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Wie können Kindertageseinrichtungen der Armut von Kindern begegnen?

Waltraud Lorenz

21.03.2011 Kommentare (1)

Kinderarmut ist in Deutschland in den vergangenen Jahren zu einem ständig wachsenden gesellschaftlichen Problem geworden. Statistiken belegen eine steigende Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die von Armut bedroht oder betroffen sind. Das soziokulturelle Existenzminimum wird nicht erreicht. Dies führt, trotz möglicher Resilienz, zu einer grundsätzlichen Benachteiligung in wesentlichen gesellschaftlich relevanten Bereichen und nimmt auf die Persönlichkeits-entwicklung, besonders im emotionalen und sozialen Bereich, gravierend Einfluss.

Die Lebenssituation „armer“ Kinder stellt die institutionelle Erziehung vor besondere Herausforderungen. Um die Entwicklung betroffener Kinder positiv beeinflussen zu können, ist eine professionelle Elternarbeit unerlässlich. Dabei kommt der sensiblen Gesprächsführung große Bedeutung zu.

Fragen und Themen, die in diesem Kontext entstehen:

  • Welche Rolle habe ich als Erzieherin für die ElternWelche verschiedenen Formen von Armutsfamilien gibt es und benötigen sie unterschiedliche Hilfen?
  • Welche Funktion haben Elterngespräche?
  • Welche Aspekte muss ich in der Gesprächsführung berücksichtigen?
  • Wie gehe ich mit der eigenen Betroffenheit über das Leid der Kinder um?

Von Armut betroffene Kinder sind bereits im Vorschulalter erheblich belastet. Kinderarmut ist deshalb nicht nur an äußeren Faktoren (unangemessene Kleidung, Unterversorgung im gesundheitlichen Bereich…) erkennbar. Häufig haben diese Kinder bereits eine Haltung entwickelt, die von ihrer Lebenssituation geprägt ist:

  • weniger Kontakt zu anderen Kindern (sie erfahren selbst kein kind-zentriertes Familienleben)
  • weniger Kontakt zum Gruppengeschehen
  • geringere Wissbegierde
  • weniger Fragen
  • geringerer Wortschatz und mangelnde Sprachkultur
  • weniger kreatives Spielverhalten
  • weniger Motivation, zur Schule zu gehen

Kinderarmut aus familiensystemischer Sicht

Kinder fühlen sich verantwortlich für die elterlichen Konflikte, die gesamte Problemsituation und die Armutslage der Familie. Sie spüren die Stresssituation der Eltern, geben sich häufig die Schuld und stellen ihre Daseinsberechtigung infrage. Sie beziehen die Probleme auf sich und meinen, wenn sie nicht in dieser Familie leben würden, wäre alles gut. Sie wollen elterliche Konflikte „heilen“ und überfordern sich in hohem Maß. Aus familiensystemischer Sicht ist eine derart belastete emotionale Situation für das Kind ausweglos. Es empfindet Ausgrenzung seiner eigenen Person, seiner Eltern und Geschwister und schämt sich.

Kinderarmut aus entwicklungspsychologi-scher Sicht

Die Armutsfolgen im emotionalen und sozialen Bereich beeinflussen die frühkindliche Entwicklung. Der Aufbau einer sicheren Bindung ist gefährdet. Durch die Häufung von Belastungen bei den Bezugspersonenwerden die kindlichen Basisbedürfnisse nicht zuverlässig erfüllt, die Kontinuität der Verfügbarkeit der Bindungsperson sowie das Unterstützen des Explorationsverhaltens sind gestört. Bindungspersonen werden vom Kind nicht überwiegend positiv und lebenskompetent, sondern häufig gestresst, überlastet und im Kontext umfassender Konflikte wahrgenom-men. Stressbedingte Verhaltensweisen der Eltern führen zu starken emotionalen Belastungen der Kinder, die sich in Ängsten oder Problemverhalten äußern. Dieses Problemverhalten bringt neue Schwierigkeiten mit sich. Psychische Belastungen der Eltern durch finanzielle Knappheit führen zu einer geringeren Ansprechbarkeit der Eltern. DieFolge: Kinder suchen bei Problemen nicht mehr ihre Eltern auf und lösen sich emotional zu früh vom Elternhaus ab. Auf diese Weise werden Kinder zu früh „erwachsen“, übernehmen elterliche Pflichten für Geschwister und sind daran gehindert, wichtige Entwicklungsphasen ihrer Kindheit und Jugend konstruktiv auszuleben.

Die Rolle der Erzieherin

Daher ist es notwendig, die Armutslage im systemischen Kontext zu erkennen und positiv auf das Kind und seine Eltern einzuwirken. Es gilt, die Gesamtsituation des Kindes, die Problemlage, die noch vorhandenen Ressourcen und die Art der erforderlichen Hilfeleistung zu erkennen und zu beurteilen. Dabei ist das Gruppengeschehen in der Kindertageseinrichtung ein wichtiger Baustein auf dem Weg zur Förderung von Resilienz.

