Windeldruck in der Eingewöhnung: Warum Scham in diesem Alter entsteht – und Druck sie verstärkt
Die Eingewöhnung ist für ein Kind eine der einschneidendsten Phasen seiner frühen Entwicklung. Neue Bezugspersonen, ein neuer Raum, neue Regeln, ein neuer Alltag ohne die vertraute Nähe der Eltern – all das muss ein junges Kind in wenigen Wochen kennenlernen und verarbeiten. Ausgerechnet in dieser fragilen Zeit entsteht bei vielen Familien und Kitas ein weiterer, stiller Erwartungsdruck: dass das Kind nun auch noch „sauber“, in der Fachsprache „auscheidungsautonom“ werden soll. Aus meiner über 25-jährigen Praxis als Entwicklungspädagogin und Expertin für Hochsensibilität bei Kindern weiß ich: Dieser doppelte Druck trifft Kinder in genau dem Moment, in dem sich ihr Schamgefühl entwickelt – mit Folgen, die weit über die Windel hinausreichen.
Abb.: Doppelter Druck in der Eingewöhnung
Wenn Scham entsteht, bevor Vertrauen wachsen konnte
Nach dem Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung von Erik H. Erikson durchläuft das Kind im zweiten und dritten Lebensjahr die Entwicklungsaufgabe „Autonomie versus Scham und Zweifel“: Es lernt, seinen eigenen Willen und zunehmend auch seine Körperfunktionen selbst zu steuern (vgl. Erikson 1950). Gelingt ihm das in seinem eigenen Tempo, entsteht Selbstvertrauen; wird es dabei zu stark kontrolliert, gedrängt oder kritisiert, können Scham- und Zweifelsgefühle entstehen, die diese Phase eigentlich überwinden soll.
Wird ausgerechnet in diesem Zeitfenster zusätzlich Druck aufgebaut, verknüpft sich das entstehende Schamgefühl nicht mit Selbstbestimmung und eigener Grenze, sondern mit Erwartung, Kontrolle und dem Gefühl, nicht zu genügen. „Ich bin nicht richtig!“Kinder spüren diesen Druck, auch wenn er nicht direkt ausgesprochen wird – über Tonfall, Ungeduld oder wiederholtes Nachfragen und dem Blick.
Der Rollenkonflikt: „Macht ihr doch mein Kind sauber!“
In der Praxis begegnet mir ein Konflikt immer wieder in derselben Form. Eltern befinden sich selbst unter Druck – durch den eigenen Alltag, durch Vergleiche mit anderen Familien, durch die Vorstellung, ihr Kind müsse bis zu einem bestimmten Zeitpunkt „sauber“ sein. Diesen Druck geben sie, oft unbewusst, an die Kita weiter: „Ihr seid doch den ganzen Tag mit ihm zusammen – macht ihr das doch mit dem Sauberkeitsentwicklung.“
Für die Fachkräfte entsteht daraus eine Erwartung, die sie so nicht erfüllen müssten. Denn die Verantwortung für diesen hochsensiblen, individuellen Entwicklungsschritt wird stillschweigend delegiert – ausgerechnet in eine Phase, in der das Kind ohnehin schon mit der neuen Umgebung, neuen Bindungspersonen und dem Getrenntsein von den Eltern beschäftigt ist. Die Aufgabe der pädagogischen Fachkräfte ist es jedoch, diese Phase zu begleiten, das Kind zu stärken und zu motivieren – nicht, einen Reifungsprozess zu erzwingen.
Fachkräfte zwischen Anspruch und fehlendem Auftrag
Aus zahlreichen Gesprächen mit Kita-Teams weiß ich: Viele Pädagoginnen fühlen sich mit dieser Erwartung allein gelassen. Die Sauberkeitsentwicklung ist in der Regel weder curricular verankert noch zeitlich eingeplant. Fachlich korrekt spricht man ohnehin von Sauberkeitsentwicklung statt Sauberkeitserziehung (vgl. Haug-Schnabel 2011) – einem Reifungsprozess, den das Kind selbst leistet. Es fehlt an:
- Zeit – ein individuell begleiteter Prozess braucht Aufmerksamkeit, die im Gruppenalltag kaum aufzubringen ist
- Auftrag – niemand hat diese Aufgabe offiziell an die Fachkräfte übertragen
- Fachwissen – viele Ausbildungen vermitteln kaum entwicklungspsychologisches Wissen zu diesem Thema
Das Ergebnis ist eine doppelte Überforderung: Kinder spüren den Druck von zwei Seiten, während Fachkräfte zwischen Elternanspruch und eigenen Möglichkeiten aufgerieben werden.
