entwicklungsprozess der Kinder (Butzmann 2020) aussparen. Das heißt sowohl die Kinder sind damit überfordert als auch die Erzieherinnen, die in einer 1:1 Betreuung diesen Ansprüchen nur genügen könnten.
  10. In den ersten beiden Klassen der Grundschule sind die Kinder noch sehr auf sich selbst bezogen, um den Anforderungen der Schule gerecht zu werden. Die ersten demokratischen Handlungen befassen sich mit der Wahl des/der KlassensprecherInnen; womit sich dann das Thema auch erschöpft hat.
  11. Erst in der dritten und vierten Klasse ist die sozial-kognitive Entwicklung so weit fortgeschritten, dass die Bedürfnisse der Gruppe im Denken der Kindern verankert wird. Ab der vierten Klasse macht es dann Sinn, demokratische Lerninhalte zu vermitteln.

Die Beachtung der Besonderheiten des sozial-kognitiven Entwicklungsprozesses in den ersten acht Jahren ist die Voraussetzung, den Kindern ein fundiertes demokratisches Verständnis zu vermitteln.

Literatur:
Butzmann, Erika: Sozial-kognitive Entwicklung und Erziehung. Impulse für Psychologie, Erziehungswissenschaft und Sozialpädagogik. Gießen: Psychosozial-Verlag 2020
 
Autorin:
Dr. Erika Butzmann
Entwicklungspsychologin 
Erziehungswissenschaftlerin

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Kommentare (1)

Angelika Mauel 27 Mai 2022, 18:48

Liebe Frau Butzmann,

es fällt an der Basis schon auf, wie bestimmte Modethemen uns durch Broschüren oder in Fachzeitschriften offen als Werbung oder versteckt als Fachartikel passend zu den Interessen der Anzeigenkunden nahegebracht werden sollen. "Partizipation" ist ein Modethema - und es ist zum Teil absurd, was durch Fachschulen oder Bücher vermittelt wird. Kleinkinder sollen sich einerseits ihre Windel zwischen drei verschiedenen Modellen auswählen können - aber dass der Wille jedes Kindes respektiert wird, wenn es nach der offiziell abgeschlossenen "Eingewöhnung" nicht in seiner Gruppe bleiben will, ist im System nicht vorgesehen. Von "Schulreife" ist noch die Rede. Der Begriff "Kindergartenreife" taucht in der Erzieherausbildung nicht auf und ich vermute, der Begriff "Krippenreife" wurde - wenn überhaupt - kaum benutzt.

Erzieherinnen sollen nach einem Fachbuch von Herder beispielsweise den Schlaf eines Kindes beobachten und protokollieren, um einen günstigen Weckzeitpunkt zu ermitteln, wenn Eltern wünschen, dass ihr Kind aus dem Mittagsschlaf geweckt wird... Schlafentzug ist in totalitären Staaten eine von vielen Foltermethoden. Und weder Eltern noch Erzieherinnen sollen eine Scheu haben, ein Kind einfach zu wecken? Tiere würden ihre Jungen nur im Notfall nicht ausschlafen lassen. Dass der von Erzieherinnen zu leistende "Service" so weit gehen soll, dass wir ein Kind https://www.erzieherin.de/wie-entwickelt-sich-das-demokratieverstaendnis-bei-kindern.html?fbclid=IwAR3SZR1RuWlYbw8hwfG3MFWpqMEFzLElRTmcMQVoaC9RIJ_bZfnSBo2bcZE#topwecken, damit es seine Eltern nachts nicht quietschfidel vom Schlafen abhält, zeigt, wie wenig die Rechte von Kleinkindern wirklich zählen.

Danke für Ihren Fachartikel, der mein Interesse an Ihrem Buch geweckt hat.

Freundliche Grüße
Angelika Mauel

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