Die Befriedigung der physischen und psychischen Grundbedürfnisse der Kinder wird zunehmend eine Aufgabe für Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, denn Familien sind immer häufiger dazu nicht mehr umfassend in der Lage. Die Kindertageseinrichtung wird zur wichtigsten Ressource.

Sozialpädagogische Aufgaben

Konzeptionelle Schwerpunkte

Das Thema Armut sollte beherzt und offen bei allen Kindern und Eltern angesprochen werden und in die Konzeption einer Kita einfließen. Die Thematik betrifft viele Eltern, die stillschweigend über ihre Verhältnisse leben und in schwierige Situationen geraten. Alle Kinder sollen einen „guten Platz“ in der Kindertageseinrichtung haben. Auch Kinder aus „reichen“ Familien fühlen sich angesichts der Tatsache, dass anderen Kindern wesentliche Grundlagen fehlen, nicht wohl.

Präventive Überlegungen:

  • Welche Kosten können gespart werden?
  • Welche Ressourcen gibt es, um regelmäßig ein gesundes Frühstück zu sponsern(Bäckereien, Lebensmittelge-schäfte)?
  • Welche Kitas in der Umgebung sind kooperativ und veranstalten Sammlungen von Kleidung, Büchern etc., die zwischen den Einrichtungen ausgetauscht werden können, um zu vermeiden, dass Kinder etwa ihre Kleidungsstücke, die verschenkt wurden, wiedererkennen?
  • Welche kostenintensiven Aktivitäten können durch kostengünstigere Angebote ersetztwerden?
  • Welche Beratungsstellen/welches Familienzentrum/welche Behörden liegen in der Nähe, so dass deren Infrastruktur genutzt werden kann?

 In der Umsetzung bedeutet dies:

  • Die erzieherische Haltung beinhaltet bewusst die möglichst urteilsfreie positive Zuwendung zu Kindern und Eltern in Armutslagen.
  • Statistische Zahlen über Familien in Armutslagen in der eigenen Einrichtung werden erhoben (Risikogruppen).
  • Sammeln/Teilen/Sparen gehört in der Kita zur „Normalität“.
  • Kostenfreie Bildungsangebote außerhalb der Einrichtung werden genutzt (Bücherei-en, Kurse…).
  • Sponsoren für Bildungsmaterialien werden gesucht, hier kann auch der Elternbeirat aktiv eingebunden werden.
  • Materialien wie Turnkleidung, Gummistiefel, Malutensilien stehen Kindern kostenlos zur Verfügung.
  • Schulvorbereitung berücksichtigt in besonderer Weise Kinder in Armutslagen.
  • Armutsthemen (zum Beispiel in Märchen, aber auch in aktuellen Nachrichten) finden Niederschlag im pädagogischen Alltag, um die Empathiefähigkeit von Kindern zu vertiefen.
  • Elternbildung wird intensiviert. Da erfahrungsgemäß ein geringer Anteil der Problemfamilien an Elternbildungsveran-staltungen teilnimmt, gilt ein besonderes Augenmerk dem persönlichen Elternge-spräch.
  • Regelmäßige Elterngespräche zu Alltagsthemen werden herbeigeführt.
  • Positives Feedback schafft Nähe und Vertrauen und wird bewusst in die Elternarbeit eingebaut.

Gespräche mit Eltern in Armutslagen

Viele Einzelaktivitäten, die in der Praxis eine finanzielle Entlastung der Eltern bedeuten können, sind wichtig. Sie bringen häufig jedoch nicht die erforderliche Einflussnahme auf die Lebenswirklichkeit und -situation der betroffenen Familien. Deshalb kommt den Einzelgesprächen eine große Bedeutung zu. Eltern in Armutslagen sind zutiefst verunsichert, fühlen sich ausgegrenzt, schämen und verstecken sich. Es geht hierbei in erster Linie darum, dass die Eltern emotionale Stütze und Sicherheit erfahren. Erst dann kann Beratung angenommen und umgesetzt werden.

Die beschriebenen Faktoren machen Gespräche mit Eltern in Armutslagen schwierig. Die Berücksichtigung der Lebenslage dieser Menschen ist zwingend erforderlich, damit Gesprächsinhalte überhaupt gehört werden können.

Gesprächshaltung:

  • mitfühlende, aber sehr konkrete Beratung
  • persönliche Zuwendung, Nähe und rechtzeitiges Abgrenzen
  • emotionaler Beistand (Trost, Zuversicht geben...)
  • positives Feedback, auch wenn sich die Eltern nicht mehr genug um das Kind kümmern (zum Beispiel: „Sie sind die wichtigste Person für Ihr Kind“, „Sie kennen Ihr Kind am besten“, „Sie wissen am besten, was Ihr Kind braucht“)

Gesprächsimpulse und -techniken:

Das Gesprächsthema/Gesprächsanliegen soll immer wohlwollend neutral bestätigt werden, auch wenn es sich um eine Beschwerde handelt (zum Beispiel: „Es ist Ihnen wichtig, dass wir über... sprechen“)

Ebenso sollten Emotionen immer wertschätzend bestätigt werden (zum Beispiel: „Ich höre, Sie sind verärgert, weil...“ oder „Sie sind besorgt, weil ...“). Das Bestätigen der Emotionen ist deshalb besonders wichtig, weil der Gesprächs-partner sonst die Emotion bis zum Ende des Gesprächs präsentiert und noch steigert, um die Bestätigung zu erhalten, dass er in der eigenen Befindlichkeit wahrgenommen wird.