Was doppelter Druck langfristig bewirkt
Die vorliegende Forschung zur Sauberkeitsentwicklung ist eindeutig: Ein früher Beginn oder eine hohe Intensität des Trainings beschleunigt die Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle nicht (vgl. Largo & Jenni 2005; Benz & Largo 2003). Blum, Taubman und Nemeth (2003) zeigten sogar: Ein früherer Trainingsbeginn verlängert die Trainingsdauer eher, statt sie zu verkürzen. Wird dennoch Druck aufgebaut, drohen Rückschritte statt Fortschritte: Kinder verweigern sich, ziehen sich zurück oder entwickeln ein unsicheres Verhältnis zu ihrem eigenen Körper – bis hin zu funktionellen Ausscheidungsproblemen wie Stuhlverweigerung, wie im Zusammenhang mit elterlichem Druck beschrieben (vgl. Taubman, Blum & Nemeth 2003).
Langfristig kann ein früh geprägtes Schamgefühl das Urvertrauen in den eigenen Körper schwächen. Ein Zusammenhang, den Fachkräfte und Eltern selten im Blick haben, weil der äußere Erfolg – sauber oder nicht sauber – so viel sichtbarer ist als das, was im Inneren des Kindes passiert.
Praxisimpulse für den Kita-Alltag
Damit Eingewöhnung und der Übergang von der Windel sich nicht gegenseitig belasten, braucht es Klarheit auf beiden Seiten – gegenüber Eltern wie gegenüber dem Kind.
Im Elterngespräch:
- Früh und wertschätzend kommunizieren, dass die Eingewöhnung eine eigenständige, intensive Entwicklungsaufgabe ist – und die Sauberkeitsentwicklung bewusst zurückgestellt werden sollte
- Erklären, warum genau in dieser Phase Schamgefühl entsteht und weshalb Druck nachweislich kontraproduktiv wirkt (vgl. Largo & Jenni 2005)
- Klare Grenzen ziehen, ohne die Beziehung zu den Eltern zu belasten: Zuständigkeit benennen, statt sich zu rechtfertigen – dabei aber Unterstützung anbieten
In der Begleitung des Kindes:
- Signale echter Bereitschaft von reinem Anpassungsverhalten unterscheiden – etwa Interesse am eigenen Körper versus Gehorsam aus Angst vor Enttäuschung
- Dem Kind Raum geben, seinen eigenen Rhythmus zu finden, statt einem Kita- oder Familienkalender zu folgen
- Scham nicht durch gut gemeinte Kommentare verstärken, auch nicht durch übertriebenes Lob, sondern wertfrei beschreiben
Wie entscheidend die Interaktionsqualität dabei ist, zeigt die Forschung zur sensitiven Responsivität pädagogischer Fachkräfte: Blickkontakt und eine feinfühlige, prompte Reaktion auf kindliche Signale sind zentrale Bausteine dieser Haltung (vgl. Remsperger 2011) – und der Schlüssel, um echte Bereitschaft von reiner Anpassung zu unterscheiden.
Ein bindungsorientierter Ansatz – wie ich ihn seit Jahren in meiner Arbeit mit Familien vertrete – setzt genau hier an: Die Sauberkeitsentwicklung darf kein Wettlauf gegen die Zeit sein, sondern folgt dem Entwicklungstempo des einzelnen Kindes, unabhängig von Kita-Übergängen oder elterlichen Erwartungen.
Fazit
Der Konflikt um Windeldruck in der Eingewöhnung ist selten ein Erziehungsproblem – er ist ein strukturelles Missverständnis darüber, wessen Aufgabe dieser Entwicklungsschritt ist und wann er stattfinden darf. Kitas, die das benennen und Eltern früh darin abholen, entlasten nicht nur ihre Fachkräfte, sondern schützen vor allem die Kinder selbst.
Autorin:

Martina Striberny, MAECED — Entwicklungspädagogin, Expertin für Hochsensibilität bei Kindern
Quellen
Erikson, E. H. (1950): Childhood and Society. New York: Norton.
Largo, R. H. & Jenni, O. G. (2005): Was verstehen wir unter einer kindgerechten Sauberkeitserziehung? Kinderärztliche Praxis, Sonderheft „Frühe Gesundheitsförderung und Prävention“, 6–10.
Benz, C. & Largo, R. H. (2003): Entwicklung der Blasen- und Darmkontrolle. Forum News, Skript 7, 1–4.
Blum, N. J., Taubman, B. & Nemeth, N. (2003): Relationship between age at initiation of toilet training and duration of toilet training: a prospective study. Pediatrics, 111(4), 810–814.
Taubman, B., Blum, N. J. & Nemeth, N. (2003): Stool toileting refusal: a prospective intervention targeting parental behavior. Archives of Pediatrics & Adolescent Medicine, 157(12), 1193–1196.
Haug-Schnabel, G. (2011): Physiologische und psychologische Aspekte der Sauberkeitsentwicklung. kita-fachtexte.de.
Remsperger, R. (2011): Sensitive Responsivität. Zur Qualität pädagogischen Handelns im Kindergarten. Wiesbaden: VS Verlag.