Negative Verhaltensweisen des Kindes sollten umschrieben und so formuliert werden, dass Eltern diese bestätigen und zustimmen können (Beispiel Aggressivi-tät: „Ihr Kind ist sehr aktiv, es möchte am liebsten mit allen Sachen spielen und tut sich schwer, wenn andere das begehrte Spielzeug haben...“).

Es ist wichtig, intensiv und beharrlich nachzufragen („Das habe ich noch nicht ganz verstanden, ...wie war das genau?“).

Ressourcenorientierte Fragen stellen die Kompetenzen des Menschen in den Vordergrund (zum Beispiel: „Wie haben Sie es bisher geschafft, diese schwierige Situation zu meistern?“).

Helfen Sie weiter, unterstützen Sie (zum Beispiel: „Denken Sie an Folgendes...“, „Wie war das beim letzten Mal, als Sie es geschafft haben...“).

Optionen werden durch hypothetische Fragen erarbeitet („Wenn Sie nun zaubern könnten, was wäre für Sie am Wichtigs-ten?) und durch Nachfragen so weit heruntergebrochen, dass sie erreichbar werden („Welche Ideen haben Sie, Ihr Vorhaben umzusetzen?“). Hypothetische Fragen führen zu den eigentlichen Bedürfnissen des Menschen und sollten sehr offen formuliert werden („Wenn Sie sicher sein könnten, dass Sie eine größere Wohnung finden, was würde das für Sie bedeuten?“).

Zirkuläre Fragen führen zu Mitgefühl (zum Beispiel: „Wenn Ihre beiden Kinder hier säßen und uns zuhörten, was meinen Sie, würden diese jetzt sagen?“).

 

  • Emotionen spielen eine entscheidende Rolle im Geprächsverlauf:
  • Nehmen Sie jede Emotion als Ausdruck der Befindlichkeit des Menschen wahr.
  • Bestätigen Sie die Gefühle wohlwollend.
  • Helfen Sie, die Gefühle in Worte zu fassen.
  • Nutzen Sie nun die Gelegenheit zu Nähe und (erst jetzt, keinesfalls früher!) zur Beratung und Unterweisung.
  • Helfen Sie, das Problem zu lösen.
  • Leiten Sie das Gesprächsende rechtzeitig ein, denn am Schluss bringen Menschen oft die wichtigsten Anliegen.
  • Es geht um Hinschauen – Zuhören – Spüren!

 

Vorwurf, Forderung und Kritik sind unbrauchbar, denn…

… jeder der Gesprächspartner hat eine Rolle und ein Ziel. Jede Person verhält sich gemäß ihrem Ziel.

… dann entsteht keine Empathie - und damit auch keine Motivation, das eigene Verhalten zu reflektieren.

Vermeiden Sie Besänftigungen und Behauptungen und formulieren Sie Ihr Anliegen als Bitte.Weisen Sie Ihrerseits Killerbotschaften sofort zurück.

Der Umgang mit der Not anderer ist nicht einfach. Es gilt zu berücksichtigen, dass Krisen Menschen empfindlich machen und die Gefühle des pädagogischen Fachpersonals herausfordern. Das macht es besonders schwer, die eigenen Emotionen zu reflektieren und sich davon zu verabschieden, die Menschen für ihre eigene Lebenslage verantwortlich zu machen. In der Rolle des Richters kommen pädagogische Fachkräfte jedoch keinen Schritt weiter. Die mitmenschliche Ebene und die Kommunikati-on in Augenhöhe werden dadurch sogar empfindlich gestört. Bei aller möglicherweise berechtigten Kritik an der Lebensführung anderer Menschen hilft es, sich die Tatsache bewusstzumachen, dass die Kita für Kinder in Armutslagen die letzte Ressource darstellt. Ein einziges Gespräch, ein Moment der Hinwendung, Begegnung und Zuwendung kann für einen Menschen in schwierigen, ja aussichtslosen Lebenslagen Großartiges bedeuten.

Waltraud Lorenz

Dr. phil., Dozentin für Pädagogik, Psychologie und Heilpädagogik an der Fachakademie für Sozialpädagogik Regensburg.

Literatur

Ch. Butterwegge u. a.: Kinderarmut in Ost- und Westdeutschland; Wiesbaden: VS-Verlag 2008
 
K. A. Chassé: Meine Familie ist arm. Wie Kinder im Grundschulalter Armut erleben und bewältigen; Wiesbaden: VS-Verlag 2007
 
Waltraud Lorenz: Kinderarmut in Deutschland – eine neue Herausforderung für Kindertagesstätten; Arbeitshilfe; DiCV Regensburg 2006

 

Wir übernehmen diesen Beitrag mit freundlicher Genehmigung der Redaktion aus Heft 2/2011 von Welt des Kindes.

 

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